Zwischen Dong und Dollar

3 (05)

Der vietnamesische Badeort Nhatrang ist ein Spiegel der vietnamesischen Geschichte und eine Probebühne für die Zukunft des Landes

Gerade sieben Jahre war die Vietnamesin Dao alt, als ihre aus China eingewanderte Familie die Drangsalierungen durch die kommunistische Regierung in Hanoi nicht mehr ertragen wollte. Sie stach zusammen mit Tausenden von Leidensgenossen aus Nhatrang, Tuy Hoa, Phan Thiet und vielen anderen Küstenorten mit überfüllten Flößen und Booten in See, um jenseits des Meeres an den Küsten Malaysias und Thailands Asyl zu suchen. Eine unbekannte Zahl dieser unglücklichen „Boat People“, für deren Schicksal sich die westliche Welt Ende der siebziger Jahre weit weniger interessierte als für die Heldentaten des Vietcong zehn Jahre zuvor, wurde von Piraten ausgeraubt und umgebracht. Viele ertranken oder verdursteten, und diejenigen, die die Todesfahrt über das Südchinesische Meer überstanden, wurden an den rettenden Ufern keineswegs mit offenen Armen aufgenommen. Dao und ihre Eltern aber hatten Glück: Sie erreichten nach einer zweiwöchigen Odyssee die malaysische Küste und erhielten politisches Asyl in der Schweiz, wo es ihnen gelang, mit dem sprichwörtlichen Fleiß der Chinesen eine neue Existenz zu gründen.

Zwanzig Jahre später ist Dao als schweizerische Staatsbürgerin nach Nhatrang zurückgekommen. Und sie glaubt, ihren Augen nicht zu trauen. Dort, wo einst die Flüchtlinge mit maroden Booten in See stachen, sitzen heute die Angehörigen der neuen vietnamesischen Geld- und Schieberaristokratie an reichgedeckten Tischen, kommunistische Kader mit ihren Familien lassen gleich nebenan den Reisschnaps kreisen, und die amerikanischen und europäischen Individualtouristen flanieren mit dem lässigen Habitus derer, die schon alles gesehen haben und die nichts mehr überraschen kann, die Strandpromenade entlang. Fast hat man den Eindruck, als hätte der paradoxe Verlauf der vietnamesischen Geschichte Kommunismus und Marktwirtschaft, die Landeswährung Dong und die Weltwährung Dollar und all das Disparate, das die Zukunft des Landes im nächsten Jahrhundert bestimmen wird, am Strand von Nhatrang wie in einem Probeentwurf zusammengefaßt.

Hat Ihnen dieser Anfang gefallen? Interessiert sie der Ort, die Landschaft, die Geschichte? Weiter geht es in „Der Garten der Welt. Reisen in Thailand, Burma, Laos, Kambodscha und Vietnam“,S. 276ff. 

3 (11)

 

 

FacebookTwitterGoogle+Empfehlen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *