Wo der Kondor kreist

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Eine Reise durch den Colca Canyon, die größte Schlucht der Welt

Nach einer langen Nacht, in der die Atemnot, der Schwindel und der
typische Kopfschmerz dieser Höhenlagen den Reisenden plagt, erscheint endlich wie ein Auge der Schöpfung, das sich unendlich langsam öffnet, im Osten des topfebenen, 4600 Meter hohen Plateaus der Puna ein winziger Lichtstreifen am Horizont. Das fahle Morgenlicht illuminiert eine Szenerie wie vor der Geburt des Lebendigen: öde, tot und kahl, mit Findlingen, die seit Millionen Jahren genau an diesen Stellen zu liegen scheinen, und mit jenen gespenstischen Schatten, die wie die Fingerglieder einer Geisterhand dem vorbeiholpernden Gefährt die Richtung weisen. Im Nordwesten spuckt der Vulkan Sabacaya alle zwanzig Minuten riesige Aschenfontänen in die Luft, und die dunkelgrauen Wolken, die der Andenwind sofort zerzaust, künden von der ungeheueren tektonischen Kraft, die hier tief im Erdinnern seit Urzeiten gespeichert ist und sich in unregelmäßigen Abständen gewaltsam entlädt.

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Von diesem urweltlichen Gesicht der Anden haben schon die Konquistadoren der zweiten Generation berichtet, die von Cusco oder Arequipa aus nach Chile und Argentinien aufbrachen und statt goldener Städte steinerne Gärten des Todes fanden. Die meisten der grandiosen Täler und Schluchten, die wie grüne Kerben des Lebens das Hochplateau der Anden immer wieder durchbrechen, blieben ihnen verborgen,und wie der Colca-Canyon wurden manche Täler erst in diesem Jahrhundert entdeckt. Hinter dem Patampa-Paß endet die Puna in einer dramatischen Zerklüftung,und zum ersten Mal eröffnet sich der Ausblick auf den Colca-Canyon, den angeblich tiefsten Schlund der Erde, in den nach den Aussagen peruanischer Reiseführer der nordamerikanische Grand Canyon gleich zweimal hineinpassen soll. Es ist zweifellos ein imponierendes Panorama, das sich aus einer Höhe von
etwa 5000 Metern bietet, und doch fragt man sich, ob hier nicht die
Fremdenverkehrswerbung ein wenig übertrieben hat, denn eigentlich ist der
Colca-Canyon eher ein Tal: eine knapp dreißig Kilometer lange und teilweise
mehrere Kilometer breite fruchtbare Einbuchtung, die sich nur nach Südosten hin zu einer Schlucht verengt, die mit einigem guten Willen an bestimmte Perspektiven des Grand Canyons erinnern mag.

Aber ob Canyon, Schlcuht oder Tal – eine Reise hierher lohnt sich allemal. Seitdem der peruanische Pilot Gonzalo de Reparaz im Jahre 1954 das Tal
zufällig entdeckte, erschloß sich eine vorspanische Welt mit autochthonen
Indios, Inka-Terrassen, heißen Quellen und der größten Kondor-Kolonie der Erde, und bis heute gleicht die Fahrt durch das Colca-Tal einer Reise in den
Grenzbereich von Realität und Imagination. Würden nicht inzwischen weiße
Kolonialkirchen die kleinen Plazas der wenigen Siedlungen prägen, fände man hier ein Stück Südamerika, das so aussieht, als sei es niemals von Europäern berührt worden. Nach dem Abstieg ins Tal wechselt die Szenerie abrupt: Das fahle Grau der Hochebene weicht dem Zusammenspiel von Lehmbraun und Grün, den Farben des fruchtbaren Lebens, das sich in einer Höhe von drei- bis viertausend Metern in einer erstaunlichen Vielfalt ausbreitet.

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Wie überall in den Anden basiert die landwirtschaftliche Produktivität auf dem traditionellen Terrassenbau, einer Kultivierungsform, die sich seit den Zeiten der Inkas von Ekuador bis Chile durchgesetzt hat und die nicht einfach nur als Antwort auf die besondere Bodenbeschaffenheit, sondern als die ingenieurwissenschaftliche Lösung bestimmter Grundprobleme der Bewässerung verstanden werden muss.
Zunächst verhindert das System der durch alle Etagen fließenden und in einen Talstrom mündenden Rinnen-Bewässerung jenes Elend, mit dem auf Dauer fast jeder flach betriebene Feldanbau zu kämpfen hat: die Versalzung und Bodenerosion. Dazu aber müssen die Terrassen mit Steinrändern und Treppenstufen genau in dem Neigungswinkel erbaut werden, der die richtige Wassermenge pro Ackerparzelle garantiert, eine schmale Gratwanderung zwischen Austrocknen und Verschlammen, die nur durch eine exakte Gesamtplanung des Berghanges zu bewältigen ist. Für diese architektonische Gestaltung benutzten die Inkas in Ermangelung geodätischer Instrumentarien kleine Miniaturmodelle, die Lito Marquetas. Sie wurden in jener Entfernung von den Terrassenanlagen errichtet, von der aus mit
dem bloßen Auge das richtige etappenweise Wachstum des Berghanges im Vergleich zum Steinmodell überprüft werden konnte. Während die meisten dieser Lito Marquetas im peruanischen Andenraum verlorengingen oder zerstört wurden, kann man im Colca-Tal zwischen Chivay und Maca von der Straße aus die Übereinstimmung von Modell und Originalschöpfung bewundern – steingewordene Blaupausen eines planenden Willens.

Die Erde, die in mühevoller Arbeit auf die einzelnen Terrassen zu verteilen war, wird heute noch wie zu den Zeiten Pachacutecs und Athahualpas mit einfachsten Werkzeugen bearbeitet: In die mit Grabstock und Hacke gezogenen Furchen werden im Colca-Tal wie überall in den
Anden Kartoffeln, Mais, Maniok und Bohnen gepflanzt. Eine wahre Wunderfrucht ist dabei die Kartoffel, die hier, das große Geschenk der Neuen an die Alte Welt, in über zwei Dutzend Arten geerntet und deren widerstandsfähigste Sorten bis hinauf in Höhen von 5000 Metern gedeihen. Trotzdem ist das Leben außerordentlich karg. Das einzige, was es hier in Überfluß gibt, ist das überklare Licht, das unter einem gleißenden Andenhimmel die erdnahen Konturen aufzulösen scheint: Die Augen schmerzen beim Blick auf die weißgekalkte Kirche von Chivay, und die wenigen Menschen, die in der Mittagszeit in der Nähe der Plaza von Yanque zu sehen sind, bewegen sich durch eine Galerie von schmalen
Schattentunneln in den engen Gassen der kleinen Ortschaften. Alle Häuser sind unverputzt, mit Stroh gedeckt und gegen jegliches Licht von außen komplett abgedichtet, Kühe, Schweine und Hunde liegen ermattet in der stechenden Sonne, und die kleinen Kinder, die zu dieser Stunde im Dorf umherlaufen, beginnen zu weinen, wenn sie einem Fremden begegnen. Die Indios, die man bei der Feldarbeit beobachten kann, sind klein und gedrungen. Reisenden begegnen sie freundlich, aber zurückhaltend, vielleicht weil sie fast alle die alte Inka-Sprache Quechua sprechen und nur wenig Spanisch verstehen. Ihr pittoreskes Aussehen mit bunten
Hüten, Ponchos, Schürzen und Alpaka-Pullovern kann über die gnadenlose Härte des Alltags nicht hinwegtäuschen. Die Intensität der ultravioletten
Sonneneinstrahlung läßt die Lippen aufreißen, und die Wangen der Erwachsenen und Kinder, die sich durch Tücher, Mützen oder Hüte nur unzureichend schützen können, sehen aus wie entzündete Brandwunden. Vom Colca-Tal aus ist der Vulkan Sabacaya gut zu sehen. Seine fotogenen Ascheneruptionen bedeuten für die Bewohner des Tals ein beständiges Memento mori: Zwei Erdplatten schieben sich hier unter dem südperuanischen Andenhochland ineinander, und die Energien, die
sich dabei im Innern der Erde ballen, entladen sich in periodischen Beben,
meist folgenlos in den unbewohnten Weiten der Puna, aber immer wieder auch vernichtend in den wenigen Inseln des Lebens, in denen der Mensch in
jahrhundertelangem Fleiß von einer kargen Natur ein bescheidenes Auskommen ertrotzte.
In den Mittagsstunden des 23. Juli 1991 traf das Unheil den kleinen Ort Maca,
ganz in der Nähe des Lito Marqueta. Innerhalb weniger Sekunden legte ein
Dutzend Erdstöße die Siedlung in Schutt und Asche, und nur weil der Großteil
der Einwohner bei der Feldarbeit war, gab es nicht mehr als vierzehn Tote. Die Decke der Grundschule stürzte ein und begrub sieben Kinder unter sich, allein die kreidebeschriebene Tafel blieb stehen, und sie ist noch heute wie ein Mahnmal bei einem Rundgang durch die Ruinen des Dorfes zu besichtigen. In der Kirche, deren Altarraum wie ein Kartenhaus zusammenbrach, fanden drei Gläubige den Tod, und der Alkalde des Dorfes wurde von einem Balkon erschlagen. Die Einwohner von Maca beschlossen, ihren Heimatort für immer zu verlassen, und als hätten sie mit diesem Ort des Unglücks für immer gebrochen, verschlossen sie den Eingang der zerstörten Kirche. In einer Entfernung von einem guten Kilometer haben sie in Zelten Unterschlupf gefunden und blicken tagtäglich auf die Rauchwolken des Sabacaya in der Ferne und die erhalten gebliebenen weißen
Kirchtürme ihres ehemaligen Dorfes.

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Nicht weit von den Terrassen der jetzt unbehausten Macenser entfernt, verengt sich das Tal wirklich zu einer Schlucht, und von den Rändern der Cruz-el-Condor-Aussichtsplattform fallen die steinernen Wände schier ins Bodenlose. Vor dem über 1200 Meter tief abstürzenden Schlund
verliert auch das menschliche Auge seine Kraft zur Anschauung: Das unendliche Weißblau des Himmels und die konturenlose Senkrechte verwirren das Gefühl für Entfernungen, und hilflos steht der Mensch vor Dimensionen, die seine Wahrnehmungsfähigkeit übersteigen. Erst wenn in einer kaum noch erkennbaren Tiefe Wesen als winzige Punkte sichtbar werden, die in majestätischem Gleitflug über den Abgründen kreisen, werden die Ausmaße von Breite und Tiefe wieder faßbar. Die Kondore der Colca-Schlucht beginnen hier ihren oft über 100 Kilometer langen Flug, der sie weit über das Tal und die Berge in Richtung Küste und am Abend, mit Aas gesättigt, wieder heimwärts führt. Die größten Raubvögel der Erde, deren Flügelspannweite fast drei Meter erreicht und die dank der starken Aufwinde in nicht mehr sichtbare Höhen entschwinden können, leben in der Nähe des Cruz el Condor in einer Kolonie von etwa fünfzig Vögeln in unerreichbaren und einsamen Felsenhorsten. Nirgendwo sonst in der Welt ist es möglich, den geheimnisvollsten aller exotischen Vögel so in der freien Natur zu beobachten. Ihr Bestand geht immer mehr zurück. Nach Schätzungen liegt die gesamte südamerikanische Population bei nicht mehr als eintausend Exemplaren, wobei die Hälfte in Peru leben soll. Die Weltabgelegenheit des Colca-Tals und die Strapazen der Anreise haben es bislang verhindert, daß in den Morgen- und Abendstunden die Kondore von einem Blitzlichtgewitter erwartet werden, und weil der Auftritt neugieriger Zweibeiner am Rande der Kondor-Schlucht noch immer Seltenheitswert hat, nähern sich die Vögel manchmal dem Menschen, überfliegen in elegantem Kreisen die Ränder der Schlucht, zeigen im Schrägflug ihre weißen Schulterfedern und die Patrizierkrause, und manchmal streift ein mächtiger Schatten den Fremdling, ehe sich der Kondor mit seinen federgespitzten Riesenschwingen in der blauen Unendlichkeit verliert

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