Zwischen Guilin und Yangshuo

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Auf der Suche nach dem Traum
vom ländlichen China

Es gab eine Zeit, da waren die fernen und exotischen Länder noch nicht wohlfeile Angebote im Flugplan Tableau der großen Luftfahrtgesellschaften  sondern ein Gegenstand der Träume. Das sagenhaft reiche Eldorado, die Goldstadt Timbuktu, die vom Dschungel überwucherten Maya-Pyramiden von Yukatan prägten wie kollektive Archetypen die Vorstellungen und Gefühle von Völkern und Wundern am anderen Ende der Welt.

Auch wenn das Zeitalter des modernen Kulturtourismus den Schleier dieser Wunder Schritt für Schritt gelichtet und dabei nicht immer nur Schönes hat­ sichtbar werden lassen, haben manche Traumbilder überlebt. Für Indonesien trifft dies noch immer auf Bali zu, die Sehnsucht nach dem alten Indien wird für den, der sehen kann, in Rajastan erfüllt. Ich habe mich aufgemacht, meinen Traum von China am Lijang-Fluß zu finden.

Der erste Eindruck ist aber dann alles andere als traumhaft. Unter Blitzen und kübelartigen Regenfällen ist die Maschine der DRAGON AIR nach einer guten Flugstunde von Hongkong auf dem Flughafen von Guilin  gelandet. Kaum habe ich die Einreiseforma­litäten erledigt und trete noch etwas zögernd auf den Vorplatz des Flughafen­ – mit jeder Faser meines Wesens bereit, die berauschende   Atmosphäre der Fremdheit  in mich aufzunehmen –  da stürmen bereits Einheimische auf die Neuankömmlinge zu, wollen Geld tauschen und Hotels empfehlen, und ehe man sich versieht, haben bereits diverse Taxifahrer das Gepäck ergriffen und die verschiedenen Gepäckstücke auf ihre Gefährte verteilt. China empfängt die Reisenden, die ihre Traumbilder suchen, mit seiner eigenen Wirklichkeit.

Guilin ist heute eine Siedlung mit knapp 700.000 Einwohnern, das heißt für chinesische Verhältnisse eine bessere Kleinstadt. Kein Mensch außerhalb Chinas würde an diesen  Ort einen einzigen Gedanken verschwenden, befände er sich nicht im Zentrum eines mehrere hundert qkm großen Karstge­bietes, in dem das Zusammenspiel von Erderhebung  und Erdsenkung, von Wind und Wasser im Laufe der  Jahrmillionen Unzählige wunderlich     geformte dicht bewachsene Kalksteintürme hat entstehen lassen, zwischen  denen sich die für Südchina typischen Reisfelder und lehmfarbenen  Dörfer ausbreiten.  Durch diese Märchenlandschaft, schlängelt sich auf einer Länge von ca. 50 km   Lijang-Fluß, den der chinesische  Dichter Han Yu mit einem „blauen Band aus Jade“ vergleicht, der sich durch das Spalier der Berge windet. Die Zuckerhutfelsen, die den Li-Fluß  wie eine urweltliche Garde säumen, erinnern  an Elefantenrüssel, Kamelrücken, Kopfprofile, romantische Burgfelsen, Hutspitzen oder Katzenbuckel.  Jeden Abend in   der Dämmerung verschwimmen die Umrisse der  Berge im nebeligen Dunst des Lijang  zu  einer Ansammlung zyklopischer Riesen, die einander  über die Schulter blicken und die Lichter auf den Dschunken grüßen. So gilt das Gebiet des Lijang zwischen Guilin und Yangshuo als eine der Perlen Chinas, und die Reisegruppen,die aus den westlichen Ländern, aber auch aus Taiwan und Hongkong, zu jeder Jahreszeit nach Guilin geflogen kommen, sind mit reichlich Filmmaterial versehen, um die bizarren  Naturpanora­men nachhaltig für häuslichen Reisedokus  zu sichern.

Guilin selbst ist eine eher beschauliche Stadt. Fahrradfahrende Chinesen prägen das Straßenbild, es gibt blinde Masseure an den Brückengeländern, die eine Kopfmassage offerieren. Kaninchen, Schildkröten und Schlangen sind  in Käfigen vor den kleinen Esslokalen ausgestellt, und ich kann in der Küche eines kleinen Restaurants miterleben, wie eine lebende Kobra zu einem Schlangen­steak verarbeitet wird. Ihr Blut wird nach der Köpfung in einem Gefäß gesammelt, mit einigen Zutaten gepanscht und einer Gruppe fröhlich zechender Taiwanesen als Potenztrunk verkauft. Nur Kaffee gibt es nicht im Angebot, doch dem Europäer, der in Guilin  über den Nachtmarkt schlendert und all die gerösteten Hundeschwänze, Bambusratten und Krähenfüße sieht, schließt sich der Magen auch so.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit einem Taxi zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt.  Unglaublicher Andrang herrschte in der Rohrflötenhöhle, einem großen Tropfsteinhöhlensystem in der Nähe der Stadt, in dessen Grotten und Gängen sich die Chinesen unter bunten, kirmesartigen Lämpchen jauchzend und begeistert gegenseitig fotografieren. Fast leer war es dagegen an den etwas außerhalb von Guilin gelegenen und erst neuerdings restaurierten Ming-Gräbern, einer Anlage mit einer ganzen Galerie  von Menschen- und Tierskulpturen, die hinter einem großen Drachen­tor zu zwei Tempelgebäuden führen. Hier liegen hohe Beamte und Familienangehörige der Ming-Dynastie begraben, die China zwischen 1368 und 1644 regierte und die sich kurz vor ihrem Untergang vor dem Ansturm der Mandschus in diese Gegenden Südchinas zurückzog.

Aber das sind alles nur Peanuts. Als die wahre Attraktion eines Guilin-Besuches gilt dem Kundigen die Bootsfahrt auf dem Lijang zwischen Guilin und Yangshuo. Auf dieser Strecke kann man auf beiden Seiten des Li die ganze Vielfalt und den Formen­reichtum bewundern, die die Natur seit Anbeginn der Zeiten in diesem Teil der Welt geschaffen hat. Pyramidenförmige, doppel­türmige, halbrunde, abgeflachte, steile, spitze, nach links und rechts sich neigende, gerade, schräge Kalksteinberge, alle dicht bewachsen mit dem dunklen Lebenspelz, säumen eng beieinander ­stehend die Ufer. Diese Landschaft ist bei jedem Wetter atemberaubend, am ehesten noch entfaltet sich ihr fremdartiger Zauber unter einem dichten Wolkenhimmel, wenn die Nebelschwaden wie Lametta über den Berghängen liegen und die allgegenwärtige Feuch­tigkeit dem Laub einen geradezu giftgrünen Stich verleiht. Für die Einheimischen sind die pittoresken Gebilde Gefährten des Alltags, vertraut in den Fein­heiten ihrer Formen und Farben und mit Namen belegt: sie heißen „Fledermausberg“, „Kampfhahnberg“ oder „Pinselständerberg“. Es gibt sogar Bezeichnungen für ganze Hügelgruppen, etwa „Alter Mann am Mühlstein“ oder gar „Fünf Tiger schnappen sich ein Schaf“

Die wundersame Fahrt, organisiert von den Reisebüros in Guilin für harte Devisen, geht in Yangshuo urplötzlich zu Ende. Die chinesischen Tourismus-Manager scheinen es als ein Zeichen von Effizienz zu betrachten, die gerade auf dem Boot in Yangshuo angekommenen ausländischen Touristen in Rekordzeit wieder in Busse zu verfrachten und in einer hupenden Karawane schnellstens wieder nach Guilin zurückzubefördern. Fast muss man ihnen dafür dankbar sein. Denn sobald die Pauschalreisegruppen aus Europa, Hongkong und Taiwan nach einer halben Stunde wieder verschwunden sind, kehrt eine paradiesische Ruhe ein. Für denjenigen, der seinem Traumbild von China weiter auf der Spur bleiben will, ist nun reichlich Zeit, in einem Pavillon am Fluss die Umrisse der Berge zu be­wundern, die Komoran-Fischer auf dem Li zu beobachten oder sich auf dem dörflichen Markt ein wenig treiben zu lassen.

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Hinter dem Yangshuo-Hotel, in dem jederzeit für dreißig Euro ein Doppelzimmer mit Dusche, Toilette und Aircondition zu erhalten ist, befindet sich der Yangshuo-Park.  Auf diesem Ge­lände laufen  Schulklassen umher, Familien  picknicken, und der Besucher er­klettert den Xilang-Berg inmitten des Parks  mit seinem kleinen  Pavillon auf  der Spitze. Hier ist der Ausblick auf die Landschaft  noch beeindruckender als  in Guilin:  die üppig bewachsenen Zuckerhutberge haben die kleine Stadt wie eine fremdartige Armee umzingelt,  der Li-Fluß glänzt im Licht der Abendsonne,  und die Berge im Osten verschwimmen im Dunst.

Eine Attraktion besonderer Art in Yangshuo ist das Green Lotus Peek Winehouse, ein Cafe für Individualreisende, von denen es in Yangshuo selten mehr als ein oder zwei   Dutzend zur gleichen Zeit gibt und in dem deswegen nach recht kurzer Zeit jeder fast  jeden kennt. Hier gibt es Kaffee am Morgen, Kerzenlicht am Abend, sentimentale Musik aus einer alten Musikbox, von der ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, wie sie ihren Weg in diese chinesische  Provinz gefunden hat. Ein ganzer Tag lässt sich problemlos vor dem Peek ­Cafe verbringen: kleine Chinesen kommen mit ihren Ranzen  aus der Dorfschule, die ganz Mutigen wagen sich sogar kichernd an die Tische, um sich eine Langnase einmal aus der Nähe anzusehen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lassen sich die Passanten ihre Schuhsohlen ambulant beschlagen,  an einem Kiosk werden Böller verkauft, die ihre Eigentümer unter lautem Jauchzen sofort in die Luft jagen. Insgesamt kommt mir der dörfliche Alltag sauberer und wohlhabender vor, als ich es erwartet hätte. Die Menschen sind nicht ärmlich ge­kleidet, und vor allem die Kinder sind herausgeputzt wie kleine Fürsten. Überall sieht man Männer und Frauen, die mit Reisigbesen jedweden Müll vor ihrem Haus oder Stand beseitigen. Auch die öffent­liche Versorgung scheint zu funktionieren, die Lokalbusse brausen pünktlich die Dorfstraße herauf und herunter, der Schutzmann ist mit Einsatz bei der Sache,  und der Zahnarzt grüßt aus seinem zur Straße hin offenen Behandlungsraum freundlich mit der Spritze.

Am Abend spaziere ich zum Ufer des Li Flusses um die Komoranfischer bei der Arbeit zu beobachten. Beim Komoranfischer bilden Mensch und Vogel eine gattungsübergreifende Jagdeinheit, bei der der eine Partner die Arbeit und der andere den Nutzen. Aufgabe des an einem Stock festgebundenen Komorans ist es,  mit seinem Schnabel die Fische blitzschnell aus dem Wasser zu fischen. Am verdienten Verzehr wird der Komoran  jedoch durch eine sehr enge Halsschlinge gehindert.  Stattdessen greift der Fischer dem Vogel derbe ins Maul und entreißt ihm seinen Fang – hier und da für den Gegenwert eines Mini-Fisches, den der Komoran gerade noch herunterschlucken kann.

Am dritten Tag meines Aufenthaltes leihe ich mir ein Fahrrad und erkunde die Umgebung. Über meist ebene ungeteerte Straßen fährt man eine scheinbar unendliche Reihe von Reisfeldern entlang, durchquert winzige Dörfer mit kleinen Land­märkten, sieht Glasbläser bei der Arbeit, Scherenschleifer unter­wegs und kann sich bei Bedarf an einer Garküche mit einer orginal südchinesischen Nudelsuppe stärken. Überall kommen uns chinesische Fahrräder mit Seitenauslegern entgegen: Hinten auf dem Gepäckträger sitzt die Gattin, vorne im Körbchen das kostbare chinesische Einzelkind, und im Sozius liegt das Gemüse für den Markt.

Bald ist der Mondberg erreicht, die höchsten Erhebung der gesamten Region, dessen Gipfel wie eine riesige Brücke bei Bergteile verbindet. Der Rundblick vom Gipfelplateau des Mondbergs ist der Abschiedsblick auf die Landschaft des Lijang. Unten zieht der Fluss tatsächlich wie ein blaues Band aus Jade vorüber, Tausende von Reisparzellen und Bewässerungskanäle spiegeln ein gebrochenes  Licht aus der Ebene empor, und ein letztes Mal grüßen die allzeit präsenten Zuckerhüte vor- und nebeneinander gestaffelt in wunderbar unordentlichen Reihen, unübersehbar und wunderlich wie die Gestalten der eigenen Träume, denen der Reisende an diesem Ort begegnen kann.

 

 

 

 

 

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