McCarthy: All die schönen Pferde

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McCarthy: All die schönen Pferde

Zu den Archetypen jugendlicher Sehnsucht gehört die frühe Reise, der Aufbruch in Fremde und Abenteuer im Morgenlicht der Jugend. Was immer den iuvenilen Wanderer auf dieser Reise  auch erwarten mag, es wird begrüßt als Epiphanie von Wirklichkeit und Leben, umstrahlt von der unvergesslichen Tiefe des ersten großen Abenteuers. So weit das Genre. Auch Cormack McCarthys „All die schönen Pferde“, der erste Teil seiner „Border Trilogie“, handelt von einer solchen Reise, aber es ist eine Reise voller Gewalt, Tod und Blut, die eine Welt offenbart, von deren Schrecken  die Hauptfiguren der Handlung noch nichts ahnen konnten. John Grady Cole und sein Freund Rawlins sind gerade mal sechzehn, siebzehn Jahre alt, als sie auf ihrem Ritt nach Mexiko San Antonio passieren, Pässe und Ebenen überqueren,  in ausgetrockneten Flussbetten schlafen und die mystische Kargheit der Landschaft erleben. „In der Ferne, verschleiert von schwarzen Gewitterwolken, schimmerten lautlose Blitze, wie die Flammen von Schweißbrennern im Qualm einer Schmelzhütte. Als werde im eisernen Dunkel der Welt eine schadhafte Stelle repariert.“(S. 74). Beiläufig begegnen die beiden dem jungen Blevins, einen knapp vierzehnjährigen Heißsporn, der in einem Gewitter unter tragikomischen Umständen sein Pferd verliert, um es sich kurz darauf überfallartig und blutig von seinen neuen mexikanischen Besitzern zurückzuholen John Grady und Rawlins aber reisen weiter und verdingen sich schließlich als Arbeiter und Zureiter auf einer großen Hacienda. Der Schlaf auf der harten Strohmatte, der morgendliche Kaffee aus der Blechtasse, das Zureiten der wilden Pferde, die Gemeinschaft mit den älteren Männern, die die beiden Jungen bald zu achten beginnen, verbinden sich schnell zu einem wohltuenden Rhythmus, in dem die Monate vergehen. Der anstellige John Grady gewinnt nicht nur die Gunst des Haciendados sondern auch die seiner schönen Tochter Alejandra. Eine Liebe bahnt sich an, zuerst zaghaft, dann immer unbedingter, bis die junge Haciendaprinzessin allabendlich in die Schlafkammer des jungen Grady kommt. Man sieht, schon legt die Liebe die Lunte an die majestätisch dahinfließende Geschichte, doch ehe sie hochgehen kann, erscheint die mexikanische   Polizei und verhaftet auf der Suche nach dem jungen Blevins und seinen Kumpanen John Grady und Rawlins. Beide werden nach Norden verschleppt und in ein abartiges Gefängnis gesteckt, in dem ihnen jeden Tag der Tod durch Messerstecher und Psychopathen droht. Längst hat die Geschichte jede Romantik verloren, grün und blau geschlagen kämpfen sich die beiden Jungen verzweifelt durch ihre Tage, bis sie durch die Intervention der Schwester des Hacienderos gerettet werden. Mit ausgeschlagenen Zähnen, gebrochenen Knochen und Stichverletzungen aller Art werden sie aus dem Gefängnis entlassen. Während Rawlins im Bus nach Texas zurückkehrt, gelingt es John Grady noch einmal Alejandra zu sehen, die als Preis für den Freikauf der beiden jungen Männer ihrer Tante und ihrem Vater versprechen musste, ihrer Liebe zu entsagen. Als Alejandra nach der letzten Liebesnacht ihr Versprechen hält und  in den Zug nach Mexiko-City steigt, wurde John Grady klar, „dass sein ganzes Leben auf diesen Augenblick zugestrebt war und fortan nirgendwo hin mehr streben würde. Er spürte etwas Kaltes, Seelenloses in sich eindringen wie ein fremdes Wesen, er stellte sich vor, dass es böse lächelte und nichts wies daraufhin, dass es ihn je wieder verlassen würde.“ (S. 268). Fast wie ein billigend in Kauf genommener Suizidversuch wirkt die anschließende Heimkehr John Gradys, bei der er in einem Akt tollkühner Wildheit sein eigenes Pferd und das seines Freundes Rawlins von seinen Polizeipeinigern zurückholt und mit zurück nach Texas bringt. „Die Sonne verkupferte sein Gesicht,“ heißt es in der letzten Szene wieder daheim am Grab der Grady-Ahnen. „Von Westen her blies der Wind übers abendliche Land, die kleinen Wüstenvögel flatterten zwitschernd durch dorr Farnkraut, Pferd und Reiter, Reiter und Pferd zogen weiter, ihre langen Schatten glitten dahin wie der Schatten eines einzigen Wesens. Glitten verblassend dahin, ins dunkle Land, in eine künftige Welt.“ (S. 327f.)

Was macht den außerordentlichen Rang dieses Buches aus? Neben der Geschichte ist es die Sprache, die sich fast nie in das Seelenleben ihrer Protagonisten verirrt, sondern immer nur beschreibt, beschreibt, beschreibt. McCarthy praktisiert eine Art poetischen Behaviorismus, der der Einfühlung und der Phantasie des Lesers den größten nur denkbaren Freiraum gewährt. Um so schockierender wirken dabei die dramatischen Veränderungen, die nach langen scheinbar ereignislosen Passagen wie Blitze in das Geschehen einschlagen. Wer zum Beispiel die übergangslose und schockierende Schilderung der Erschießung des kleinen Blevins durch die mexikanische Polizei hat lesen müssen, wird in Zukunft hinter jeder Beiläufigkeit der Handlung den Abgrund des Grauens vermuten. So rückt der Autor mit seiner Sprache und seiner Dramaturgie diese scheinbare Jugendgeschichte so eng an die Existenzialen des Lebens heran, das es ein Grausen ist. Ein Meisterwerk, das seinessgleichen sucht.

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