Oates: Blond

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Oates: Blond

Carol Oates hat sich in dem vorliegenden Buch eine epische Jahrhundertaufgabe gestellt: die Vorlage einer dichterisch nachempfundenen Lebensbeschreibung von Norma Jean Baker alias Marilyn Monroe, einem amerikanischen Traum und Alptraum zugleich, dessen kometenhafter Aufstieg zum Sexsymbol des 20. Jahrhunderts ebenso wie ihr ungeklärter Tod zum Mythos wurde.
Nach einer sehr langen Einleitung über die Kindheit von Nora Jean an der Seite ihrer schizoiden Mutter beginnt die eigentliche Geschichte Norma Jeans, als sie als Fürsorgezögling in das ärmliche Heim der Pirigs nach Kalifornien kommt, das sie durch ihre enorme erotische Ausstrahlung gehörig durcheinander wirbelt. Um ihre Ehe zu retten drängt die verblühte Stiefmutter Elsie Pirig die gerade erst sechszehnjährige Norma Jean schnell in die Ehe mit dem unbedarften Budd, dem stolzen Besitzer von „Big Thing“, der mit seiner sensiblen Frau weder im Bett noch sonst etwas anfangen kann und der sofort Reißaus nimmt, als sich Norma Jeans emotionale Probleme zeigen. Während Budd in der US-Armee dient, wird die bildschöne Norma Jean von den Fotografen Otto Öse als Modell entdeckt und vermarktet. Von den ersten Abbildungen auf den Titelseiten von Glanzpapiermagazinen und Männerkalendern ist es aber noch ein langer Weg, ehe Norma Jean unter ihrem Künstlernamen „Marilyn Monroe“ in „Asphalt Dschungel“ und „Nell“ ihre ersten Engagements erhält. Mit der Rolle der Rose wird sie durch den Film „Niagara“ an der Seite von Joseph Cotton 1953 schließlich zum Weltstar und zur Ikone einer nach sexueller Befreiung lechzenden Gesellschaft.
Obwohl auf den ersten Blick von seichter und einfältiger Wesensart entpuppt sich Norma Jean auf jeder Sprosse ihres Aufstieges zur Überraschung ihrer Regisseure und Kollegen als eine begnadete Schauspielerin, deren Geheimnis ganz offenbar in ihrer Wesenlosigkeit besteht, aus der heraus sie ohne den Widerstand einer eigenen Persönlichkeit ganz in der jeweilige Rolle aufgehen kann. Aber auch mit ihrer Begabung, so die vielfach und drastisch explizierte Perspektive des Buches, wäre Marilyn niemals zum Weltstar geworden, hätte sie sich nicht gleichsam nebenbei und emotional anästisiert von allen möglichen Regisseuren, Fotographen, Studiobossen und Schauspielkollegen auf mitunter widerwärtige Weise missbrauchen lassen. Kein Wunder, dass die vermeintliche Traumfrau der amerikanischen Gesellschaft eine tief unglückliche Person ist, die an der Geisteskrankheit ihre Mutter ebenso leidet wie an der Brutalität und Härte des Filmgeschäftes. Durch ihre lieblose Jugend emotional verwüstet versucht sie sich selbst durch Liebesaffären zu therapieren – sie wechselt von Chess Chaplin und Edward G, den beiden missratenen Söhne von Hollywoodkönigen, zu dem „Ex-Sportler“ (alias Joe Di Maggio) und dem „Bühnenautor“, (alias Arthur Miller), sie schläft mit großen Stars wie Carlos ( alias Marlon Brando ) und kleinen Gelegenheitsbekanntschaften, immer auf der Flucht vor Angst und Schlaflosigkeit und in der sinnlosen Hoffnung nach der einzigen und alles überdeckenden Liebe, die alle Schmerzen heilen kann. Die Affären mit den durchtriebenen Kennedys, John so gut wie Bob, geben ihr schließlich den Rest. Als ein körperliches und psychisches Wrack stirbt Marilyn Monroe am 3. August 1962.

Wie hat Carol Oates dieses Leben literarisch gemeistert? Dass sie sich hinsichtlich der Namen und Personen viele Freiheiten herausnimmt, dass die Akteure mal mit ihrem wirklichen Namen, mal verschlüsselt, mal unter Pseudonym auftreten, ist sicher Teil der dichterischen Freiheit. Wichtig ist, daß Carol Oates zur Präsentation dieses unglaublichen Lebens eine multiperspektivische Erzählweise gewählt hat, die den Leser nicht nur tief in die Innenwelt von Nora Jean einführt sondern die ihm die Hauptfigur auch aus den Blickwinkeln ihrer Umgebung präsentiert. Dementsprechend schwankt Marilyns Charakterkontur zwischen den Extremen von Schlampe, Egozentrikerin, gefallenem Engel und durchtriebenem Luder. Die Männer sind für sie nichts weiter als Rettungsanker, die sich aber immer wieder als nutzlos herausstellen und ausgetauscht werden. Sie selbst ist den Männer aber auch nur ein Spiegel ihrer Stärken und Schwächen, ein Spiegel, in dem die Männer nur sich selbst sehen und das Geheimnis Norma Jeans niemals lösen können.
Was aber ist Marilyns Geheimnis? Ihr Geheimnis ist ihre unstillbare Angst und ihre grenzenlose Verzweiflung, eine letale Verwundung der gesamten Persönlichkeit, die nur durch zweierlei kurzfristig beschwichtigt werden kann: durch die Schauspielerei, durch die Norma Jean eine Zeitlang eine andere Person werden kann, und durch die Liebe, die sie ebenso kurzfristig zu Verschmelzung und Erlösung mit einem anderen Menschen führt. Doch keine der beiden „Lösungen“ ist von Dauer, immer zerplatzt die Illusion, bis ihr am Ende nur noch der (freiwillige oder gewaltsame) Tod bleibt.
Kritiker haben das vorliegende Buch als ein „Frauenbuch“ bezeichnet. Das stimmt, aber es ist ein Frauenbuch, aus dem Männer etwas lernen können. Der stiernackige Budd, der grundanständige „Ex-Sportler“, der in seiner Liebe verfangene „Bühnenautor“ und „Mr. President“ entpuppen sich in der Konfrontation mit Norma Jean als Stereotypen und Sackgassen der einer maskulinen Psychologie, für die die Gefühle einer Frau so fremd sind wie die eines Wesens von einem anderen Planeten. Welcher Mann würde sich nicht in dem jungen Budd wieder erkennen, Norma Jeans einfach gestricktem ersten Gatten, dem komplizierte Frauen ein Gräuel sind? Wer hat an sich nicht schon gelegentlich die Züge des „Ex-Sportlers“ verspürt, der gewalttätig wird, als er erkennt, dass sich seine Frau ihm für immer entziehen wird, und wer hat nicht schon das Elend einer Versklavung aus Liebe so erlitten wie es der „Bühnenautor“ erdulden muss, den seine Marilyn am Ende doch verlässt? Aber auch das sind nur Facetten dieses gewaltigen Romans, den man eigentlich mehrfach lesen müsste, um seinen Fundus auch nur annähernd auszuschöpfen. Auch die ungemein geschliffene Sprache, der Reichtum an Vergleichen und Metaphern und die epische Gestaltungskraft, mit der die Autorin den Leser in völlig unterschiedliche Welten führt, hätten es verdient, mehrfach gelesen zu werden. Ein Meisterwerk.

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