Louis Borges: Das Aleph

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„Jedes Schicksal, wie weitläufig und verschlungen es auch sein mag, besteht in Wirklichkeit aus einem einzigen Augenblick, dem Augenblick, in dem der Mensch für immer weiß, wer er ist,“ heißt es in der Geschichte „Biographie von Tadeo Isidoro Cruz 1829-1974“. Die menschliche Würde bemisst sich allerdings dann danach, fährt Borges fort, inwieweit der Einzelne in diesem entscheidenden Augenblick auch bereit ist, sein Schicksal anzunehmen, das heißt, zu dem zu stehen, was er in sich trägt.

Das ist in aller Kürze  der moralische Anker, um den den achtzehn Kurzgeschichten des vorliegenden Buches kreisen. Inhaltlich dagegen sind sie in ihrer  Themenweite unvergleichlich: sie erzählen von den mythischen Zeiten Homers, von spätantiken Theologen,  aztekischen Priestern, muslimischen Gelehrten, deutschen KZ-Kommandanten  und über die  Gauchos der argentinischen Pampas – immer aber von Momenten der Entscheidung, in der der Mensch mehr oder weniger plötzlich die Grundmuster seiner faktischen und moralischen Existenz erkennt.

Das alleine ist schon ein anspruchsvolles Programm, dessen literarische Einlösung jeden Autor befriedigen müsste. Aber natürlich nicht Borges. Fast alle Geschichten des Alephs verfügen über eine formal raffiniert komponierte zirkuläre Struktur, die den Leser unausweichlich mit in das Geschehen einbezieht und verblüfft. Mehr als einmal muss er die Fronten wechseln, was gut schien, ist schlecht und was schlecht schien, wird gut, bis beides sich  als Variation der gleichen Wesenheit erweist. Die formale Raffinesse, die der Aufbau der Geschichten verrät, und die  geradezu furchterregende Gelehrsamkeit, die sie fast wie nebenbei transportieren, erheben jede der  Aleph Geschichten in den Rang klassischer Miniaturen, die man wieder und wieder lesen kann, ohne sie jemals ganz zu begreifen.

Aber auch das ist noch nicht alles. Die moralische Entschiedenheit, die formalen Raffinessen und die unglaubliche Bildung des Autors blieben achtbar, aber belanglos, würde es Borges nicht gelingen, seine Leser mit wenigen Worten mitten in seine Geschichte hineinzuziehen, um ihn  bis zum Ende nicht mehr loszulassen. Borges ist also nicht nur ein Ethiker, ein Poethologe und Gelehrter von höchsten Graden sondern auch ein Erzähler von unglaublicher Intensität, ein Magier, der seine Geschichte wie Fangnetze über die Leser auswirft. Deswegen Achtung:  Wer „Die Theologen“ „Der Unsterbliche“ „Deutsches Requiem“  „Der Zahir“ oder andere  Geschichten gelesen hat,  gerät in die Gefahr, von ihnen nicht mehr loszukommen und sie immer aufs Neue  lesen zu müssen–  ihre Gedanken, Rätsel und Symbole verfolgen einen leicht bis in den Schlaf.

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