Jung Chang/Jon Halliday: Mao

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Jung Chang/ Jan Halliday: Mao. Das Leben eines Mannes. Das Schicksal eines Volkes

Zu den Merkwürdigkeiten der Gegenwartsgeschichte gehört, dass von den drei großen Monstern des 20. Jhdts. der größte und schlimmste von ihnen – Mao tse tung – erst relativ spät als solcher enttarnt wurden.  Es hat  immerhin ganze dreißig Jahre gedauert, bis das vorliegende Buch erschienen ist, die erste Biographie , die Mao zeigt, wie er wirklich war, als das große Monster, dem nicht weniger als siebzig Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Auf dem Hinterrund unzähliger Interviews und eines geradezu monumentalen Quellenstudiums entfalten Jung Chang, die Autorin des Welterfolgs „Wilde Schwäne“ und ihr Ehemann Jon Halliday auf knapp eintausend Seiten das Leben eines Mannes, der zum Schicksal seines Volkes wurde. In 58 Kapiteln und streng chronologischer Reihenfolge zeichnen die Autoren den Werdegang Maos vom Sohn eines wohlhabenden Bauern bis zum totalitären Diktator eines gleichgeschalteten Riesenreiches nach und kombinieren Persönlich-biographisches und mit Allgemein-geschichtliches zu einem imponierenden, aber gut lesbaren Kompendium der chinesischen Geschichte des letzten Jahrhunderts. Für den Einsteiger, der sich wirklich für chinesische Geschichte interessiert  gibt es nichts besseres, was aber hat dieses Buch  dem etwas Eingeleseneren zu bieten? Ich meine dreierlei.

Zunächst bieten die Autoren eine Vielzahl von gut recherchierten und packend geschilderten biographischen Details, die man so noch nicht gelesen hat – etwa den Hass des jungen und arbeitsscheuen Mao auf seinen Vater und seine Lehrer, der erst die bizarren Ausschreitungen der Kulturrevolution verständlich werden lassen oder die Hinterlist, Menschenverachtung und Schläue, mit der der junge Parteistratege und Guerillataktiker erfolgreichere Konkurrenten wie Kuo-tao, Wang Ming und andere rücksichtslos ausschaltete. Beschämend sind die  Umstände, in denen sich Mao während des langen Marsches in Sänften über die Berge tragen ließ, erschreckend sind die Ausmaße, die die blutrünstigen Säuberungen schon in der Kampfzeit der Dreißiger Jahre angenommen hatten.  Nicht neu war mir die Begeisterung westlicher Intellektueller und Salonrevolutionäre wie etwa Edgar Snow, Simone de Beauvoir oder Pierre Trudeau, die durch ihre Verlautbarungen dem Psychopathen auf dem Drachenthron internationales Renommee verschafften. Schrecklich zu lesen, wie der amerikanische  Außenminister Marshall 1946, als die Kommunisten fast geschlagen waren, dazu beitrug, einen Waffenstillstand mit der Kuomintang einzufädeln, der Mao schließlich retten und China damit ins namenlose Elend stürzen sollte. 

Aber auch über die Personen im Umkreis des Diktators erfahren eine neue Einordnung. Der im Westen so hochgeschätzte Chou en-lai war kein Gemäßigter, sondern ein rückgradloser Kriecher vor Mao, ein herzloser Apparatschik, der die Exzesse des Großen Sprungs und der Kulturrevolution mit organisierte., seine eigene Adoptivtochter verkommen ließ und erst am Ende seines Lebens, als ihm Mao seine Krebsoperation verweigerte, sich gegen den Diktator wandte. Auch Lin Biao, der Erfinder des „Roten Buches“ war  ein Psychopath allererster Ordnung,  nicht weniger als seine durchgeknallte Ehefrau, ganz zu schweigen von  Madame Mao, die manifest schizophren gewesen sein muss und den Kanaillen der Viererbande. Aber neben diesen Figuren, das ist einer der größten Vorzüge des Buches,  wird auch eine ganze Galerie von Aufrechten und Helden vorgestellt, die sich  dem Wahnsinn des Völkermörders entgegenstellten und deren Namen es verdienen, erinnert zu werden – allen voran Liu Chao Chi, der nach dem „Großen Sprung“, als dreißig Millionen Menschen verhungerten,  Mao auf der berühmten „Konferenz der 7000“ offen zu widersprechen wagte  und dafür zusammen mit seiner Frau später furchtbar büßen musste.  Andere Beispiele sind die junge Studentin Wang Rong, die inmitten des Taumels der Kulturrevolution einen Protestbrief an Mao schrieb und sich vor den Toren der Verbotenen Stadt umbrachte oder General Chen, der es 1968 wagte, dem Alleinherrscher Mao im Namen der Vernunft zu widersprechen  und der dafür später sterben musste. Hier hätte man ihm ein wenig vom Geist der rumänischen Revolutionäre gewünscht, die den Diktator Chaochescu einfach an die Wand stellten, als sie seiner habhaft wurden. Am erstaunlichsten aber erscheint der Lebenslauf und die Leistung von Teng Tsiao Ping, dem kleinen Agilen aus Szechuan, der noch zu Lebzeiten Maos das Staatsschiff behutsam neu justierte und die Grundlagen für den enormen Aufschwung schuf, den China heute erlebt.

Schließlich werden drittens bestimmte Kapitel der chinesischen Revolutionsgeschichte ganz neu dargestellt. Eine so schlüssige Abhandlung über die  Vorbereitung und die Phasen der schrecklichen „Kulturrevolution“ wird man lange suchen müssen. Zuerst bündelte Mao seine Kräfte durch ein Bündnis mit Lin Biao und Chou, dann wurden die Schüler gegen die Lehrer aufgehetzt und alle Schulen geschlossen. Als es im Lande schon drunter und drüber ging, wurden die delirierenden Jugendlichen gegen die Parteikader gehetzt, erst die unteren, dann die hohen bis hinauf zum Präsidenten Liu. Anschließend rückte die darauf vorbereitete Armee in die verwaisten Positionen der Kader, wobei nun aber Problem mit den Roten Garden auftraten, die sich inzwischen gewaffnet hatten und kaum noch zu bremsen waren. Erst in diesem Zusammenhang versteht man die millionenfache Verschickung der Jugendlichen in die Peripherien des Riesenreiches. Schließlich kommt es zum Show-down zwischen Mao und Lin, bei dem Lin sein Leben verliert. Fast erlösend wie ein happy end wirkt das Ende, als  Mao elend an Lateralsklerose elend zugrunde geht und erst dann, aber wirklich erst dann, seine unheilvolle Macht verliert.  

Alles in allem eine Biographie der Sonderklasse, jedem zu empfehlen, der sich für China ernsthaft interessiert aber auch  eine Buß- und Pflichtlektüre für all die Deppen, die 1968 bei uns mit dem Roten Buch des „Großen Vorsitzenden“ durch die Gegend gelaufen sind.

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