Mak: Amerika – Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten

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Mak: Amerika – Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten

John Steinbecks Reisebuch „Eine Reise mit Charley“ gehört zu den schönsten Reisebüchern des Genres. Die Altersweisheit des großen Autors, seine Beobachtungen (auch wenn viele literarisch „verdichtet“, um nicht zusagen: erfunden waren), aber auch seine Einsamkeit und seine Reflektionen über Amerika machen das Buch bis heute zu einem Muss für jeden Amerikainteressierten. Kein Wunder, dass die von Steinbeck abgefahrene Route (Von Massachusetts über Chicago nach Seattle, dann runter bis nach San Francisco und dann durch den Westen und Texas bis nach New Orleans) zu allen möglichen Jubiläen von den verschiedensten Autoren nachgereist wurde, zuletzt auch von der Journalistin Bettina Gaus, die darüber einen ungemein kurzweiligen und lesenswerten Bericht vorgelegt hat.

Auch der holländische Autor Gert Mak ist die Steinbeck-Route aus Anlass des fünfzigjährigen Jubiläums der Originalreise im Jahre 2010 noch einmal abgefahren. Sein geradezu monumentales 600 Seiten Werk aber möchte mehr sein, als nur der Bericht über eine Reisewiederholung. Genau betrachtet verfolgt das Buch eine dreifache Intention: Es möchte eine Reise durch Amerika beschreiben, es möchte über John Steinbeck informieren und – das ist sein Hauptanliegen – es beansprucht, eine Art Bestandsaufnahme Amerikas im Jahre 2010 vorzulegen. Eine wahrlich imposante Ambition, Wie aber ist sie gelungen?

Zuerst zu den reisebeschreibenden Passagen. Die Seiten, auf denen Mak von den Farben der Wälder in Maine, von der Stimmung der Badlands oder von den kalifornischen Redwood Bäumen erzählt, gehören meiner Meinung zum Besten, was es an Reiseliteratur über Amerika zu lesen gibt. Mak verzaubert den Leser mit einer wunderbaren Anschaulichkeit, die Lust darauf macht, sofort den Koffer zu packen und über den großen Teich zu fliegen. Davon hätte ich viel mehr lesen können, und meine einzige Kritik an dieser Dimension des Werkes besteht darin, dass sich davon viel zu wenig in dem vorliegenden Buch befindet.

Maks zweites Thema ist Steinbeck selbst – der Anlass zu der Reise, sein Lebensweg, seine Werke, Freundschaften, seine Söhne, seine Frauen und seine Weltsicht. Auch wenn manche Details möglicherweise nur etwas nur etwas für Steinbeck-Freaks sind, habe ich diesen Teil des Buches mit großem Gewinn gelesen, denn selbst wenn es fast literaturwissenschaftlich wird, bleibt Mak immer kurzweilig, anschaulich und interessant.

Maks drittes Thema aber ist das mit Abstand ambitionierteste. Er will in dem vorliegenden Buch nicht mehr und nicht weniger als einen USA-Check vorlegen und stellt sich dabei in eine ganz große Tradition: nicht nur in die Steinbecks sondern auch in die von Tocqueville, Bryce, Gunther und anderen, die zu verschiedenen Zeiten versuchten, das Gesamtphänomen der Vereinigten Staaten in den Blick zu bekommen. Gestaltungst- echnisch verläuft das meist so, dass Mak immer dann zu umfangreichen Exkursen anhebt, wenn sich im Reiseverlauf ein beliebiger Anlass ergibt. So führt eine Information, dass an dieser und jener Stelle in irgendeinem Jahr Eleanor Roosevelts zu Besuch war, dazu, einen langen Essay über die Roosevelts einzuschieben. An einer anderen Stelle sieht Mak eine Eisenbahn vorbeizuckeln, was ihn verlasst, einen kurzen (und ungemein interessanten) Abriss über den Aufstieg und die Schrumpfung des amerikanischen Eisenbahnwesens zu liefern. Das finde ich voll in Ordnung, wenn die Breite der Exkurse die Form des Buches nicht beeinträchtigt und wenn die Exkurse selbst inhaltlich bestimmten Anforderungen standhalten. Das ist aber in dem vorliegenden Buch – ich traue es mich kaum nieder zu schreiben – nicht durchgängig gelungen. Und das aus zwei Gründen. Zunächst zeichnet Mak seine historischen und politischen Abhandlungen in sehr, sehr großem Karo, was immer den Nachteil mit sich bringt, dass allen kursorisch herangezogenen Zahlenbelegen sofort andere Zahlen oder Sachverhalte gegenübergestellt werden könnten, die genau das Gegenteil belegen. So wird Mak nicht müde, über die seiner Ansicht nach zu niedrigen Steuern in den USA zu klagen, die es unmöglich machten, bestimmte öffentliche Aufgaben zu erfüllen, die für einen Europäer gewissermaßen zur Grundversorgung gehören. Wie immer man zu dieser Perspektive auch stehen mag, unvollständig wird sie dann, wenn im Rahmen dieser sehr weitreichenden Urteile zu den öffentlichen Finanzen kein Wort über das private Stiftungswesen verloren wird. Immer wieder ist von der Diskriminierung der Minderheiten die Rede, und einmal werden sogar die hohen Kriminalitätsraten der Afroamerikaner dadurch erklärt dass sie geschichtliche Opfer seien. Über ostasiatische Minderheiten wie Chinesen, Vietnamesen und deren herausragende Leistungen als Minderheiten wird kein Wort verloren, denn das würde den gesamten Denkansatz in Frage stellen.

Dagegen, dass Mak sehr dezidiert linksliberal urteilt, wäre gar nichts einzuwenden, wenn der Autor fairerweise auch die Perspektive der Gegenseite aus ihren eigenen Voraussetzungen heraus nachzeichnen würde, vor allem dann, wenn diese Gegenseite – das mag einem gefallen oder nicht – die eher „amerikanische“ Seite der USA verkörpert. Stattdessen lobt Mak all das, was in den USA an Europa erinnert  z.B. Kalifornische Liberalität) und handelt antagonistische Positionen entweder als böse (Fox-News) dumm (Tea Party) oder durchgeknallt (Prediger im Radio) ab. So beklagt er die zunehmenden persönlichen Herabsetzungen im Politikbetrieb, nennt als Beispiele aber nur Verfehlungen der Rechten – die Linke scheint dergleichen Sünden nicht zu begehen. Maks Kritik an den Auswüchsen des amerikanischen Privatsendersystems mag teilweise nachvollziehbar sein – naiv aber finde ich seinen Glauben, die Europäer würden durch die Staatsmedien wie ARD und ZDF unparteiischer informiert. Was Mak überhaupt nicht in den Kopf will, ist die Tatsache, dass so viele einfache Menschen „gegen ihre Interessen“ Republikaner wählten, was insofern bemerkenswert ist, weil hier wieder jemand besser als die Betroffenen zu wissen vorgibt, was deren Interessen sind.

So ist das vorliegende Buch, so beeindruckend es auch daherkommt, so gut es im Einzelnen auch geschrieben ist, als Reisebuch fast eine Mogelpackung, weil sich einerseits von diesem Genre zu wenig in dem Buch befindet und weil es als USA-Bestandsaufnahme andererseits unvollständig, um nicht zu sagen: einseitig ist.

Ist es deswegen misslungen? Ich meine: nein und empfehle die Lektüre des Buches trotz der oben formulierten Einschränkungen. Sein Wert liegt auf einer mittleren Ebene, auf dem Einbezug vieler Details, die in neue Zusammenhänge gestellt werden. Und in einem wiederum erstaunlich ausgewogenen Vergleich zwischen Europa und den USA, der als ein Fazit gleichsam das Ende des Buches bildet (S. 551-565) Und nicht zuletzt liegt sein Wert auch darin, wieder einmal die Brillen zu erkennen, mit denen Linksliberale die USA betrachten.

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