Isabel Allende: Ines meines Herzens

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Wie Chile entstand

Keine andere Frau hat bei der Gründung einer Kolonie des Spanischen Weltreiches eine vergleichbar bedeutende Rolle gespielt, wie  Ines Suarez, deren makabres Abbild noch heute im Nationalmuseum von Santiago de Chile in Öl und in der Pose einer Furie zu sehen ist, die die Köpfe der enthaupteten Kaziken den angreifenden Indianern entgegenschleudert. Für Ines Suarez war Chile das gelobte Land Amerikas, arm an Edelmetallen aber reich an Lebensgrundlagen ( wenn man von der Kleinigkeit absieht, dass die Mapuche Indianer dieses fruchtbare Land bereits bewohnten).  Der Mann, an dessen Seite sie dieses Land eroberte, war der Konquistador  Pedro de Valdivia, der im Jahre 1540, nur sechs Jahre nach dem Fall des Inkareiches, mit einer lächerlich geringen Streifmacht auszog,  um den geheimnisvollen Süden des amerikanischen Kontinents für die spanische Krone in Besitz zu nehmen. Er war zugleich der Mann, dem Ines Herz gehörte und dem sie bis zu seinem fürchterlichen Tod  in Liebe anhing.

Der Roman, erzählt aus der Perspektive der uralten Ines des Jahres 1580, beginnt am Beginn des 16. Jahrhunderts in einem spanischen Provinznest, in dem sich die energische aber nicht besonders schöne Ines in den illustren Juan de Malaga verliebt, dem sie schließlich in die Neue Welt hinterreist, wo gerade erst die großen Indianerreiche unter den Schlägen einer tollkühnen und raffgiereigen spanischen Soldateska zusammengebrochen waren. In dieser Stimmung einer hemmungslosen Gründungs und Bereicherungszeit gründet Pedro de Valdiva, damals schon der zweite Partner der umtriebigen Ines, im Februar 1541 die Stadt Santiago  de Chile – nur um zu erleben, dass die kriegstüchtigen Mapuche-Indianer diese Stadt schon ein halbes Jahr nach ihrer Gründung in Schutt und Asche legen. Doch die Spanier geben nicht auf, sie erbauen Santiago aufs Neue, gründen weitere Städte und drängen die Mapuche in einem gnadenlosen Krieg immer weiter nach Süden zurück. Valdivia, eigentlich eine der am wenigsten abschreckendsten Gestalten der spanischen Entdeckungsgeschichte, wandelt sich dabei wie alle seine Zeitgenossen zum Menschenschinder, der Hunderten von gefangenen Indianern die Hände abschlagen und die Nasen abschneiden lässt. Doch auch die Mapuche geben nicht auf, und unter der Führung des Mapuche-Führers Lautaro, Valdivias ehemaligem Pferdeknecht, gelingt es ihnen 1553 sogar, die Spanier nach Norden zurückzudrängen und Valdivia gefangen zu nehmen ( Aus Rache für seine Untaten wird er von den Mapuche bei lebendigem Leibe verspeist).

Man sieht, eine Geschichte voller Saft und Kraft und Blut, aus dem Isabel Allende einen komplexen Roman geformt hat, der die Entstehung ihres Heimatlandes mit all ihren Größen und ihrem Grausen beschreibt. Wie immer bei Allende trübt keinerlei literarischer Schickschnack, keine um drei Ecken konstruierte Formalistik das üppige   Leseerlebnis, das die Autorin auf annähernd fünfhundert Seiten entfaltet. Man taucht in dieses Buch ein wie in eine belletristische Badewanne, die man vor dem Ende der Geschichte gar nicht mehr verlassen möchte. Schauplätze und Figuren wechseln wie bei einem Filmepos – perfekt konstruiert und aufeinander bezogen, ergeben sie eine ungemein anschaulich erzählte und eindringliche Geschichte, an der auch der historisch Gebildete wenig zu meckern finden wird. Für mich neben dem „Geisterhaus“ das beste Buch dieser von der Kritik  unterschätzten Autorin – ideal als Einsteigerlektüre für eine Reise in das „Land am Ende der Welt“ (= Chile).

 

 

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