Rushdie: Shalimar der Narr

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Salman Rushdie: Shalimar der Narr

Salman Rushdies Bücher sind keine leichte Kost. In überbordender Sprache
verfasst, mit hyperkomplexen Handlungsbögen versehen, mit eigenwilligen
Auflösung und Anklängen an den magischen Realismus garniert, sind sie nicht jedermanns Sache. Aber auf jeden Fall gehörten sie bislang zum Besten, was es in literarischer Hinsicht über indischen Subkontinent zu lesen gab. Gilt das auch für das vorliegende Buch?
Zuerst und vor allem handelt es sich um ein opulentes, anspruchsvolles Werk, das den Leser auf 538 Seiten nicht nur Indien sondern gleichsam durch die ganze Welt und dabei auch noch durch das ganze letzte Jahrhundert führt.

Im Mittelpunkt des Buches stehen Shalimar den Narr, ein begnadeter Gaukler, und Boonyi, eine zauberhafte Tänzerin, zwei Liebende aus dem Dorf Pachigam im glücklichen Kaschmir der Kolonialzeit. Shalimar ist Moslem, Boonyi ist Hindu, und niemand
hatte in den idyllischen Zeiten Altkaschmirs an der Ehe dieser beiden etwas
auszusetzen. Doch die Idylle sollte sich als doppelt trügerisch erweisen. Die
Teilung des indischen Subkontinentes zwischen Indien und Pakistan hatte das Kaschmirproblem geschaffen, dessen Eskalation die grausige Hintergrundmelodie des Buches bildet. Außerdem ist die zauberhafte Boonyi mit einer vom Ehrgeiz zerfressenen Seele geschlagen: Sie will heraus aus ihrem Dorf und eine berühmte Tänzerin werden. Als der amerikanische Botschafter Max Orphus im Tal von Kaschmir auftaucht, zögert Boonyi keine Sekunde ihren Mann zu verlassen und dem Botschafters als seine Geliebte nach Delhi zu folgen. Doch ihre Pläne sollten sich nicht erfüllen: der landesweit berühmte Tanzlehrer wirft die Kurtisane wegen mangelnder Begabung aus
seiner Tanzschule, Boonyi vereinsamt und verfettet, sodass sich der
Botschafter von ihr abwendet. Als Boonyi am Ende schwanger wird, kommt es zum Skandal – Max Orphus muss als Botschafter Indien verlassen, und Boonyi kehrt mitten im Winter ohne ihre Tochter und ohne Ehre in ihr kaschmirisches Dorf zurück. Dass sie in Pachigam von ihrem gehörnten Ehemann nicht sofort umgebracht wurde, war nur der Intervention von Vater und Schwiegervater zu verdanken, die Shalimar das Gelübde abnehmen, seine ungetreue Frau während ihrer restlichen Lebenszeit nicht
umzubringen. Von allen verachtet lebt Boonyi hinfort als eine Art Kräuterhexe
in den Bergen, wo sie darauf wartet, dass sie ihr Mann, nach dem Tode der
Väter, ermorden würde. Parallel zu diesem persönlichen Drama ist inzwischen auch der Kaschmirkonflikt voll entbrannt: zwei Kriege waren geführt worden, und als die indische Regierung im Jahre 1987 die kaschmirischen Wahlen fälschte, versank das Land in einem Meer von Blut. Innerhalb kurzer Zeit inszenierten islamistische Terrorkommandos mit Mord und Totschlag die Vertreibung von 350.000 alteingesessene Hindus aus dem Tal von Srinagar. 600.000 indische Soldaten schlugen mit unfassbarer Grausamkeit zurück, vergewaltigten und ermordeten ganze
Dorfbevölkerungen. Es traf Gute und Schlechte, Schuldige und Unschuldige, denn – wie es an einer Stelle des Buches heißt – der Charakter spielte für die
Lebensgestaltung der Menschen keine Rolle mehr.
Für den westlichen Leser, der  vom Kaschmirkonflikt immer nur wie von Ferne gelegentlich etwas in den Nachrichten hört, sind diese Darstellungen schlichtweg schockierend. Kein Wunder, dass diese Passagen, die der Autor als gequälter aber unparteiischer Chronist des Todes entfaltet, Salman Rushdie den Hass der moslemischen und der hinduistischen Seite gleichermaßen eingetragen haben.
Shalimar der Narr aber, der auf seine Rache an der untreuen Boonyi warten muss, wird vor diesem Hintergrund zur gnadenlosen Kampf- und Mordmaschine im Dienst islamistischer Terrororganisationen- wobei ihn in Wahrheit doch nur eines interessiert: seine private Rache an dem fernen Max Ophuls, der ihm seine Boonyi genommen hatte, die Rache an seiner in ihrer Hexenhütte dahinalternden Frau und, last not least, der Tod der Tochter Kaschmira, die aus der Liaison von Botschafter und Tänzerin entsprossen war. Wie sich diese Rache vollzieht und in welches Finale sie mündet, soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden.
Mich hat dieses Buch von der ersten bis zur letzen Seite in seinen Bann geschlagen. Stilistisch gehört es für mich ohnehin zu Rushdies besten Werken. All die Manierismen, die dem Autor bislang mit einer gewissen Berechtigung vorgeworfen wurden – das Übertriebene, Karikaturhafte, die mitunter aufgeblähte Fabulierfreude, die seine Figuren manchmal in poetische Sackgassen führte, die zitteraalartige Variation der Charaktere und die gelegentlich zickzackartigen Handlungsführung, sind in diesem Buch weitgehend abgemildert. Salman Rushdie, seit seinen „Satanischen Versen“ selbst ein Opfer des islamistischen Terrorismus, ist reifer geworden. Sein Thema – Indien – aber ist dass Gleiche geblieben, und in dem vorliegenden Buch ist ihm ein meisterhaftes, wenngleich bedrückendes Portrait dieser Weltkultur geglückt. Für alle Indien-Interessierte unbedingt empfehlenswert.

 

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