Paul Theroux: Der alte Patagonienexpress

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„Von zuhause fortgehen kommt nicht als Schock, sondern eher als ein langsam wachsendes Trauergefühl, es verstärkt sich mit jedem vertrauten Ort, der am Fenster vorbeizieht, der verschwindet und zur Vergangenheit wird. Die Zeit wird sichtbar und bewegt sich mit der Landschaft.“ Mit diesen Worten beginnt Paul  Theroux reichlich melancholisch seine berühmte Eisenbahnreise  von Boston nach Patagonien, eine Grand Tour im Zeichen von Dampflok und Mate-Tee, die ihn von Boston bis Feuerland führt und die seit ihrer Erstauflage vor 25 Jahren längst zu einem Klassiker der Reiseliteratur geworden ist.

Warum ein solches Buch nach einem Vierteljahrhundert heute noch lesen? mag man fragen. Ich meine: weil es unterhaltsam, kurzweilig und ungemein lehrreich ist. Den wie schon in seinem Erstling „Abenteuer Eisenbahn“ trifft Theroux in Eisenbahnabteilen und Hintertreppenbars wieder die unmöglichsten Figuren, mit denen er auf eine Weise plaudert, räsoniert und lamentiert, dass der Leser ganz ohne irgendeinen erhobenen Zeigefinger tief in die Welt der  Menschen einführt wird, deren Heimat der Autor gerade bereist. Wenn gerade kein Gesprächspartner zur Hand ist oder der Zug heute mal nicht weiterfährt, läuft Theroux auch  durch gerne durch die Straßen, um den genius loci auf sich wirken zu lassen. Oft beschleicht ihn dabei die Einsamkeit, was aber nicht zu schlimm ist, denn: „Um  das Gesehene einzufangen, bedarf es der Luzidität der Einsamkeit. Im Gefühl der Niedergeschlagenheit liegt etwas, was mein Gehirn beschleunigt und für flüchtige Eindrücke extrem empfänglich macht.“(S.219) Solcherart sensibilisiert, mit hinreichenden Spanischkenntnissen und einer beachtlichen Formulierungskraft ausgestattet, geht es zuerst durch die südlichen USA, Mexiko,  und die mittelalmerikanischen Staaten, dann durch die Andenstaaten, vorbei am Elend in Peru und Bolivien, ehe der Autor in Chile nach Osten abdreht. Theroux ist viel in der Provinz unterwegs, und seine Notizen zur Melancholie dieser Hinterwelt gehören zu den stärksten Passagen des Buches. „Die Stadt war düster,“ schreibt Theroux am Beispiel Tucumans, „aber ihre Düsternis gehört zum argentinischen Wesens, sie ist kein dramatisches Schwarz sondern eher eine seelische Durchfeuchtung, die Armesündermelancholie eines Emigranten an einem verregneten Nachtmittag fern der Heimat.“ (S. 440). Keine Frage, in den Metropolen fühlt Theroux sicher wohler, vielleicht auch deswegen, weil er  dort in den Buchhandlungen nachsehen kann, ob seine eigenen Werke im Schaufenster liegen. In Buenos Aires, fast am Endpunkt der Reise angekommen, findet er nicht nur seine übersetzten Werke in den Auslagen sondern trifft sogar den er den alten Borges und palavert mit dem großen alten Mann der imaginativen Literatur ein paar Abende lang von gleich zu gleich, ehe endlich  den alten Patagonienexpress besteigt und dem Ziel seiner Reise entgegendampft. Nach  509 Seiten hat er schließlich den Endpunkt seiner  Tour erreicht, an deren Präsentation in dem vorliegenden Buch eigentlich die nur die  politisch oberkorrekten  Urteile stören, die man aber getrost überlesen kann. Ansonsten ein Reisebuch der allerersten Güte.  Mein Tipp zum Abschluss: nicht in einem Rutsch sondern häppchenweise lesen, je nachdem in welches Land es einen demnächst verschlagen wird.

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