Kossert: Masuren

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Andreas Kossert: Masuren – Ostpreußens vergessener Süden

Masuren – das klingt nach Tragik und Geheimnis, nach Verlust der alten Heimat und zugleich auch ein wenig nach deutschem Sibirien. Was aber bedeutet es? Und wie sieht es dort aus? Wen diese Fragen interessieren, der ist mit dem vorliegenden Buch von Andreas Kossert gut bedient. In 11 Kapiteln entfaltet der Autor die Geschichte dieses Grenzlandes zwischen Deutschland und Polen, angefangen bei den  Sudauern und Galinden bis zum Untergang der polnischen Volksrepublik, und was es dort zu lesen gibt, reicht gleich für ein halbes Dutzend Reisen in die Seenlandschaft des südlichen Ostpreußens.

Als dieses südliche Ostpreußen um das Jahr 1000 zaghaft in des Licht der Geschichte trat, waren im heutigen Masuren nicht weniger als elf  slawische Stämme ansässig,   lauter kriegerische und wenig entwickelte agrarische Clangesellschaften, die insgesamt  etwa 220.000 Menschen zählten und die konsequent jeden Missionar, der sich in ihr Land verirrte, den Garaus machten. Diese altmasurischen Stämme  bekamen es allerdings bald mit dem deutschen Ritterorden zu  tun, den der polnische Herzog Konrad von Masowien 1226  zur Missionierung dieses Heidenlandes nach Ostpreußen gerufen hatte. Bekanntermaßen hat der Deutsche Ordensstaat diesen Auftrag so gründlich erfüllt, dass ein großer Teil der Pruzzen und masurischen Stämme entweder ausgerottet oder in die Knechtschaft getrieben wurde. 1233 wurden Klum und Thorn gegründet, 1243 folgte die Etablierung der Bistümer Kulm, Pomesanien, Ermland und Samland. Bald entstanden  Befestigungswerke entlang der Grenzen nach Polen und Litauen, doch der Zustrom deutscher Siedler ins karge Land blieb spärlich. Stattdessen begann eine moderate Zuwanderung von Polen, die als Neusiedler vom Ordensstaat Land mit der Auflage der Pacht- und Spanndienste erhielten. Eine polnische Zuwanderung im größeren Stil setze erst nach 1411 ein, als der   der Ordensstaat seine ersten vernichtenden Schläge durch das polnische Königtum bereits erhalten hatte. Als Albrecht von Brandenburg, der letzte Hochmeister des Ordens, den Ordensstaat 1525 im Zuge de Reformation säkularisierte, wurde schließlich ganz Ostpreußen und damit auch Masuren offiziell ein Lehen der polnischen Krone. ( 1525) – auch das eine wegweisende politische Entwicklung, denn im Jahre 1618 erbte die kurfürstliche brandenburgische Linie nach dem Aussterben der brandenburgischen Seitenlinie Ostpreußen als Lehen, ein Unterwerfungsverhältnis, das die Brandenburger schon wenige Jahrzehnte später im Zuge der  schwedisch-polnischen Kriege abstreiften. (1660) 

Nun wurde Masuren Teil eines souveränen brandenburgisch-preußischen Staates unter der Herrschaft der ehrgeizigen Hohenzollerndynastie.  Verheerende Pestepidemien führten aber immer wieder zu Bevölkerungseinbrüchen in der ländlichen Bevölkerung, die durch polnische Zuwanderung ausgeglichen wurde. Bedeutend für das Verständnis der masurischen Besonderheit wurde,  dass die zugewanderten Polen durch die von protestantischen Pfarrern betriebene Missionierung überwiegend zum Protestantismus übertraten, so dass damit das Grundmuster des alten Masurens entstand: polnisch in der Sprache, evangelisch im Glauben, preußisch in der Obrigkeit.

Unter Friedrich Wilhelm I wurde die königliche Domänenverwaltung reformiert, es wurde verstärkt  darauf geachtet, die Lasten für die einfachen Bauern nicht überhand nehmen zu lassen, so dass die polnischen Bauern auch hinreichend  Anreiz hatten, überhaupt zu arbeiten. Sein Sohn Friedrich II ließ die Entwässerung Masurens vorantreiben,  Eisenpflüge wurden in der Landwirtschaft eingeführt, ebenso nach und nach die Pferdezucht.   Eine immer deutlicher sich ausprägende Zweiteilung Masurens deutete sich an: die Städte wurden deutscher, das Land polnischer, ohne dass dies in der vornationalen Zeit des 18. Jhdts. besonders wichtig gewesen wäre.  Alle waren Preußen, was sich auch darin zeigte, dass in den Befreiungskriegen  Deutsche wie masurische Polen gleichermaßen zu den Waffen griffen, um Preußens Stellung gegen Napoleon wiederherzustellen.

Obwohl die  Bauernbefreiung und die landwirtschaftlichen Reformen Preußens auch auf Masuren übergriffen und die Situation der ländlichen Bevölkerung verbesserten, konnte es nicht ausbleiben, dass mit dem Aufstieg des Nationalismus die Deutschen „deutscher“ und auch die Polen „polnischer“ empfanden.  Erstes Anzeichen für den nun erst mit Macht aufbrechenden deutsch-polnischen Kulturkonflikt war der Sprachenstreit des Jahres 1834, als die Bezirksregierung in einem Teil Masurens verfügte, dass der Schulunterricht  notabene nur noch in Deutsch stattfinden müsse – eine Verordnung, die der tolerante König Friedrich Wilhelm IV aber wieder aufhob. Die Polendebatte in der Paulskirche zeigte dann in aller Klarheit, wie dezidiert sich der  deutsche Nationalismus schon in seiner liberalen Frühzeit als höherwertig vom Polnischen abgrenzte. Eine volkstümlich-polnische Antwort auf diese Tendenzen, die im Laufe der Jahrzehnte immer stärker wurden, war die   Gromadki-Bewegung, eine protestantischen-polnische Erweckungskonfession, die bald ein Viertel der polnischen Bevölkerung Masurens umfasste

Mit der Reichsgründung  1871 trat das tolerante Preußische dann endgültig zugunsten eines eifernden deutschen Nationalismus zurück, der sich  in Gestalt der Ostmarkenvereine ausdrücklich  die  Zurückdrängung des Polentums auf die Fahne geschrieben hatten. Die Deutschen verwandelten das Land mit Eisenbahnen, Straßenbau und Verbesserung der Verkehrswege immer stärker in ihr Land und empfanden das Polnische mit seinen hohen Geburtenrtaten als langfristige Bedrohung. Als dann 1885 ein Erlass die völlige Streichung es Polentums als offizielle Sprache anordnete, geriet das Polentum Masurens in eine Krise, ohne dass adäquate Antworten verfügbar gewesen wären. Es kam zu einer Massenauswanderung in die westfälischen Industriereviere, in denen bald ein Viertel der masurische Bevölkerung siedelte. (180.000 Masuren im Ruhrgebiet ) Kein Wunder, das sich bald auch die  Geschichtsforschung des Themas Masuren bemächtigte: die Deutschen versuchen den nichtpolnischen Charakter Masurens nachzuweisen,  der deutsch-Pole Wojciech Ketrzynski schrieb 1872 „Über Masuren“, ein Werk, das  den polnischen Ursprung der Masuren belegen sollte. Es  wurde sogar eine polnische Partei gegründet (Masurische Volkspartei), die aber sich bald wieder auflöste.

In dieser Phase der zunehmend national definierten deutsch-polnischen Entfremdung bricht der erste Weltkrieg aus, der 1914/15 Masuren schrecklich verwüstet, vor allem nachdem die Russen nach den beiden ersten Niederlagen bei Tannenberg und den masurischen Seen zurückkehren und im masurischen Winterkrieg wieder aus dem Land gerieben werden mussten. Ein Großteil des Viehbestandes  ging verloren, Hunderttausende waren auf der Flucht, Tausende waren ermordet oder verschleppt worden, Städte und Straßen waren zerstört, so dass eine Welle der Hilfsbereitschaft aus dem Reich einsetzte, die auch viele polnische Masuren wieder mit dem Reich versöhnte.

Zum ersten Mal richtig in das Licht der Weltgeschichte tritt Masuren, als nach dem Ersten Weltkrieg im südlichen Ostpreußens eine von den alliierten angesetzte Volksabstimmung eindeutig zugunsten Deutschlands ausgeht. Obwohl die Mehrheit der Masuren polnisch spricht, stimmen sie mit überwältigender Mehrheit für Deutschland, ein Befund, mit dem die Polen rückblickend überhaupt nicht zurechtkommen und den sie den Masuren nach dem Ende des 2 Weltkrieges heimzahlen sollten. (Nur Soldau im Süden Masurens wurde ohne Abstimmung, obwohl deutsch, an Polen abgetreten, weil die Eisenbahn Danzig-Warschau durch dieses Gebiet führte) Parallel zu prodeutschen Demonstration der Masuren vollzieht sich aber auch ein kurzzeitiger Linksruck im Wählerverhalten, als die SPD in der ersten freien Wahl nach dem Kaiserreich in Masuren die absolute Mehrheit erhält, ein allerdings nur kurzfristiger Prozess, denn bald erringen die deutschen Großgrundbesitzer, z. T. mit Hilfe der Freikorps ihre Suprematie zurück (1927 Tannenberg-Denkmal, Hindenburg-Mythos)  Obwohl aus dem Reich zeitweilig Hilfe beim Wiederaufbau Masurens kommt, bleibt das Land wirtschaftlich ein Sorgenkind. Die Produktivität der kargen Böden ist so gering, dass immer mehr Menschen abwandern, die Verschuldung der Höhe nimmt überhand, Zwangsversteigerungen sind an der Tagesordnung, die Arbeitslosigkeit steigt ins Astronomische, und als die Brüningsche Sparpolitik beginnt, schwenkt ganz Masuren in dass Lager der Nazis ein. Überall in Masuren sind die Wahlerfolge der Nazis sogar noch höher als im Reich, am höchsten dort, wo arme polnischsprachige Masuren leben (!), ein Umstand, den die Polen, die eben diese Menschen für „urpolnisch“ erklären, auch nur schlecht erklären können.(Meine Idee: In Masuren hat sich auf einem bescheidenerem Niveau zugunsten Deutschlands das vollzogen, was sich in Elsass zuungunsten Deutschlands vollzogen hat: eine Minderheit bekennt sich aus Überzeugung zu einer als überlegen wahrgenommen Nation – in Masuren zu Deutschland gegen Polen, im Elsass zu Frankreich gegen Deutschland).

Mit der Machtergreifung der Nazis beginnt ein gigantischer wirtschaftlicher Aufschwung Masurens. In regelrechten „Arbeitsschlachten“ mit Zigtausenden von Arbeiten wird die Entwässerung durchgeführt, die Infrastruktur wird verbessert, Masuren erhalten erstmals Gelegenheit zu sozialem Aufstieg, weil die Nazis mit den alten konservativen Bonzen nichts am Hut hatten, aber nur um den Preis der Ablegung der polnischen Sprache, was in der Folgezeit Kuriosa erzeugt (Überzeugte masurische Nazis halten ihre Parteiversammlungen auf polnisch ab ) und immer mehr Probleme  bereitet. (Ab 1938 Verbot der polnischen Sprache selbst in der Kirche ) In den dreißiger Jahren werden Tausende Umbenennungen durchgeführt (die in den deutschen Atlanten der BRD zum Teil bis heute relevant bleiben ), jeder neu entdeckte Germanenhügel wird als „urdeutsch“ gefeiert. Natürlich geht es bald auch der kleinen masurischen Judengemeinde an den Kragen, hier können sie sich nicht in Großstädten verstecken, weil es keine gibt, andererseits bringt es die Überschaubarkeit der Verhältnisse auch mit sich, dass die Deutschen nicht so gut wegsehen können (ohne dass daraus nennenswerte Mitmenschlichkeit erwüchse). Viele Juden wandern nach Berlin, wo sie 1940 ihr schreckliches Schicksal einholt, oder sie versuchen das Land zu verlassen. Mit dem Beginn des 2. Weltkrieges wird Masuren Aufmarschgebiet, Hitler weilt oft in der Wolfsschanze, Tausende polnischer Kriegesgefangene führen zu einer Renaissance des verpönten Polnischen.

Was Masuren nach der Niederlage Deutschlands im 2. Weltkrieg blühen sollte, machte die vorübergehende Einnahme von Nemmersdorf durch sowjetische Truppen im Herbst 1944  deutlich: hier richteten die Russen unter der Zivilbevölkerung ein bestialisches Massaker an, das den Masuren als warnendes Beispiel vor Augen geführt wurde. Doch es sollte nichts nutzen, erst als es zu spät war, wurde die Parole ausgegeben: rette sich wer kann, was Hunderttausenden nicht mehr gelang. (Zur Rache an den Masuren siehe S. 354).

Nach dem Krieg wurden Hunderttausende Deutsche auf Nimmerwiedersehen zur Zwangsarbeit nach Sibirien abtransportiert, Masuren selbst wurden immer härteren Repressionen unterzogen, um sich zum Polentum zu bekennen, was aber eine erstaunlich große zahl von Menschen selbst unter schärfsten Torturen verweigerte (S. 364-366).Bald strömen polnische Neusiedler ins Land und machen sich breit, allerdings trifft sie genauso wie die Daheimgebliebnen Masuren ab den frühen 50er Jahren das Elend der Kollektivierung. Kein Wunder, dass die Masuren in Polen jede Perspektive verlieren und Jahrzehnt für Jahrzehnt auf gepackten Koffern sitzen und in immer neuen Schüben auswandern bis schließlich in den Siebziger Jahren alle weg sind. Masuren ist masurenfrei. Nun leben dort polnische Neusiedler ohne historische Verwurzelung. Der Autor, der bei aller versuchten Fairness eine gewisse Option für Polen nicht verbergen kann, beschließt sein Buch mit den Hinweisen auf die Wiederentdeckung der masurischen Sonderethnie und ihrer Geschichte durch die polnischen Neumasuren, die sich nun um die Zeitschrift „Borussia“(!) scharen, Völkerverständigung praktizieren, während im Ruhrgebiet und Westfalen sich die Masuren niederlassen und zu einem Ferment des Kunststaates NRW werden. Der mögliche Missbrauch der Masuren im Rahmen einer „revanchistischen“ Vertriebenenpolitik“ ist denn auch der Plot, der Zygmunt Rogalla in Siegfried Lenz Roman „Heimatmuseum“ dazu veranlasst, sein mühsam zusammengestellten Heimatmuseum zu verbrennen, um allen möglichen Instrumentierungen der Masurischen Geschichte – von welcher Seite auch immer –  ein für allemal vorzubeugen  

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