Sterling Seagrave: Die Soong Dynastie

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Zu den großen Tragödien der chinesischen Geschichte gehört die Machtergreifung der chinesischen Kommunisten nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Das pure Ausmaß der  Leichenberge und die Ströme von Blut, die die roten Menschenverächter unter Führung Mao Tse-tungs verursachten, dürften  in der Geschichte der Menschheit einmalig sein. Aber wäre China mit der nationalchinesischen Kuomintang-Bewegung Tschiang Kai-tscheks besser gefahren? Hätte der Sieg der Nationalchinesen über die Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg dem Land zwei Generationen Leid erspart und China schon viel früher dahin gebracht, wo es sich heute befindet: auf dem Weg zur maßgeblichen Nation der Erde?

Wer das vorliegende Buch von Sterling Seagrave liest, wird daran seine Zweifel haben. Ohne die geringste Sympathie für die roten Mörderbanden entlarvt es die nationalchinesische Bewegung der Kuomintang als Ausbund an Kriminalität, Korruption und Unfähigkeit. Dass eine solche Bewegung fiel, wird nach der Lektüre des vorliegenden Buches niemand bedauern, selbst wenn das, was nachher kam, noch schlimmer war. Die gescheiterte Geschichte des bürgerlichen China, wie sie das vorliegende Buch entfaltet, ist deswegen auch ein Lehrstück für die wunderlichen Um- und Seitenwege, die die Weltgeschichte manchmal einschlägt, um am Ende immer nur ein Opfer auszumachen: den einfachen Menschen, der zwischen den Mahlsteinen der großen Lager zugrunde geht.

Das vorliegende Buch aber entfaltete seine Stärken aber nicht nur in der Nachzeichnung dieser großen Linien sondern auch auf die Ebene der individuellen Biographien, deren verschlungenes Mit- und Gegeneinander sich als der Stoff erweisen, aus dem sich das Drama des modernen Chinas zusammen setzt.  Im Mittelpunkt dieses Drama steht die Familie Soong, die mächtigste Familie Chinas, die als eine bürgerliche Dynastie die Geschicke des Landes bis zum Machtantritt der Kommunisten nach dem Gusto ihrer persönlichen Profitmaximierung steuerte. Der Stammvater dieser Dynastie war Charlie Song, ein armer Bauernsohn aus Hainan, der nach einem abenteuerlichen Leben zwischen China und den USA zum Christentum konvertierte und in Shanghai um Zeitungsmillionär aufstieg. Wie die meisten Chinesen seiner Zeit hasste er das grausame und ineffiziente Mandschu Regime, das China schutzlos den Fremden preisgab. Einer seiner zufälligen Bekannten war der umtriebige Dr. Sun, der später als Sun Yat Sen und „Vater des modernen Chinas“ eine herausragende Stellung in der Geschichtsbüchern einnehmen sollte, der aber in dem vorliegenden Buch vornehmlich als „Windbeutel“ erscheint, an dem die Geschehnisse völlig vorbeilaufen. Seine Kuomintangbewegung war eine Ansammlung der Machtlosen, der Sturz des Kaiserreiches nutzte nur dem verschlagenen Kriegsherrn Yüan shi-kai, und Sun Yat sen wäre samt seiner Bewegung mehrfach im Orkus der Geschichte verschwunden, hätte nicht Charlie Soong die nationalchinesische Opposition  immer wieder durch großzügige Spenden und Sammelaktionen unterstützt.  Charlie Song wirkte im Hintergrund und verstarb schon im Jahre 1918 im Alter von 52 Jahren an Magenkrebs (es gibt noch nicht einmal einen Wikipedia-Artikel über ihn), seine drei Töchter und seine Söhne aber sollten öffentlich Karriere machen. Die älteste Ching-ling heiratete noch zu Lebzeiten des Vaters den alten Sun Yat Sen, die Gallionsfigur des revolutionären Chinas, Charlie Soongs zweite Tochter May-ling ehelichte den Berufsoffizier und Kriminellen Tschiang-Kai tschek, der als Agent der „Grünen Gang“ eine atemberaubenden Aufstieg hinlegen sollte und die jüngste Ay-ling ehelicht H.H. Kung, den Bankier und Finanzier der kriminellen Geheimgesellschaften und Triaden. Damit sind die Hauptdarsteller für das folgende Drama benannt, doch die  Handlungsimpulse kamen von außen: die japanische Aggression seit 1931 und 1937, der Aufstieg der kommunistischen Partei, der Zweite Weltkrieg und die Intervention der USA brachten ein bis dahin unbekanntes Elend über das Sechshundert-Millionen-Volk. Die Menschen leiden und leiden, doch die Soongs werden reicher und reicher, May-ling wird eine gefeierte Berühmtheit in den Vereinigten Staaten und konferiert mit Theodore Roosevelt, Charlie Soongs Sohn Tse-ven wird durch Umleitung der amerikanischen Militärhilfe in die eigenen Taschen zum zeitweise reichsten Mann der Welt.

Dann aber ist plötzlich alles zu Ende. Eine noch urwüchsigere, noch brutalere Kraft obsiegt und stürzt China in die lange Nacht des roten Terrors. Den Nationalchinesen und den  Soongs bleibt nur die Flucht nach Taiwan, wo sie unter amerikanischem Schutz überleben, Chin-ling Soong, die jugendliche Ehefrau, die ihren Ehemann Sun Yat Sen um mehrere Generationen überlebte, blieb sogar in Rotchina, überstand die Epoche des radikalen Maoismus und wurde, welche Ironie der Geschichte, 1981 genau zu dem Zeitpunkt in die Kommunistische Partei aufgenommen, in dem sich China begann, in der Ägide Teng Hsiao-pings vom Ameisenstaat wieder in Richtung Kapitalismus zu verändern.

Ich habe dieses Buch mit Spannung und Anteilnahme geradezu verschlungen. Über die Freude und  Unterhaltung hinaus, die das meisterhaft konzipierte Werk dem Leser zuteilwerden lässt, habe ich dabei ein Mehrfaches  gelernt, was ich so noch nicht wusste:  die Kuomintag war seit ihrer Gründung und bis in ihre Spitzen hinein mit dem organisierten Verbrechen verwoben und kein gangbarer Träger einer wirklichen Modernisierung Chinas. Mit der Kuomintang scheiterte auch der Durchbruch des Christentums, das in seiner methodistisch-protestantischen Variante eine Zeitlang die Abkehr Chinas von seinen scheinbar veralteten Werten zu ermöglichen schien.  Die konkrete Niederlage der Nationalchinesen im Bürgerkrieg ist ohne die grenzenlose Korruption der Soong nicht erklärbar. Und: die in amerikanischen Quellen verbreitete Mär vom „demokratischen“ China Tschiang Kai-tscheks als Kontrast zum kommunistischen Rotchina ist eine einzige Lüge.

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