Gaus: Auf der Suche nach Amerika

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Gaus: Auf der Suche nach Amerika

Ein halbes Jahrhundert ist es her, da unternahm John Steinbeck seine berühmte Reise mit Charly“ mit Wohnwagen und Hund durch die gesamte USA. Die Journalistin Bettina Gaus ist dieser Route am Beginn des 21. Jahrhunderts gefolgt – ohne Wohnwagen und Hund, aber dafür mit Laptop und dem ehrlichen Wunsch, die eigene eurozentrische Gutmenschenbetulichkeit durch den amerikanische Perspektive ein wenig aufzulockern.
Die Tour beginnt, wo Amerika auch begann, im Nordwesten, der Gegend mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen und der geringsten Kriminalitätsrate Amerikas. Sie führt dann an New York vorbei nach Cleveland, Michigan, um über die klassische Nordroute durch Dakota Seattle und den Pazifik zu erreichen. Danach wendet sich Bettina Gaus wie John Steinbeck nach Süden, durchquert Oregon, Kalifornien, die Wüsten New Mexikos um sich dann in Texas wieder westwärts zu halten. Entlang dem Golf von Mexiko durchquert die Autorin Südstaaten und kehrt dann, den Appalachen nordwärts folgend, in die Mutterstaaten der Union zurück.
Keine Frage, dass man über eine solche Reise Tausende Seiten schreiben und den Leser mit dem, was man bei uns gerne „Fakten, Fakten, Fakten“, nennt, geradezu erschlagen könnte. Bettina Gaus Buch aber ist keinerlei Stoffhuberei anzumerken, immer werden die Erlebnisse vor Ort so konzentriert und anschaulich dargestellt, dass man sich fast als Reisepartner fühlt, der einer kundigen Führerin lauscht. Was sie über die Trailer-Parks, die amerikanischen Motels, den Waffenkauf, die Trucker, die Eisenbahn, die technologische Rückständigkeit, die Müllkultur des Landes und vieles andere mehr beschriebt, ist durchweg anschaulich und interessant zu lesen – und: Bettina Gaus versucht gar nicht erst, diese Miniaturen einem stimmigen Bild zu verbinden, weil die USA als Ganzes auch nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen sind.
Störend wirkt allerdings, dass die Autorin während ihrer Gespräche und Reflexionen gerne auch mal den moralischen Zeigefinger ausfährt. Im Gestus der Anklage schildert die Autorin etwa, dass in Kalifornien Verbrecher nach der dritten Strafftat für zwanzig Jahre hinter Gittern verschwinden. Das findet sie „umstritten“, außerdem sei durch diese Übung die Zahl der wilden Verfolgungsjagden dramatisch angestiegen. Was Bettina Gaus verschweigt, ist die Tatsache, dass nach der Einführung dieser Strafpraxis die Mordrate in Kalifornien um ein ganzes Drittel zurückgegangen ist (!) Etwa 8.000 Menschen pro Jahr werden in Kalifornien möglicherweise nicht ermordet, weil die potentiellen Täter vorher aus dem Verkehr gezogen werden. Die U Bahn Mörder von München lassen grüßen. Das wäre doch ein Detail gewesen, mit dem man das „unbekannte Land Amerika“ ein wenig schärfer in den Fokus hätte rücken können.
Auf der anderen Seite muss man aber auch anerkennen, dass Bettina Gaus sich durch Argumente und Personen überzeugen lässt. Nach dem Gespräch mit einem sympathischen Waffenhändler überkommt sie sogar ein Aha-Erlebnis. „Es fällt mir leichter, anderen Völkern Gepflogenheiten zuzubilligen, die mir nicht gefallen, als den Bürgern einer Weltmacht. Das ist ungerecht“ (S.85) Was die Autorin als Linke naturgemäŽß überrascht, ist die beharrliche Freundlichkeit, mit der republikanische Gesprächspartner an ihren „reaktionären“ Ansichten festhalten, ohne einen Versuch zu unter nehmen, ihre Gesprächspartner zu missionieren oder herabzusetzen.
So kann der Leser die Scheuklappen und Erkenntnisfortschritte der Autorin „auf der Suche nach Amerika“ an sich selbst nachvollziehen, was als didaktische Methode nicht das Schlechteste ist. Nur einen wirklichen Nachteil besitzt das vorliegende Werk, der allerdings von der Autorin bewusst in Kauf genommen wird. Die Metropolen des Landes, New York, Los Angeles, Chicago, Huston, Seattle und andere, werden bewusst ausgespart. Bettina Gaus fährt an ihnen entweder einfach vorüber oder tut sie in wenigen Absätzen ab. So handelt es sich bei dem vorliegenden Buch genaugenommen nur um ein Teil- Portrait der Vereinigten Staaten. Um die „rough Areas“, in denen gemeinhin die Greyhound-Busse starten und enden und in denen der Reisende an der Seite der Unterschichtler das Land gleichsam „von unten“ betrachten könnte, hat die Autorin einen großen Bogen gemacht. Das war sicher auch gut so, weil sonst dieses lesenswerte Buch möglicherweise gar nicht hätte erscheinen können.

 

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