Schweizer: Indien – Ein Kontinent im Umbruch

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Schweizer, Gerhard: Indien. Ein Kontinent im Umbruch, Stuttgart, 1995

  Der deutsche Indologe Max Müller, der sein Leben lang über Bagavad-Gita und Rigveda forschte, hat alle Einladungen nach Indien mit dem Argument abgelehnt, er wolle den hohen geistigen Begriff, den er von Indien besitze, nicht durch Konfrontation mit der Realität beeinträchtigen. Das ist eine Einschätzung, die schon sehr viel über Indien sagt, die sich aber Gerhard Schweizer, der Autor des vorliegenden Buches, gottlob nicht zu eigen gemacht hat.

  Gerhard Schweizer ist von Hause aus kein Indologe, obwohl er Indien erklären kann wie kein zweiter, er ist auch nicht eigentlich  Reiseschriftsteller, obwohl das Buch voller Reiseanekdoten ist, sondern er ist beides: ein Kenner und ein Reisender zugleich und das vorliegende Buch ist die Frucht dieser Doppelbegabung. Wenn man einmal von Naipauls „Indien. Ein Land im Aufruhr“, absieht, handelt es sich bei dem vorliegenden Buch noch immer um die beste allgemein verständliche Einführung in die indische Geschichte und Gegenwart, die es auf dem deutschsprachigen Markt zu kaufen gibt.

Warum?

Zuerst und vor allem  erklärt der Autor wirklich das Land jenseits von Schlagworten und Gemeinplätzen. Die stumpfsinnige Darstellung der hinduistischen Götterwelt als Dreieinigkeit von Brahma, Vishnu und Shiva, die aus den deutschen  Schulbüchern einfach nicht auszurotten ist, wird hier richtiggestellt: der Hinduismus ist ein „Kollektiv von Religionen“ mit mindestens drei Konfessionen: mit Shiva, Vishnu und den verschiedenartigen Muttergottheiten ( Kali, Durga, Partvati), die jedem Indienreisenden auf Schritt und Tritt begegnen werden.  Denn der Kern des Hinduismus ist nicht der Glaube an diesen oder jenen Gott   sondern an das „Dharma“, das alle Kasten und Richtungen überwölbende Lebens- und Sittengesetz, zu dem ganz zentral (leider) auch das indische Kastensystem gehört. Insofern sich Sikhs, Jainas und selbst die Christen im Alltag an das Kastensystem anpassen (und übrigens auch Rama oder Krischna die ihnen zukommende Ehre erweisen), gehören sie zu Indien, insofern nicht, bleiben sie dem Land fremd. Mit dieser Erklärung, die  jeder bestätigen kann, der nur einmal durch den Punjab oder Kerala gereist ist, vollzieht der Autor eine nächste Präzisierung: unsere Idee eines toleranten Hinduismus, der alles und jedes duldet, entspricht nicht nur nicht der sozialen Wirklichkeit sondern ist im wesentlichen ein Produkt des westlich beeinflussten „Neohinduismus“ eines Ramakrischas, eines Vivekanadas oder Mahatma Gandhis.

  Übrigens handelt es sich bei der sogenannten „Toleranz“, mit der die Hindus Allah, Jesus oder  Buddha in ihr Pantheon eingliedern, überhaupt nicht um Toleranz sondern um eine „vereinnahmende Inklusion“, die sich mit dem Besonderen, dem Ureigenen dieser Religionen (etwa dem Kreuztod Jesu), überhaupt nicht auseinandersetzt. Das Verhältnis zum Islam behält auch deswegen seine Brisanz, weil der Islam sich dieser Vereinnahmung im Alltag strikt widersetzt.

  Womit wir bei dem  zentralen Thema des vorliegenden Buches wären: dem Konflikt zwischen Hinduismus und Islam, der Indien zu zerreißen droht. Auch wenn Schweizer die flächendeckenden Tempelvernichtungsaktionen, mit denen der aggressive Islam den Norden Indiens jahrhundertelang überzogen hat, nicht verniedlicht, sieht er in der Entstehung der hinduistischen Bharat Janapath Party ein Symptom der Zuspitzung. Von der unsäglich korrupten Kongresspartei scheint er nichts mehr zu erwarten, dafür beurteilt er den Konflikt um Ayodhya als eine glimmende Zündschnur, durch die jeden Tag die Bombe eines neuen Bürgerkrieges entzündet werden kann.

  All diese Aspekte, die hier nur angedeutet werden können, werden von Schweizer an konkreten Beispielen erklärt – vor allem anhand von gut lesbaren Kurzbiografien von Gandhi,  Amdebkar, der Banditenkönigiun Phoolan Devi, dem Hailoien Sai Baba, Gur Nanak, Kabir und vielen anderen mehr , so das ganz nebenbei ein Überblick über die wichtigsten Personen der neueren indischen Geschcihte entsteht. 

  Schließlich, und das hat mir am besten gefallen, war der Autor viel unterwegs im Land. Immer wieder kommt er im Fernbus, in der Eisenbahn, im Kino, auf Festen oder im Laden mit Passanten ins Gespräch, und was die zu sagen haben, ergänzt die Theorien und die Biografien auf erhellende Weise. Die Thematisierung des indischen Kastenwesens anhand eines Buserlebnisses in Rajastan ( S.189) ist ein Meisterstück der Reisebuchliteratur. 

Der einzige Nachteil des Buches ist sein Alter, aber dafür kann der Autor nichts. Er ist, wie sich aus dem Buch ergibt, zwischen 1965 bis zur Jahrtausendwende durch Indien gereist, hat also den Entwicklungsschub durch die marktwirtschaftliche Wendung Indiens nach dem Ende der Kongressalleinherrschaft noch nicht mit einbeziehen können. Die Grundstrukturen der Gesellschaft, der Religion, des Geschlechterverhältnisses, der geschichtlichen Prägung und der Politik aber haben sich  nicht so verändert, dass sich das Buch nicht auch für den bereits mit Indien gut Vertrauten mit Gewinn lesen ließe. Dass es hier keine Neuauflage mit einem Update gibt, ist mehr als schade.

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