Steinbeck: Meine Reise mit Charley

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Steinbeck: Meine Reise mit Charley

Am 23. September 1960 brach der damals 58jährige Schriftsteller John Steinbeck von Sag Harbour in Connecticut auf, um mit seinem Wohnwagen „Rosinante“, reichlich Proviant und Lesestoff die USA zu umrunden. Mit von der Partie war der Hund Charley, ein Tier mit Charakter  und schiefen Vorderzähnen, der seinem Herrn auf dieser Reise ein guter Geführte sein sollte (wobei offen bleibt, wer von beiden Don Quichote und wer Sancho Pansa ist). Von Connecticut und Vermont geht die Reise zunächst nach Westen, vorbei an Chicago, durch die Badlands, den Yellowstone Park bis zum Ozean, wo sich Steineck nach Süden wendet, die gesamte Pazifikküste abfährt, seinen Geburtsort Salinas in Kalifornien besucht, ehe er sich durch Texas und das Mississippi Gebiet wieder nach Osten wendet, um schließlich längs der Appalachen wieder nach Norden zu seinem Ausgangspunkt zurückzufahren.

Eine imponierende Umrundung der Vereinigten Staaten, fürwahr, aber ist es wirklich eine „Suche nach Amerika“ wie es im  Untertitel heißt? Ich meine nur sehr eingeschränkt, viel mehr ist es – wie alle Reisen – auch eine Suche nach sich selbst. Immer wieder erinnert sich Steinbeck an dieses und jenes aus seiner Vergangenheit, während seine Eindrücke von Land und Leuten merkwürdig oberflächlich bleiben. Da Steinbeck über weite Passagen dieser Reise einsam bis zum Steinerweichen ist lädt er immer wieder Leute zu Kaffee oder einem Drink in seinen Wohnwagen ein, um mit ihnen zu können. Doch bei diesen Gesprächen am Wegesrand, aus denen später Paul Theroux in seinen großen Büchern „Abenteuer Eisenbahn“ oder „Die glücklichen Inseln Ozeaniens“ eine eigene literarische Form geschaffen hat, blieben unergiebig, sie sagen dem Autor nichts, was er nicht ohnehin schon wüsste oder ahnte und werfen ihn am Ende immer wieder auf sich selbst zurück. Dieses Gefühl des Gefangenseins in sich selbst durchzieht das ganze Buch auf eine beklemmende Weise, man hat fast das Gefühl, der Autor bekäme die Augen nicht auf, um wirklich zu sehen und zu erzählen, was er sieht, er übertüncht alles mit Kommentaren, Reminiszenzen und Erinnerungen, die nur passagenweise interessant zu lesen sind und die das Buch als wirkliches Reisebuch scheitern lassen.

Dafür aber besitzt „die Reise mit Charley“ eine andere Stärke, die man nicht hoch genug einschätzen kann. Es ist ehrlich genug, eine Grundtatsache auszusprechen, die in Reisebüchern fast immer verschweigen wird, die aber zum Reisen dazugehört wie das Schwitzen zur Hitze: die Einsamkeit des Reisens, die Sehnsucht nach daheim, die Geworfenheit in der Fremde, derer man sich nur mit Räsonnieren und Reflektieren erwehren kann, „Ich fühlte mich so trübselig und elend, dass ich unter eine Plastikplane kriechen und sterben wollte“, heißt es auf S. 53,  und wenn er am Ende des Buches schreibt, dass er nachhause müsse, weil seine „Fotoplatte voll“ sei, dann ist das nur ein anderes Wort für die ewige Sehnsucht nach Heimkehr. Amerika hat Steinbeck, der einsame Reisende,  auf dieser Reise nicht gefunden,  er hat es aber auch nicht wirklich gesucht. Stattdessen ist er wie so viele Reisenden nicht um der Fremde willen in die Fremde gefahren sondern nur, um nach seiner Rückkehr aus der Fremde in der Heimat noch heimischer zu werden.

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