DeLillo: Unterwelt

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DeLillo: Unterwelt

Zehn Jahre lang stand das dicke Buch ungelesen in meinem Bücherschrank, und ich denke, dass es nicht wenigen Lesern so gegangen ist. Wahrscheinlich war ich sogar gut beraten, so lange mit der Lektüre zu warten, bis meine  Geduld und Lesefähigkeit, mein Verständnis und meine Aufnahmebereitschaft den Ansprüchen  dieses Buches wenigstens ansatzweise gerecht werden konnten. Womit eines schon angedeutet ist: Dieser Roman ist ein „Achttausender“, eine Herausforderung, aber auch ein literarisches Highlight, der nicht mehr und nicht weniger beansprucht, als DER amerikanische  Roman zu sein, der im besten Hegelschen Sinne seine eigene Zeit – die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts –  als Kunstwerk  zusammenfasst.

Wie ist dieser Roman konstruiert? Erstens: konsequent, geradezu monumental episch! Er umfasst nicht nur ein halbes  Jahrhundert, sondern tangiert auch alle wesentlichen Facetten der amerikanischen Gesellschaft:  Kunst, Medien, die Atombombe und die moderne Waffentechnik, Umwelt, Müll, Drogen, Kapitalismus – und last not least Baseball – lauter Subsysteme der amerikanischen Wirklichkeit bilden aufwendig gestaltete Bühnen, auf denen  eine überschaubare Gruppe von Menschen während einer Zeitspanne von zwei Generationen agiert – und zwar – zweitens – rückwirkend! Was sich möglicherweise vollkommen abgedreht abhört, funktioniert in „Underworld“ tatsächlich – wenn man unter „Funktionieren“ die Tatsache versteht, dass der Leser über Hunderte von Seiten bei der Stange bleibt und durch immer neue Wendungen überrascht, unterhalten und unaufdringlich belehrt wird. Nach einem langen Prolog, einem Baseballfinale aus dem Jahre 1951, in dem auch J.E. Hoover und Frank Sinatra anwesend sind, macht der Roman einen Sprung in das Jahr 1992, geht dann zurück auf die Achtziger Jahre, auf 1974 und schließlich auf die Sechziger und Fünfziger Jahre, bis er am Ende genau dort wieder ankommt, wo er begann. Dass dabei eine relativ überschaubare Gruppe von Figuren – Nick und Matt Shay, ihre Mutter, die Künstlerin Karin Sax und ihre Familie(n) – nicht nur Konturen gewinnen, sondern durch den Rückwärtsgang der Erzählung auch in ihrem Werdegang retentional dargestellt werden,  ist literarisch ungemein unterhaltsam und mir so jedenfalls noch nicht untergekommen. Ergänzt wird diese aufwendige Romanarchitektur – drittens – immer wieder durch den breiten Einbezug zeitgeschichtlicher Wegmarken – etwa die Zündung der ersten Wasserstoffbombe durch die UdSSR im Jahre 1951, die Kubakrise von 1962 oder Nixons Rücktritt im Jahre 1974. Thematisch zusammengehalten wird das Riesenwerk – viertens – durch die Suche nach einem Baseball, der im Prolog von einem jungen Afroamerikaner nach einem wichtigen Finalspiel ergattert wird und nach dem Baseballfans aus allen Schichten der amerikanischen Gesellschaft in den folgenden Jahrzehnten suchen. Wobei am Ende sich jeder Leser selbst die Frage beantworten muss, was es mit diesem Baseball auf sich hat, bzw. wofür er steht.

Jeder Versuch, jenseits dieser Skizzierung das Werk in seinen unendlichen Verästelungen im Einzelnen zu beschreiben, ist vollkommen aussichtslos. Ich kann aber versichern, dass jeder, der sich  diesem Roman stellt, die dickste Ladung „Amerika“ mitbekommt, die er je erhalten hat. Aus der Vielfalt dieser Impulse, Informationen und Zusammenhänge kann ich keinen als den Wichtigsten benennen.  Nur eines  hat sich mir in aller Klarheit erschlossen: dass alles und jedes auf einer untergründigen Ebne, eben der „Unterwelt“  miteinander zusammen hängt, ohne dass ich im Einzelnen sagen könnte, wie. Der Roman vermittelt also nicht in erster Linie abrufbare Einsichten sondern die Evidenz einer gesamtamerikanischen Ganzheit, deren Komplexität beunruhigt, wenn man sie auch noch nicht wirklich versteht – falls das überhaupt möglich sein sollte.

 

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