Zehntausend Stufen himmelwärts

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Zum Gipfel des Emei Shan in der Provinz Szechuan

Heilige Berge sind ein fester Bestandteil der chinesischen Kultur. Wo der Inder das reinigende Bad in einem heiligen Fluss bevorzugt, steigt der Chinese aus den Ebenen empor, erklimmt Hügel und Gipfel, um sich zu entsühnen. Um diese Berge legen sich die Mythen wie ein unsichtbares Gespinst, wundersame Geschichten von hilfreichen Göttern und Geistern strahlen von ihnen gleichsam herab auf die platte Welt des Menschen, bis am Ende dieser Entwicklung Klöster und Tempel auf ihren Gipfeln entstanden.

Der abgelegenste und höchste dieser heiligen Berge ist der Emei Shan, der „Berg der hochgeschwungenen Augenbraue“, ein Hunderte von Quadratkilometern großes Massiv, auf dem die buddhistischen Mönche seit dem zweiten Jahrhundert ihre Klöster und Klausen am Rande der Wolken und Schluchten oder tief verborgen in den dichten Wäldern errichteten. Ein ganzer Kosmos von Lokalgöttern und Geistern, eingewebt in das tolerante Gefüge des chinesischen Mahayana-Buddhismus, wird in den Gebetshallen des Emei Shan mit dem gleichen Geist gepriesen, der es den Chinesen so leicht macht, alles und jedes vorsorglich zu verehren. Der bevorzugte Kult aber kreist um den Buddha Samantabhadra, den die Chinesen Puxian nennen und der auf seiner Reise von Indien nach China mit seinem fliegenden Elefanten die weit über Wolken herausragende Spitze des Emei Shan erreichte.

Seine religiöse Blütezeit erlebte der Emei Shan während der Ming-Dynastie im 14. und 15. Jahrhundert. Längst waren die alten Klöster aus der späten Han- und der Tang-Zeit verfallen, als ein wiederbelebter Kult des Berges selbst, der nun als Gott begriffen wurde, die Kaiser aus Nanking und Peking pilgernd auf die Gipfel führte. Über einhundertfünfzig Klöster gab es in den Wäldern und an den Abhängen, und der Emei Shan errang in dieser Zeit seinen Rang als einer der vier heiligen Berge des Buddhismus. Heute sind nur noch etwa zwanzig Klöster bewohnt, und die meisten dieser altersschwachen Anlagen, in denen sich manchmal nur ein oder zwei anachoretische Einsiedler durch eine wenig bemitleidenswerte Büßerexistenz kämpfen, befinden sich in einem bemitleidenswerten Zustand. Wie überall in China haben auch am Emei Shan in den sechziger Jahren die Roten Garden gewütet, Klöster abgebrannt, die Mönche umgebracht oder vertrieben, und erst seit einem guten Jahrzehnt bemüht sich die Provinzregierung in Chengdu um eine Wiederherstellung dieses einzigartigen Pilgerweges. Allerdings sind diese Anstrengungen bisher nur den größten Klosteranlagen Bao Guo Si, Wannian Si oder dem Tempel des Goldenen Gipfels zugute gekommen.

Am Kloster Bao Guo Si, in der Nähe eines kleinen Busbahnhofes mit Verbindungen nach Chengdu und Leshan, beginnt und endet der klassische Pilgerweg, eine Strecke von fünfundvierzig Kilometern und zehntausend Stufen himmelwärts, ein schweißtreibendes Exerzitium, das den Wanderer nicht nur bis an den Rand der physischen Erschöpfung, sondern auch noch durch Gottes Garten in China führt, durch eine faszinierende Flora und Fauna bis in eine Höhe von 3077 Metern, wo sich am Ende der Reise, wenn der Buddha gnädig ist, der Emei Shan als einsamer Gott über den Wolken zeigt und einen Blick westwärts bis nach Tibet erlaubt.

An diesem Morgen scheint die Sonne über dem Kloster Bao Guo Si, ein seltener Gast über dem roten Becken von Szechuan. Ein letzter Rest des milchigen Morgennebels taucht das Kloster und die umgebenden Wälder in ein mystisches Licht. Abseits von den Hauptgebäuden liegt ein kleiner Teegarten, in dem die Einheimischen bei einer würzigen Nudelsuppe und einer Porzellanschale voll Tee beieinandersitzen und ein munteres Schwätzchen halten. Abfälle werden mit Sträucherbesen zusammengekehrt, Weihrauchdüfte ziehen herüber, und über dem Kloster Bao Guo Si erklingt eine unaufdringliche meditativ-buddhistische Gebetsmusik. In dieser Melange aus Andacht und Picknick spielen die Kinder zwischen den Tischen, alle mit kleinen Schürzen versehen, die jüngeren mit jenen unnachahmlichen schrittfreien Kinderhosen bekleidet, die jeden körperlichen Drang ohne Hindernisse erlauben, und fast alle im gelben Hemdchen, jener Farbe, die früher allein dem Kaiser vorbehalten war und die heute nicht von ungefähr den „kleinen Kaisern“ zuteil wird.

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Ich schlendere durch das Kloster, mustere eine Bronzepagode aus der Ming-Zeit mit Tausenden winziger Buddha-Figürchen und entzünde ein Räucherstäbchen vor dem überlebensgroßen PorzellanBuddha von Bao Guo Si, auf daß mich der Gott während meiner Wanderung vor den Affen und den bösen Geistern behüte. Sicherheitshalber erwerbe ich aber auch noch einen chinesischen Regenschirm am Klosterkiosk, der mir nicht nur bei der unsicheren Wetterlage zu Diensten sein soll, sondern mit dessen automatischer Öffnungsvorrichtung sich auch die aufdringlichen Affenhorden des Emei Shan vorzüglich erschrecken lassen sollen. Doch eher sind es die Affen, die an bestimmten Stellen des Pilgerweges die Wanderer erschrecken. Colin Thubron beschreibt in seinem Reisebuch „Im Garten des Drachen“ eine solche Begegnung der unfreundlichen Art. „Ich schleppte mich, den Blick zu Boden gerichtet, die Treppen hinauf, als drei kräftige Affen aus dem Bambusschatten hervortraten. Sie ließen sich auf den Stufen vor mir nieder und warteten, die roten Gesichter auf mich gerichtet. Ein Baby mit traurigem Gesicht klammerte sich an den Bauch der Anführerin. Sein Körper war halb vom Fell verborgen. Ich versuchte sie zu umgehen. Aber sie kamen mit drohendem Husten und Quietschen auf mich zu und erleichterten mich um meine letzten Kekse.“ Auf diese berühmten Zollstationen der Emei-Affen war ich besonders gespannt, und für alle Fälle hatte ich mir neben dem vielfältig einsetzbaren Regenschirm auch noch reichlich Brot, Kekse und Bananen mitgenommen, Bananen vor allem deswegen, um zu sehen, ob die Affen in China das Bananenschälen auch wirklich beherrschen.

Zunächst aber geschieht recht wenig. Hinter Bao Guo Si geht der Weg von einer Höhe von 550 Meter erst einmal sacht voran, und schon nach wenigen Kilometern stellt sich ein für das Reisen in China recht seltenes Gefühl ein: Man ist allein. Allein mit dem sanften Nebel, der sich nun endgültig auflöst, durchschreitet der Wanderer das saftige Grün des chinesischen Mischwaldes und passiert schon nach kurzer Zeit die Abbiegung zum Kloster Fu Hu Si, das einst an dieser Stelle zum Schutz vor den wilden Tigern des Emei Shan gegründet worden war, nun aber im Zuge der touristisch motivierten Renovierungen bereits zu einer Art Massenunterkunft für Wochenendpilger aus Chengdu und Chongking verkommen ist. Am Weg stehen zahlreiche kleine Pavillons, ruhige Refugien des kurzen Verschnaufens, bei dem man dem Plätschern der Bäche lauschen kann.

Nach gut vier Stunden erreicht der Wanderer das große Kloster Wannian Si, den Tempel der Zehntausend Jahre, und mit einem Schlag ändert sich die Szenerie. Wo vorher moderate Ruhe herrschte, drängeln sich vor dem mächtigen dunkelroten Drachentor Hunderte chinesischer Besucher – weniger von der Erhabenheit des Ortes ergriffen als von dem scheinbar unbändigen Wunsch beseelt, sich möglichst oft und würdig an diesem bedeutenden Ort fotografieren zu lassen. Ganze Familien sind in Sonderbussen auf einer im Rücken des Berges gebauten Straße an diesem Nachmittag unterwegs, und den einheimischen Vorstellungen von Exotik folgend, vermieten findige Kleinunternehmer winzige Äffchen, die für Sekunden mit verängstigten Gesichtern auf die Schultern kreischender Kinder und Mütter klettern, um ihren Beitrag zu einem unvergeßlichen Erinnerungsbild zu leisten.

Erfreulich ruhig ist es im Innern der Klosteranlage. Der Jahrmarkt bleibt draußen, und vor der berühmten sieben Meter hohen Bronzeskulptur des Buddha Samantabhadra knien die Pilger zum Gebet, während ein Novize einem altertümlichen Gong geheimnisvolle Geräusche entlockt. Seltsam fremd mutet dieser buddhistische Gott auf seinem weißen Elefanten hier in den chinesischen Bergen an. Ganz indisch wirkt er, und auch die Tempelanlage, die die eintausend Jahre alte Skulptur des Samantabhadra-Puxian umgibt, könnte eher in Sarnath oder Polonnaruwa stehen als im roten Becken von Szechuan. Fast scheint es, als hätte nur eine Laune der Kulturgeschichte die ursprünglich götterlose Lehre des strengen Buddhismus zur Bereicherung des chinesischen Pantheons in das Reich der Mitte getrieben, und doch ist aus der chinesischen Volksreligion dieser 62 Tonnen schwere Monumentalkoloß entstanden, vor dem – so erzählen die Einheimischen voll Stolz – selbst die hemmungslose Zerstörungswut der Roten Garden in den sechziger Jahren versagt haben soll.

Hinter dem Kloster Wannian Si beginnt der eigentliche Aufstieg. Frisch aus dem Bus gestiegen, das Foto mitsamt Äffchen im Kasten, marschieren die Familien wacker bergauf. Treppe folgt auf Treppe wie ein endloses Gleichnis irdischer Plagen, doch gottlob immer wieder unterbrochen von wohltätigen Dienstleistungen der verschiedensten Art, die zwar nicht recht zum Bild einer asketischen Pilgerreise passen wollen, den Weg aber erheblich komfortabler machen. Gab es zur Zeit des Ming-Kaisers Yong-Lo über einhundertfünfzig Klöster am Emei Shan, so gibt es heute mindestens die gleiche Anzahl an Erfrischungsständen, Nudelbuden und kleinen Imbißtischen am Rande malerischer Schluchten. Und falls der Aufstieg gar zu schweißtreibend werden sollte, sind am Fuße jeder steilen Treppenpassage kräftige junge Männer mit Bambustragegeräten zur Stelle, in denen der müde, aber wohlhabende Pilger einfach wie in eine Hängematte hineingepackt und dem Gipfel entgegengetragen wird.

Der Sage nach landete Buddha Samantabhadra auf seinem fliegenden Elefanten genau am Osthang des Emei Shan. Da er ein mildtätiger Gott ist, hat er zuerst einmal seinen von der Flugreise recht erschöpften Elefanten gründlich gebadet. Zur Erinnerung an diese Episode errichteten die Mönche 1699 den Xixiangchi-Tempel. Hier war früher die größte der sogenannten Affen-Zollstationen. Und tatsächlich hat sich neben der nächsten Treppe eine kleine Horde Affen postiert: Zottelig und durchgeregnet, mit spitzen Ohren, bösartig nach vorn gestülpten Schnauzen, mit kleinen scharfen Zähnen, die sie bedrohlich und keck fletschen. Ohne bedrängt zu werden, rückte ich meine Kekse heraus, eine teigige chinesische Produktion, um die eine wilde Prügelei begann. In der chinesischen Mythologie gilt der Affe als phantasiebegabtes Wesen, als gescheit, tüchtig und intelligent, aber auch als launenhaft, leichtlebig und mit einem gewissen Hang zur Leidenschaft.

Hinter dem Xixiangchi-Tempel sind es noch etwa eintausend Meter bis zum Gipfel, die Wolkengrenze ist erreicht, und man steigt wie durch einen wattierten Mischwald Stufe um Stufe dem Himmel entgegen. Links und rechts öffnen sich tiefe Schlünde mit tropfendem Grün an den Rändern und einem weißen Abgrund in der Mitte. Der Blick schweift manchmal, wenn der Wind den Nebel ein wenig lichtet, über weite Wolkenfelder, unter denen das betriebsame Szechuan entschwindet. Dafür bringt sich der Körper immer stärker in Erinnerung: Die endlosen Treppen erschöpfen allerdings nicht jene, die über die neue Straße von Bao Guo Si direkt bis unter den Gipfel des Berges fahren, anschließend mit der ebenfalls neuen Seilbahn die letzten 500 Meter zurücklegen. Ein richtiger Jahrmarkt hat sich unterhalb des Gipfels entwickelt, man kann essen, trinken, schlafen oder schon vorsorglich die Rückpassage buchen: Die Transportmittel des Emei Shan gehören zu den wenigen in der Welt, für die abwärts das Doppelte verlangt wird wie für die Fahrt aufwärts.

Trotzdem muss man den Erbauern der Seilbahn dankbar sein, denn das letzte Wegstück ist wieder fast völlig menschenfrei. Nun sieht man bereits die umliegenden Seitengipfel des Emei Shan wie die dunklen Rücken mächtiger Wale aus dem immer dichter werdenden Wolkenmeer auftauchen, die Baumgrenze wird erreicht. Über den letzten Abhängen vor dem Gipfel liegt noch der Schnee vom letzten Winter. Die Luft ist klar und kühl am Jin Ding Si, dem Tempel des Goldenen Gipfels, einer Pagodenanlage mit ineinander verschachtelten Drachendächern, safrangelben Ziegeln, kleinen Pavillons und Aussichtsterrassen. Tibetanische Musik schallt über den Platz, ein eigentümliches Gemisch von Süßlichkeit und Atonalität, die die Unwirklichkeit der Szene noch unterstreicht.

Heute ist der Buddha gnädig, denn ein tiefblauer Himmel liegt über dem Emei Shan. Der Blick kann nach allen Richtungen schweifen. Weit im Westen – sind es einhundert oder zweihundert Kilometer Entfernung? – ist der Gongga Shan zu erkennen, der pyramidenartig geformte, 7500 Meter hohe Bergriese im Himalaja. Unergründlich erscheint das dimensionslose Wolkenmeer, und für einen Augenblick wird verständlich, dass sich in früheren Jahrhunderten fanatische Gläubige vom Emai Shan immer dann in die Tiefe stürzten, wenn das Spiel des spätnachmittäglichen Lichts, der unterschiedliche Wassergehalt der Wolken am Berg und die Launen des Windes einen gigantischen Buddha-Umriss in die weiße Leinwand malten.

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Auf dem Gipfel des Emei Shan wird das Göttliche auch dem Ungläubigen deutlich: Alles Irdische bleibt unter einer weißen Decke verhüllt, und der Berg, der wuchtig durch die Wolken in den Himmel stößt, vermittelt den Eindruck der Allmächtigkeit. Wird in der chinesischen Volksreligion die Natur ohnehin vergöttlicht, so erscheint dieser Berg selbst wie ein natürlicher Gott. Den schönsten Anblick kann man gleich hinter dem Jin Ding Si erleben. Hier hebt der Berg, der schon eine Höhe von 3077 Metern erreicht hat, noch einmal zu einer letzten Steigerung an: Der höchste Gipfel in einem guten Kilometer Entfernung ragt 3099 Meter auf, ein unzugänglicher Platz und nur aus der Ferne zu bewundern.

Im Licht der untergehenden Sonne erhielt die milchige Wolkenebene des späten Nachmittages langsam immer deutlichere Konturen, wandelt sich zu einem Meer mit phantastisch geformten Eisbergen. Dann wurde es Nacht. Mit einem Mal kriecht eine erbarmungslose Kälte durch jede Kleiderritze. Deutlich unter Null fällt die Temperatur auf dem Gipfel des Emei Shan, und als wir unser karges Nachtlager gleich neben dem Tempel beziehen, sind die Tagesausflügler mit der letzten Seilbahn nach Jieyin entschwunden. Nur ein einziger Raum in der Herberge ist durch einen altertümlichen Ofen geheizt, und in seinem Umkreis verzehren wir das Abendessen aus Reis, Pilzen, Bohnen und Zwiebeln. Im ersten Stock stehen die Pilgerbetten in mehr oder weniger großen Holzverschlägen, dazu gibt es einen Nachttopf, drei Decken, unter die sich der Besucher zitternd auf die Matratze legt, und eine Kanne heißen Wassers, aus der man sich bei diesen Frosttemperaturen gerne und reichlich bedient. Am nächsten Morgen knacken die Knochen ob der nächtlichen Kälte, und alle Gäste schlürfen mit Freude zwei oder drei Schalen heißen Wassers zum Frühstück. Wie schnell haben sich doch die Standards der Umgebung angepaßt, und zum erstenmal verstehe ich die Freude des Wang-Lung, der sich als wohlhabender Mann in Pearl S. Bucks Roman „Die gute Erde“ allmorgendlich ein oder zwei Teeblätter in das heiße Wasser legen läßt. Und wie gut schmeckt der kalte Reis, wenn es sonst rein gar nichts gibt.

So gesättigt, besuche ich den Tempel des Goldenen Gipfels zum zweitenmal. Diesmal ist nichts zu sehen, denn über Nacht hat der übliche chinesische Hochnebel den Gipfel des Emei Shan vollständig eingehüllt. So hatte es auch Colin Thubron am Ende seiner Emei-Besteigung erlebt: „Für mich war der Gipfel von Einsamkeit verhangen, der Nebel hüllte ihn in einen leuchtenden Schleier, es gab weder Formen noch Farben, noch Bewegung. Das Ganze war eine blendend verwirrende Abstraktion.“

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