Pablo Neruda: Ich bekenne, ich habe gelebt

IMG_8013

Wie Poesie und Moral auseinanderklaffen können

„Es regnete ganze Monate, ganze Jahre. Der Regen fiel in Fäden langer Glasnadeln, die auf den Dächern zerbrachen oder in durchsichtigen Wellen gegen die Fensterscheiben schlugen, und jedes Haus war ein Schiff, das in diesem Wintermeer mühsam in den Hafen gelangte.“ (S.11)
Mit dieser Beschreibung des chilenischen Regens, die zugleich als eine Metapher für das ganze Land verstanden werden kann, beginnt der chilenische Nobelpreisträger Pablo Neruda seine Autobiographie „Ich bekenne, ich habe gelebt“ .
Seinen Jugendjahre im südchilenischen Tucuman, seine Lehrzeit bei der Natur im laurentinischen Regenwald folgen stimmungsvolle Bilder der frühen Vagantenzeit in den großen Städten seines Landes, in Santiago de Chile und vor allem in Valparaiso, dessen weltabgewandte Melancholie der reife Dichter noch aus einem Abstand von einem halben Jahrhundert beschwört. „Kleine Welten von Valparaiso, grundlos und zeitlos, verlassen wie Kisten, die einmal in den Tiefen eines großen Weinkellers zurückblieben und die niemand mehr abholt, von denen man nicht weiß, woher sie kommen und die nun nie mehr ihrer Enge entfliehen werden. Vielleicht ist in diesen geheimen Bereichen, in diesen Seelen von Valparaiso auf immer die entschwundene Hoheit einer Woge bewahrt, der Sturm, das Salz, das Meer, das rauscht und schimmert. Eines Jeden Meer, bedrohlich und verschlossen, ein nicht mitteilbarer Laut, eine einsame Bewegung, die zu Mehl wurde und zu Schaum der Träume.“(S. 80)
Seine ersten Lyrikbände machen ihn bekannt und verhelfen ihm mit der üblichen Protektion der gehobenen Kreise zu einer diplomatischen Laufbahn als eine Art Konsularbeamter in der Fremde. Zwar wundert sich der Junge Pablo mit Recht, „warum ein so kleines Land wie Chile überall in der Welt Konsulate unterhält,“ (S. 135) aber das Angebot, im Dienste eines südpolaren Heimatlandes nach Shanghai, Singapor, nach Rangoon und Colombo zu fahren, schlägt er nicht aus. Zu seiner Überraschung bleibt er einsam und gewinnt keinerlei Zugang zu seinen Gastländern., „Die Einsamkeit (…) war vielmehr etwas Hartes wie die Wand eines Gefängnisses, an der du dir den Schädel einrennen kannst, ohne dass dir jemand zu Hilfe eilt, du magst noch so sehr schreien und weinen. Ich begriff, dass es über die blaue Luft und über den goldenen Sand hin jenseits des Urwaldes, jenseits von Schlangen und Elefanten Hunderte, Tausende Menschenwesen gab, die am Wasser sangen und arbeiteten, die Feuer machten und Krüge formten, dass auch glutheiße Frauen nackt auf den schmalen Matten schliefen, im Licht der riesigen Sterne. Doch wie mich dieser pulsierenden Welt nähern ohne als Feind angesehen zu werden.“ (S.124)
So lebt der junge Neruda, einer der literarischen Vorkämpfer eines antikolonialen Freiheitskampfes Lateinamerikas, bald das parasitäre Leben eines Kolonialbeamten und vermerkt: „In Wahrheit war die Einsamkeit in Colombo nicht nur belastend sondern auch einschläfernd. Ich besaß einige wenige Freunde in der Straße, in der ich wohnte, Freundinnen mehrere Farbschattierungen gingen durch mein Feldbett, ohne mehr Geschichte zu hinterlassen als den körperlichen Blitz. Mein Leib war ein einsamer  Scheiterhaufen, der sich an dieser Tropenküste Tag und Nacht entzündete.“ (132f.).
Später verschlägt es Neruda in das Spanien der Dreißiger Jahre, wo er den später ermordeten Dichter Llorca kennenlernt und in der Endphase des Spanischen Bürgerkrieges im Auftrag der chilenischen Regierung verfolgten Republikanern zum Exil in Chile verhilft. Kurz darauf wird er Geschäftsträger in Mexiko, das „er jahrelang durchwandert, von Markt zu Markt. Denn Mexiko lebt von seinen Märkten. Es lebt nicht in den kehligen Liedern seiner Filme, nicht im bäurischen Kitsch von Schnauzbart und Pistole. Mexiko ist ein Land der karminroten und türkisschimmernden Umhänge. Mexiko ist ein Land der Gefäße und Krüge und der von einem Insektenschwarm zerfressenen Früchte. Mexiko ist ein unendlich großes Land von stahlfarbenen, gelbstacheligen Agaven.“ (S. 205)
Man sieht, die Schilderungen lassen an Poesie, Anschaulichkeit und Sprachkraft keine Wünsche offen, und über große Teile des Buches ist es geradezu eine Lust, dem Autor durch sein Leben zu folgen. Sogar spannende Passagen werden geboten – etwa die Flucht des frisch gewählten kommunistischen Senators in den Süden des Landes und von dort, von den Häschern des Diktators Videla verfolgt, über die Anden nach Argentinien (S. 246ff.) und nach Paris. Längst ist er in die kommunistische Partei eingetreten, wird von den gleichgeschalteten Völkern des Ostens, die seine Gedichte nur in der Zensur lesen dürfen ( das steht nicht im Buch) gefeiert, logiert als Stalin-Preis-Juror in Moskau, tafelt mit Ilaja Ehrenburg bei erlesenen Weinen und schreibt ansonsten in seinem Dichterhorst auf der Isla Negra im Süden von Santiago an seinem lyrischen Hauptwerk, das ihm im Jahre 1971, damals schon Botschafter des sozialistischen Präsidenten Allende, den Nobelpreis einbringt.
Eine atemberaubende Karriere fürwahr, die Neruda nur aus der Erinnerung in seiner unnachahmlichen Sprache bis wenige Tage vor seinem Tode seinen Sekretären diktierte. Dass er fast gleichzeitig mit seinem politischen Idol, dem chilenischen Präsidenten Allende, in zeitlicher Nachbarschaft zum Militärputsch General Pinochets starb, mag die Legende seines Lebens noch ein Stufe weiter entrückt haben.
So weit das Positive. Aber wahr ist auch, dass auf diesem staunenswerten Leben und diesem peotischen Genie ein Makel liegt, der sich dem Leser, je weiter er mit der Lektüre voranschreitet, in immer krasser erschließt. Dass er selbst einer seiner größten Bewunderer ist („Ich las weiter und weiter, selbst ergriffen von den Lauten meiner Gedichte“ – S. 344), mag ja noch angehen. Erschreckend aber ist die moralische Einäugigkeit, die das Buch von der ersten bis zur letzten Seite durchzieht. Kein Wort über die Massenmorde der kommunistischen Geheimpolizei im Rücken der demokratischen Front in Spanien, kein Wort über die perfide Ermordung Trotzkis im mexikanischen Exil, obgleich Neruda selbst vor Ort gewesen ist und mit den Familien der Attentäter bekannt war – stattdessen allenthalben nur Lobeshymnen auf die Leistungen des Sozialismus in Armenien, in Rumänien und natürlich in der Sowjetunion. Neruda, der Freund des Volkes, schreibt beim Tode Stalins eine Eloge auf den neben Hitler und Mao größten Menschenschlächter der Weltgeschichte, er preist Lenin, den Vater aller bolschewistischen Blutorgien, als „den Großen“ rühmt den „brillanten Analytiker Shdanow“(S. 265), den Totengräber jedes freien Gedankens in der östlichen Welt und wundert sich über seinen grundanständigen brasilianischen Kollegen Jorge Amado, der sich nach Kenntnisnahme der stalinistischen Verbrechen wie so viele andere moralisch integre Künstler von seinem Irrglauben abwandte.

So gehen in diesem Buch vollendete Poesie und betonharte politische Linientreue zu einem Massenverrbecher  auf eine Weise Hand in Hand, die den Leser ratlos zurückläßt. Auch wenn man zugeben muss, dass die wunderbaren literarischen Miniaturen, von denen das Buch nur so strotzt, durch die enervierende Parteilichkeit Nerudas in keiner Weise beeinträchtigt werden, so gilt doch auch, dass das zweite durch das erste keineswegs entschuldigt wird. So haben wir meiner Ansicht nach ein Buch vor uns, das poetisch zum Vollkommensten gehört, was ich kenne, moralisch aber zugleich völlig belanglos ist.

 

FacebookTwitterGoogle+Empfehlen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *