Von allem Chinesischen das Beste?

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Taiwans Hauptstadt Taipeh

In Taipeh beginnt der Tag mit Tai Chi. Im Umkreis der Sun-Yat-Sen-Halle, im botanischen Garten, im New Park, vor dem Präsidentenpalast oder in den Hinterhöfen der südlichen Vororte recken und strecken die Chinesen in der Stunde des Sonnenaufganges ihre Glieder wie als präventiven Abwehrzauber gegen die heranbrandenden Zumutungen des Tages. Auch rund um das Tschiang Kai-schek Memorial sind an diesem Morgen Kenner und Dilettanten, Puristen und Eklektiker des Tai Chi am Werk. Mit beiden Füßen fest auf der Erde, mit offenen Augen, geschlossenen oder gespreizten Fingern, mit gelenkigen Schultern und ausgebreiteten Armen beginnt der Morgen mit den berühmten siebenunddreißig Bewegungen, deren Magie die Ströme der eigenen und der fremden Energien in Einklang bringen soll. In säuberlich aufgereihten Kollektiven, die oft Hunderte von Menschen umfassen, aber auch einzeln am Rasenrand oder im Gebüsch, zelebrieren alte Männer und junge Frauen, sportlich ausstaffierte Jugendliche, Hausfrauen und Büroangestellte im Schatten der großen Gedächtnishalle ihre motorische Meditation. Wunderbar gleitend, als gehöre diese Bewegung zum Pulsschlag des Weltalls, geht bei den einen die Basisübung „Die Erde“ in die Bewegungsabfolge „Der Himmel“ über, während andere, sei es aus Unkenntnis, Unvermögen oder schöpferischer Phantasie, die klassische Tradition durch eigene Kreationen anzureichern wissen. Niemand urteilt, lacht oder tadelt, wenn die Mitglieder der Schattenboxergemeinde die Bewegungen verändern, und sogar die Jogger, die ihre Runden um das Memorial laufen, erwecken für einen Moment den Anschein, als würden sie eine mobile Variante des Tai Chi zur Aufführung bringen.

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Gewöhnlich enden die Übungen mit dem Eintreffen der ersten Grundschulklassen, die aus allen Teilen der Stadt anreisen, um die Eröffnung der Großen Halle und die Wachablösung vor der Monumentalstatue des Generalissimus zu erleben. Als walte hinter dem reibungslosen Auf- und Abtritt der Generationen eine versteckte Regie, verschwinden die Erwachsenen, um Hundertschaften knallbunt ausstaffierter Kinder zu weichen, deren modisches Outfit keinen Vergleich mit dem ihrer Altersgenossen in den Ländern der westlichen Welt zu scheuen braucht. Markenturnschuhe, fesche Polohemden und niedliche Rucksäcke mit all den Verzierungen, die das Herz erfreuen, sind unabdingbar für die „kleinen gelben Kaiser“.

Ob die Kinder, die über Platz und Treppen jagen und erst am Eingang zur Großen Gedächtnishalle unter den strengen Blicken ihrer Lehrerinnen verstummen, wirklich wissen, welcher geschichtlichen Gestalt sie an diesem Tage ihre Reverenz erweisen, wird man freilich bezweifeln dürfen. Als Tschiang Kai-schek, von den Kommunisten geschlagen, im Jahre 1949 vom chinesischen Festland auf die Insel Taiwan flüchten musste, waren ihre Eltern wahrscheinlich noch gar nicht geboren, und die Epoche, in der der Generalissimus in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts seine Feldzüge gegen die Kommunisten unternahm, wird für sie eine ebenso ferne Vorzeit darstellen wie die Ära Kublai Khans oder die Epoche der Qing-Dynastie. Trotzdem herrscht hier pietätvolles Schweigen, und die Kinder setzen sich artig auf den Marmorboden und lauschen den Erklärungen ihrer Lehrer.

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„Der Sinn des Lebens ist die Erschaffung neuen Lebens, durch welches das Universum erhalten bleibt“, prangt in senkrecht angeordneten chinesischen Schriftzeichen hinter der Statue des Staatsgründers. Davor stolzieren zweimal am Tag während der Wachablösung junge Wehrpflichtige in weißen Uniformen und mit blankgeputzten Bajonetten über den spiegelglatten Marmorboden – ein Schauspiel aus der geschichtlichen Requisitenkammer, das zur Freude der Kinder mehrfach wiederholt wird, bis die neue Truppe ihre Position erreicht hat und jene, die ihren Dienst beendet hat, auf eine offene Fahrstuhltüre zumarschiert, um abwärts in Richtung Erdgeschoß zu entschwinden.

Hier, im Parterre des Memorials, gibt es zahlreiche Dinge zu besichtigen, darunter eine originalgetreue Nachbildung des Präsidentenbüros und zwei Luxuskarossen, die dankbare chinesische Unternehmer aus dem In- und Ausland dem geschäftstüchtigen Staatschef zu seinen diversen Jubeltagen schenkten. Die Ausstellungsstücke, obwohl mit viel Einsatz ins rechte Licht gerückt, ergeben allerdings ein zwiespältiges Bild. Auf großen Fotoserien blicken Tschiang Kai-schek und sein martialisches Gefolge so erwartungsvoll und kampfbereit in Richtung Festland, als könnten sie es gar nicht erwarten, den Krieg gegen die Kommunisten wieder aufzunehmen, dann wieder, wenn man den ungelenk in Öl gemalten alten Tschiang inmitten einer Landidylle betrachtet, wirkt der Präsidenten-General wie ein zufriedener Patriarch, der gar nicht mehr die rechte Lust zu verspüren scheint, sein Refugium zu verlassen.

Zwischen diesen beiden Szenerien vollzog sich auch die Geschichte der Stadt Taipeh nach dem Zweiten Weltkrieg. Als die Kuomintang-Truppen geschlagen und demoralisiert im Jahre 1949 hier ankamen, war sie für chinesische Begriffe mit ihren gerade einmal vierhunderttausend Einwohnern nicht viel mehr als eine Kleinstadt. Erst in der japanischen Besatzungszeit aus drei Dörfern entstanden, erhielt sie nun den stolzen, wenngleich theoretischen Rang einer provisorischen Hauptstadt Gesamtchinas. Nur eine Zwischenetappe auf dem Rückweg nach Festlandchina sollte sie sein, doch aus dem logistischen Zentrum für die Rückeroberung von Nanking, Peking und Schanghai wurde dann doch mit der Zeit die immer regulärere Metropole eines chinesischen Kleinreiches, dem in paradoxer Verzerrung der internationalen Kräfteverhältnisse bis zum Jahre 1971 der für China reservierte ständige Sitz im Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen zustand. Entgegen aller Rhetorik verließ Tschiang Kai-schek sein ostasiatisches Elba nicht mehr, sondern baute statt dessen sein Inselreich in einer einzigen Generation und mit reichlich autoritären Methoden zu einem wohlhabenden Gemeinwesen aus, dessen Pro-Kopf-Einkommen das des kommunistischen Chinas zeitweise um das Zehnfache überstieg. Während Mao auf dem Festland die Landwirtschaft durch seinen „Großen Sprung“ in den späten Fünfzigern ruinierte, vollzog sich auf Taiwan eine erfolgreiche Landreform mit einer gewaltigen Produktivitätssteigerung, und als Rotchina zehn Jahre später im Chaos der Kulturrevolution zu versinken drohte, war die Inselvolkswirtschaft schon auf dem Weg zum Exportgiganten.

Taipeh, das beim Tod des Generalissimus im April 1975 gerade die Millionengrenze überschritten hatte, ist inzwischen auf eine Einwohnerschaft von mehr als zweieinhalb Millionen angewachsen und längst dabei, sich mit den Randbezirken der ebenfalls ausufernden Nachbarstädte Shilin, Peitou und Keelung zu einer Agglomeration zu entwickeln, die indischen Riesenstädten gleicht – ohne dabei in Armut und Elend zu versinken. Taipeh ist für eine asiatische Millionenstadt sogar recht zweckmäßig organisiert, wenn man von einer einzigen, allerdings unglaublichen Ausnahme absieht: dem Stadtflughafen von Taipeh. Wie überall, wo das Tempo der urbanen Expansion die Reaktionsfähigkeit der Stadtplaner überforderte, ist er von Straßengewirr und Häuserschluchten eingekreist. Allabendlich ergibt sich von den Balkonen des Grand Hotel das faszinierende Bild, dass über einem Meer von Millionen Lichtern die Düsenmaschinen wie Botschaften einer fernen Galaxie am nachtschwarzen Himmel erscheinen und so nahe über die Häuser fliegen, dass man sich unwillkürlich ducken möchte. Dann sinken sie mit atemberaubender Präzision auf einen schmalen Lichterpfad inmitten der Hauptstadt nieder – nach der Schließung des Hongkonger Stadtflughafens Kai Tak wahrscheinlich der spektakulärste Anflug, den es im asiatischen Kulturkreis zu sehen gibt.

Dass sich das Beste aus China auf Taiwan und in Taiwan besonders in Taipeh konzentriert, trifft aber nicht nur für das ästhetische Erlebnis des Anfluges auf die Hauptstadt zu. Ganz gleich, wohin man kommt, ob man eine Tanzveranstaltung genießt, eine Akupunktur- oder Fußreflexzonenbehandlung absolviert, ob man eine Beratung beim Feng-Shui-Spezialisten einholt, in einem Speiselokal einkehrt oder im Trainingszentrum von China Airlines, der nationalen Fluglinie von Taiwan, zu Gast ist – überall geht man wie selbstverständlich davon aus, das Beste und Hervorragendste der großen chinesischen Zivilisation auf engstem Raum zu bieten.

Für den Bereich der Kultur wird man dies nur schwer bestreiten können, denn mit dem Palastmuseum von Taipeh besitzt das Land nicht nur die mit Abstand größte Kunstsammlung des chinesischen Kulturkreises, sondern auch noch ein Haus, dessen Geschichte mindestens ebenso verblüffend ist wie der unübersehbare Umfang seiner Bestände. Seit bereits die Kaiser der Sung-Dynastie vor mehr als tausend Jahren mit einer enzyklopädisch konzipierten Anhäufung von Kunstgegenständen begonnen hatten, war – gespeist durch die Schöpfungsfreude der Künstler und die Sammelwut sämtlicher chinesischer Herrscherhäuser – bis zum Sturz des letzten Mandschu-Kaisers 1912 der wahrscheinlich größte und hochwertigste Museumsbestand der Erde entstanden: mehr als 600 000 Stücke, darunter Tausende unschätzbarer Porzellan-, Jade-, Gold- und Bronzearbeiten. Die provisorische chinesische Nationalregierung versuchte, ihn 1924 im neugegründeten „Palastmuseum“ von Peking zum erstenmal der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch sieben Jahre später war es mit der Herrlichkeit schon wieder vorbei: in 20 000 Kisten auf fünf Güterzügen verpackt, begannen die kostbarsten Werke eine sechzehn Jahre lange Reise durch alle Regionen Chinas, um sie sowohl vor dem Zugriff der Japaner wie vor dem der Kommunisten zu schützen. Während Maos langer Marsch ihn zur Siegesparade nach Peking führte, endete die Odyssee des Palastmuseums auf Rädern schließlich 1947 an der pazifischen Küste, von wo aus der größte Teil der Bestände kurz vor der Machtergreifung der Kommunisten zusammen mit den Truppen der unterlegenen Nationalchinesen nach Taiwan überführt wurde.

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Dass die Kuomintang-Partei im Wettlauf um das kulturelle Erbe der vieltausendjährigen Geschichte Chinas die Oberhand behalten konnte, mag für die einen nichts weiter als eine Marginalie der Weltgeschichte darstellen – andere erkennen darin Tschiang Kai-scheks größten (eigentlich einzigen) Erfolg. Denn während in den sechziger Jahren unter der Regie des alternden Mao die fanatisierten Roten Garden in buddhistischen Grotten, konfuzianischen Klöstern und taoistischen Hainen alles kurz und klein schlugen, wurden in Taipeh die Museumsbestände gesichtet, restauriert, katalogisiert und schließlich in ihrem Kernbestand im neuen Palastmuseum von Taipeh der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht.

Ein ganzes Leben reicht nicht aus, die Fülle der Kunstschätze zu sehen und zu verstehen, sagen die Museumsführer, um sogleich hinzuzufügen: Man könne es aber immerhin versuchen. Man müsse nur seinen Hauptwohnsitz in Taipeh aufschlagen und alle wechselnden Ausstellungen besuchen, dann hätte man nach etwa vierzig bis fünfzig Jahren alles gesehen. Doch schon die Besichtigung einer einzigen Ausstellung mit jeweils etwa fünfzehntausend Stücken überfordert die Fassungskraft selbst des enthusiastischsten Kunstfreundes und gibt einem das Gefühl, man wolle einen Begriff von der Weite des Ozeans gewinnen, indem man mit den Füßen durch die Brandung läuft.

Wen es nach so viel Schönheit in Stein und Tusche zur Abwechslung nach Leben dürstet und wer zugleich auch die volle Bandbreite des chinesischen Alltags kennenlernen möchte, der wird im Umkreis des Schlangenmarktes und des Lungshan-Tempels im Westen der Stadt auf seine Kosten kommen. Hier sind nicht Ästheten und Sinnsucher am Werk, sondern Geschäftemacher, Sünder, Halunken und Zauberer, die Kröten- und Schlangenreste in kochendes Wasser werfen, Essenzen aus bunten Flaschen auf die Bilder nackter Frauen träufeln und dabei wie unter Trance jede Prophezeiung herausschreien, die nur irgendwer zu hören begehrt. Schlepper brüllen, Taschendiebe fingern, Kinder betteln, eine geistesgestörte Frau liegt lachend im Rinnstein unter den Auslagen eines grotesk aufgemachten Sexshops, während junge Männer auf schweren Motorrädern rücksichtslos durch die Menschenmenge rasen.

Gleich neben dem Nachtmarkt befindet sich der buddhistische Lungshan-Tempel, das größte sakrale Bauwerk der Stadt. Schon 1728, lange vor der Gründung Taipehs, entstand er zu Ehren der barmherzigen Göttin Kuan Yin und des Seefahrergottes Matsus im Dorf Meng Chia, einer der Keimzellen der späteren Stadt. Noch mehr als die prächtigen Drachenräder, die erst vor kurzem renoviert wurden, mehr noch als die kunstvollen Glasuren an Giebeln und Wänden und die wuchtigen rotbraunen Pfeiler, die den Bau wie für die Ewigkeit zu tragen scheinen, bezaubert Behaglichkeit im Innern des großen Tempels. Fromme Hingabe, spirituelle Rückversicherung, abendliche Geselligkeit und Einkehr bei Tempelmusik und Weihrauch – die beiden großen Höfe bieten Raum für jede Art der Begegnung des Gläubigen mit der Gottheit. Im Glanz großer Altarkerzen, deren Licht sich in den Keramikflächen bricht, rauchen die Geisteröfen, in die die Gläubigen reichlich Geldimitate aus Papier werfen, damit es auch im Jenseits ja nicht an Barem mangele, Doppelsteine, von Ratsuchern geworfen, purzeln über den Tempelboden, um auskunftswilligen Geistern ein „Ja“ oder „Nein“ zu entlocken. Vor dem Gott der Erziehung haben Examenskandidaten der Universität von Taipeh Kopien ihrer Studentenausweise ausgebreitet, und zwei Männer, die sich eine Zeitlang so laut befehdeten, daß jeden Augenblick eine handgreifliche Auseinandersetzung zu erwarten war, beenden ihren Streit mit dem Kauf zweier Kerzen für Kuan Yin.

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