Trojanow: Der Sadhu an der Teufelswand

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Trojanow: Der Sadhu an der Teufelswand.

Dietmar Rothemund schrieb in einem früher viel gelesenen Reisebuch über Indien, es sei der Vorteil des Außenstehenden, dass er Indien als Ganzes in den Blick nehmen könne, was dem Punjabi, dem Rajastani oder dem Tamilen notwendigerweise schwerer fallen müsse. Daran gemessen ist der Autor des vorliegenden Buches ein Indienversteher der besonderen Art, denn er ist Bulgarien geboren, als Moslem in Kenia aufgewachsen und lebt in Bombay. Seine „Reportagen aus einem anderen Indien“ bieten dem Leser die unterschiedlichsten Streiflichter auf die fluktuierende Wirklichkeit eines kontinentalen Landes. Ohne den vermessenen Anspruch zu erheben, dieses Land auf einen Nenner bringen zu wollen, werden auf anschauliche und unterhaltsame Weise der Straßenverkehr, die Feste, die Götter, die Medizin und vieles andere mehr präsentiert – mit einem besonderen Fokus auf die indische Megalopolis Bombay, von der etwa ein Viertel des Buches handelt. Der Autor entführt den Leser auf die Dächer indischer Städte, von denen aus die Drachen zu Ehren Lord Krishnas aufsteigen, in die sozialen Auseinandersetzungen, die durch Bau riesiger Stauseen entstanden sind – und er präsentiert ihm einige der exotischsten Schauplätze des Landes: die Klöster von Ladakh im Himalaja, Jailsalmer in Rajastan, den Kamelmarkt von Pushker und die Kumbh Mela von Allahabad – (allerdings nur die Vorletzte aus dem Jahre 2001). Ich habe nach zehn ausgedehnten Reisen durch Indien selbst alle Plätze gesehen, die in dem vorliegenden Buch beschrieben werden – und nichts gefunden, was falsch gewesen wäre. Im Gegenteil: manche Akzente, die der Autor setzt, sind durchaus geeignet, auch dem Indienkenner neue Perspektiven zu erschließen.   Am stärksten finde ich das Buch dort, wo es Partei ergreift und wertet: etwa wenn Trojanow die Peinlichkeiten bilanziert, die Günter Grass in seinem Indienbuch vor aller Welt ausgebreitet hat oder wenn er dem amerikanischen Präsidenten Clinton anstelle der Potemkinschen Dörfer, die ihm allenthalben gezeigt wurden, folgende Tour empfiehlt: „Zuerst eine Fahrt mit der Western Railway Line, bevorzugt am späten Nachmittag, wenn Teile des Körpers aus Platzmangel aus der offenen Türe hängen und der restliche Leib im stickigen Innern eingepfercht ist. Anschließend eine Besichtigung des städtischen Leichenschauhauses, wo die Toten wegen des Streiks schon seit vier Tagen nicht mehr abgeholt worden waren. Zum Abschluss ein paobhaji am nächsten Kiosk – Kartoffelgemüsepampe auf Brötchen, mit Leitungswasser am Straßenrand zubereitet und schnell serviert. Der amerikanische Präsident hätte es in bleibender Erinnerung behalten.“(S. 202) Das ist einfach klasse, Ilja!
Aber nichts ist so gut, dass es nicht auch was zu meckern gäbe. Gerade weil Trojanow offenbar ein Reisender ist, der nicht wie ein Reiseredakteur gesponsert durch die Welt reist, sondern sich seine Touren selbst organisiert, hätte ich gerade aus seiner Feder etwas mehr über das größte Abenteuer erwartet, das Indien dem Reisenden zu bieten hat – nämlich über das Reisen selbst, die Fortbewegung in der „General Class“ der indischen Eisenbahn, auf dem Dach des indischen Fernreisebusses oder die Erlebnisse in den Unterkünften oder auf Rücksitz der Rikschas. Aber was nicht ist, kann ja (in der nächsten Auflage ) noch werden.
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