Büscher: Hartland

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Büscher: Hartland

Ein Mann wandert von der Kanadischen Grenze südwärts durch die gesamten Vereinigten Staaten, durch Nord- und Süddakota, Nebraska, Kansas, Oklahoma und Texas die Route 77 entlang bis zur mexikanischen Grenze. Drei Monate und über 3000 Meilen ist er unterwegs, durch Schnee und Eis, durch Sturm und Regen durch Hitze und Wüste. Sein Name ist Wolfgang Büscher, und in dem  vorliegenden Buch erzählt er die Geschichte dieser Reise

„Dieser knisternd gegenwärtige Wintermorgen in Norddakota,  schneidende Kälte, in der ich ging, der leichte Schmerz beim Einatmen, die winterstarre Welt – all das barg die pochende Erwartung von Dingen, die kommen würden, die auf mich warteten an der Biegung der Straße. Immerzu hielt ich Ausschau nach etwas, nach einer Farm, einem Haus, einer Rinderherde, einem Pferd, einem Auto, einem totgefahrenen Hirsch oder Kojoten. Das alles gab es alle paar Meilen, aber es diente nur dazu, die Leere umso vernichtender, umso grandioser zu empfinden, die endlose, baumlose, brettflache Prärie. Wie leer Amerika war, so leer war Amerika, so amerikanisch war die Leere – das hatte ich vorher nicht gewusst.“ (Seite 27)  Er trinkt Kaffee mit einem krebskranken Ex-Militär, der sich sofort nach der Diagnose seiner Krebserkrankung in eine abgelegene Hütte zurückgezogen hatte,  um im Angesicht der Natur zu sterben. Er  begegnet  den Spuren ausgestorbener Indianerkulturen am Missouri, gedenkt der Millionen abgeschlachteter Büffel und der Indianer, die in der ersten Hälfte des 19. Jhdt. einer Pockenepidemie erlagen.   Er erinnert sich an den jungen Knut Hamsun, der eine Zeitlang in Dakota  arbeitete und nach seiner Heimkehr den USA ein denkbar schlechtes Zeugnis ausstellte. In Büschers  Gepäck befinden sich die Reisebeschreibungen des Deutschen Max Prinz zu Wied und Neuwied, der um 1836 diese Gegend bereiste und dessen Veröffentlichungen möglicherweise Karl May inspirierten. In einem Indianer-Casino beobachtet er alte Menschen, die in unbeschreiblicher Tristesse vor den Spielmaschinen sitzen, kauft einen Revolver, den er niemals brauchen wird,  von einem Indianerjungen und schläft eine Nacht in einem elenden  Trailer bei dem Cowboyindianer Mitch.

Regelmäßig halten Fahrzeuge neben ihn, deren Fahrer ihn fragen „Need a Ride?“, was das Vorankommen nicht unwesentlich erleichtert.  Immer wieder trifft er bei seinen Wanderungen auch  auf leere Städte und menschenleere Plätze und fragt sich: wo sind nur all die Leute abgebleiben?   Er schläft in leeren Hotels,   in denen man seine Zimmer selbst suchen und am Morgen seine Kreditkartennummer auf einem Zettel hinterlassen kann und flieht aus einem Obdachlosenasyl vor der bürokratischen Traurigkeit des Hauses. In Omaha erinnert ihn das Tuten de Eisenbahn an den Beginn des großen Eisenbahnbaus von 1862, als gleichzeitig in Omaha und San Francisco der Bau einer transkontinentalen Strecke begann, die 1869 fertiggestellt wurde. Je weiter er nach Süden kommt, desto mehr gesellt sich  zur Plage der endlosen Straße der Gegenwind als neuer Feind hinzu. Bald ist auch die Kulturgrenze des Südens erreicht: nun dominiert der Stetson-Hut statt Kappe, das „Sir“ statt dem „du“ und auf den  T- Shirt ist zu lesen: „Du quatschst, und ich mach das Rennen“ Dann bricht der Sommer herein wie eine Heimsuchung: „Die angestammte Folge der Jahreszeiten scherte ihn nicht, dem altersschwachen Winter gab er den Gnadenschuss, den zarten Frühling stieß er grob zur Seite, ein nutzloser Geck in seinen Augen, sollte er in den Avenuen der großen Städte flanieren, hier draußen hatte er nichts verloren – hier sprang jetzt der Sommer vom dampfenden Pferd und riss die Herrschaft an sich mit seinem wüsten Gefolge, einer Bande von Tornados“ (S. 189)  Während der  Wanderung durch Kansas erinnert sich Büscher an die dritte Conquista, die Coronado-Expedition von 1540/1, und macht  Bekanntschaft mit der bestürzenden Leere der Prärie, der baumlosen ozeangleichen Unendlichkeit, die die Spanier zur Verzweiflung brachte und sich erst später als nutzbar erwies.  In Purcell wurde der Autor dann derart eingeregnet, das er kurz davor war, einen Wagen zu kaufen, er ließ  es aber und las stattdessen ein Buches über die Penny Auktion in den Depressionszeiten, ehe er weiter marschierte.

In Dallas steht Büscher an Lee Harvey Oswald Fenster über der Elm Street und erinnert sich an den Helden Kennedy, den Heros seiner Kindheit. Amerika als Verheißung, wo jeder Tag neu gepflückt werden konnte, während der Osten als Reich der Finsternis gat – das waren Büschers Jugendempfindungen.  „Amerika das sich selbst besingende Land,“ notiert Büscher als erwachsener Mann. Bei einem Treffen mit  Anhängern der Davidianer Sekte taucht er tief ein in die Geisterwelt des religiösen Fundamentalismus,  dann wieder ist er Gast einer munteren texanischen Hochzeitsgesellschaft, der auch durch einen Hurricane das Lachen nicht vergeht. Er genießt den Rock n´ Roll auf der Sixth Street von Austin, verliert seinen Rucksacks und wandert schließlich wie ein Hobo über die Straßen von Texas, von denen er doch aufgelesen und von freundlichen Menschen  weitertransportiert wird. Am Ende fährt er auf der Ladefläche eines Tracks durch eine Wüstenpassage zusammen mit voll beladenen mexikanischen Wagen der Grenze entgegen. Im „mörderischen“ Metamoros jenseits der mexikanischen Grenze endet die Reise.

Man sieht: das vorliegende Buch ist kein Abenteuerbuch – das Gefährlichste, was Büscher erlebt, ist eine Szene, in der ihn ein Sheriff höflich auffordert, sich mit gespreizten Beinen bei einer Kontrolle rücklings vor den Wagen zu stellen. Aber was immer an Nebensächlichem, Alltäglichem au dieser langen, langen Reise auch geschieht: Büscher findet dafür eine unverwechselbar poetische Sprache, mit der es ihm gelingt, den Zauber seiner Reise in der Phantasie seiner Leser lebendig werden zu lassen. Er sieht und notiert, schafft Stimmungen und Bilder und wertet sparsam, wenn überhaupt, und unterscheidet sich auf diese Weise wohltuend etwa von der europazentischen Amerikaliteratur von Gert Mak und anderen, deren Urteile manchmal den Blick auf das Land verstellen. Nicht so Wolfgang Büscher. Er  ist der Poet unter den Reiseschriftstellern seiner Generation,  ein Meister des Wortes und der Atmosphäre und ein Beweis dafür, dass Reisebücher durchaus literarischen Rang besitzen können, auch wenn in ihnen nicht viel passiert. Unbedingt empfehlenswert.

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