Packer: Die Abwicklung

Packer

Packer: Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika

1. Worum geht es? (von Thomas Reuter)

Dies ist ein erstaunliches Buch. Es ist in Form und Inhalt heterogen. Es liefert keine klaren Thesen und keine klar verfolgbare Argumentation. Es ist nicht wirklich ein Sachbuch und es ist schon gar nicht ein fiktives Werk. Es handelt sich um eine kaleidoskopartige Erfassung der wirtschaftlichen und mentalen Veränderung der USA in den letzten 30 Jahren.
Schon der Titel ist in seiner Aussage ein offenes und wunderbar metaphorisches Bild: The Unwinding, könnte heißen: Der Niedergang, Die Abwicklung, Die Auflösung, Die Rückführung usw. Es handelt sich in jedem Fall um eine Form des Regresses auf eine niederere oder frühere Entwicklungsstufe.
Erzählt wird dieser Niedergang, diese Auflösung anhand der Leben einer Reihe realer Amerikaner. Die Schilderungen ihres Lebens sind so plastisch und greifbar, dass sie fast wiederum ein literarischer Genuss sind. Es handelt sich um Dean Price, Sohn eines Takbak-Farmers des tiefen Südens, der zum Bekenner ökologischer Wege zur Ölgewinnung wird, Tammy Thomas, einer schwarzen Fließbandarbeiterin aus Youngstown, die darum kämpft, nicht mit ihrer Stadt unterzugehen, Jeff Connaughton, ein Biden-Anhänger, der über die Jahrzehnte seinen Glauben an der Politik verliert und der ebenfalls als Wall-Street-Kenner erfährt, wie das politische System den Spekulanten des Finanzwesens ausgeliefert ist. Peter Thiel ist ein Gewinner des ‚Unwinding‘, der auf der Welle der Neuen Technologie zum Silicon Valley Milliardär wird. Konterkariert und ergänzt wird dieses Potpourri amerikanischer Stimmen mit dem biographischen Abriss bekannter Persönlichkeiten wie Oprah Winfrey, Raymond Carver, Sam Walton, Colin Powell usw. natus Lütticken)
Die Geschichtserzählung beginnt im Jahr 1978. Alternierend wird bezogen auf die Jahreszeiten aus den einzelnen Leben berichtet. Jedem zeitlichen Abschnitt wir außerdem eine Zitatsammlung der Zeit vorangestellt.
Insgesamt ergibt das Buch einen höchst lesenswerten Einblick in die Psyche und die moralische und gesellschaftliche Verfassung der USA der jüngeren Vergangenheit. Was ist der bleibende Eindruck? Es ist folgender: Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten geht vor die Hunde. Es ist in seiner moralischen Substanz zerstört. Die großen Ideale Amerikas, der Glaube in die Machbarkeit, den Geist des Unternehmertums und dem Willen zum individuellen Erfolg werden durch den Ausverkauf an die Wall Street und die globalen Finanzriesen unterhöhlt. Aber das Buch erzählt auch von dem ungebrochenen Geist des Aufbruchs. Es handelt sich bei all den geschilderten Personen um Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen und mitunter ungewöhnliche und mutige Wege gehen und dies hat uns auch ein Amerika im Niedergang noch voraus.

2. Kritik

Den Inhalt und das Konstruktionsprinzip des Buches hat Thomas Reuter zutreffend zutreffend beschrieben. Ich beschränke mich deswegen nur auf die Kernaussage des Buches, die man meiner Ansicht nach in dem folgenden Satz zusammenfassen kann:

DIE KRISE AMERIKAS (SEINE ABWICKLUNG) BERUHT AUF DER GRENZENLOSEN GIER EINER VERANTWORTUNGSLOSEN WIRTSCHAFTSELITE, DIE SICH NACH DEM ENDE DES INDUSTRIEKAPITALISMUS IN EINEM ENTFESSELTEN FINANZKAPITALISMUS ZUM SCHADEN DER ÜBERWIEGENDEN MEHRHEIT HEMMUNGSLOS BEREICHERN KONNTE, WEIL DIE FÜHRENDEN POLITIKER BEIDER PARTEIEN BEI DER REGULIERUNG DER FINANZMÄRKTE ENTWEDER VERSAGT HABEN ODER DIESEN WIRTSCHAFTSELITEN SOGAR NOCH ZU DIENSTEN WAREN.

Die heftige Diskussion, die nach der Veröffentlichung dieses Werkes einsetzte, hat die Grundthese nicht erschüttern können. Sie beschreibt eine traurige Wahrheit, die ihre Schatten auch auf unsere europäischen Verhältnisse wirft, die anders, aber keineswegs besser sind. Dies vorweg geschickt, möchte ich drei Anmerkungen formulieren, die nicht als Kritik, sondern als eine Art Weiterdenken im Kontext dieses Buches verstanden werden sollten.

Erstens: Die die so oft als des Kernübel des Kapitalismus beschworene „Gier“ (Man denke nur an Michael Douglas‘ berühmte Rede übe die „Gier“ in dem Film „Wall Street“) hat es zu allen Zeiten gegeben. Warum aber hat sie sich in den USA in Gestalt der Immobilien- und der Finanzkrise so verhängnisvoll ausgewirkt? Antwort: Weil das Geld in ungeheurer Fülle, in noch nie gekannten Ausmaßen plötzlich verfügbar war! Es war verfügbar, weil Nixon 1971 die Golddeckung für den Dollar aufgegeben hatte und weil Alan Greenspan, der Chef der Federal Reserve, in den Neunziger Jahren die Schleusen der Geldemission in einer Weise aufgestoßen hatte, wie es noch niemals vorher der Fall gewesen war. Erst die Kombination dieser beiden Faktoren ( das ungedeckte Staatsmonopol der Geldschöpfung und das faktische Anwerfen der Notenpresse durch US-Notenbank) erzeugten jene Mengen an Liquidität, die es den Bankern erst ermöglichte, das ganz große Derivate- und Immobilienrad zu drehen. Dass dieses unstrittige Ursachenbündel in Packers Werk überhaupt nicht auftaucht, ist sein einziger wirklicher Mangel.

Zweitens: Die Beispiele, die Packer für die Korrumpierung der Politik durch die Finanzeliten liefert, sind niederschmetternd, und am Ende der Lektüre wird man sagen müssen: Alle, alle haben mitgemacht – George Bush der Jüngere und seine Republikaner sowieso, aber auch Bill Clinton und seine Demokraten waren mit von der Partie, denn sie haben nicht nur das Rad der Deregulierung voll in Schwung gebracht, sondern die die Banken auch noch gezwungen, vollkommen mittellosen Kunden Hypothekenkredite zu geben (Novellierung des „Community Reinvestment Acts“ 1995 – bei Packer merkwürdigerweise auf 1999 fehldatiert). Sogar der viel gepriesene „Mr. Yes-we-can“ Barack Obama erscheint bei Packer in ungewohnter Beleuchtung – sein grandioser Neuanfang, sein scheinbarer Bruch mit der Vergangenheit war gar kein Bruch, sondern möglicherweise die einzige noch tragfähige Perpetuierung des bankrotten Systems unter der Ägide des Establishments. Möglicherweise hätten die Amerikaner das ganze System 2008 wirklich hinweggefegt, wenn ihnen nicht von den gleichen Kräften, die den Zusammenbruch verursacht hatten, in einer beispiellos erfolgreichen Medienkampagne ein Präsident präsentiert worden wäre, der eine völlige Änderung versprach – um dann nach seinem Wahlsieg genau diese Füchse erneut in den Hühnerstall zu berufen ( vgl. S. 328f.)

Drittens; Packers Werk besticht durch Detailtreue und Unparteilichkeit, durch Fairness und Perspektivenvielfalt. Mit einer einzigen Ausnahme. Im Unterschied zur Occupy-Wall-Street-Bewegung, die der Autor mit viel Sympathie beschreibt, erscheinen die Anhänger der Tea-Party-Bewegung als eine Koalition der Ahnungslosen, Heuchler und Durchgeknallten. Bei allen kruden Unvereinbarkeiten, die dieser Bewegung eigen sind, bei allen Übertreibungen und Unvollkommenheiten, die niemand leugnen wird, hat es die Tea Party Bewegung als echte amerikanische Graswurzelbewegung nicht verdient, nur in ironischer Brechung dargestellt zu werden. Das dies abweichend vom restlichen Duktus des Buches dennoch geschieht, ist schade, aber auch dekuvrierend, verrät dieser Stilbruch doch auch, dass der Autor bei aller Kritik am Establishment selbst doch irgendwie auch dazu gehört.

Unabhängig von diesen Details, die den Rang des Werkes in meinen Augen nicht wesentlich mindern, bleibt die Frage: Was hat das alles mit Europa zu tun? Ist das düstere Szenario der „Abwicklung“ Amerikas möglicherweise nur ein Vorspiel für eine ähnliche Katastrophe in Europa? Dreimal ja, kann man nur antworten, wenn man sich die vertragswidrige Geldmengenausweitung der Europäischen Zentralbank ansieht, die dabei ist, eine ähnliche Vermögenspreisblase zu erzeugen wie in den USA. Die Propaganda des europäischen Mainstreams aus etablierten Parteien, Staatsfunk und regierungsnahen Medien ist sogar noch viel erfolgreicher darin, die Leute hinters Licht zu führen. Möglich, dass die Exzesse in der Finanzwirtschaft zur Zeit in Europa (Großbritannien ausgenommen) noch weniger krass sind als in den USA – die politische Korruption aber ist mit Sicherheit größer, weil die Vielfalt der europäischen Regierungen und der Brüsseler Bürokratie zahllose uneinsehbare Nischen erzeugt hat, in denen unbeobachtet gemauschelt werden kann. Die Rechnung bezahlen werden hier wie in den USA die einfachen Leute – allen voran die älteren Menschen, denen gerade ihre Altersversorgung weginflationiert wird. Und wenn es dann wirklich kracht, werden es womöglich wie in den USA die gleichen Böcke sein, die sich um den Garten kümmern werden.

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