Vögel lernen das Fliegen, Leguane jagen im Meer

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Unterwegs in der Esperimentierstube der Natur auf den Galapagosinseln

Es muß gewesen sein wie in einer verspäteten Schöpfungsstunde: Im Pazifischen Ozean, an der Nahtstelle zwischen der Coca- und der Nazca-Platte, zweier gewaltiger Erdrindenschichten, die auf der glühenden Erdkruste schwimmen, kam es zu einer vulkanischen Entladung ungeheuren Ausmaßes. Ein ganzes Gebirge erkalteter Magma wurde Tausende von Metern hochgedrückt, wuchs unter immer neuen Eruptionen, bildete Unterwasserkrater und -schlünde, bis sich schließlich einige Dutzend Spitzen über die Wasseroberfläche erhoben, schwarz, dampfend, lebensleer.

Erst anderthalb Millionen Jahre sind seit der Geburt dieser jüngsten aller pazifischen Inselwelten verstrichen, ein Wimpernschlag in der Erdgeschichte. Unter dem Einfluß klimatischer Veränderungen hob und senkte sich der Meeresspiegel, die Säugetiere hatten längst ihren Siegeszug über die Erde angetreten, da trafen die ersten Vögel auf den Inseln ein, mit Pflanzensamen im Gefieder, und weil eine kalte Meeresströmung reichlich Fischschwärme in die Umgebung der Inseln brachte, blieben sie und begannen ihre Umschulung zu Sturzfliegern, Fischern und Tauchern. Pinguine, Seelöwen und Krebse strandeten aus unendlichen ozeanischen Räumen an schwarzen Lavasandküsten, und eines Tages erschienen urweltliche Riesenschildkröten. Jahrhunderttausende hindurch bleibt die Inselwelt im Abseits. In anderen Weltteilen verschwinden der Ramapithecus, das Mammut, der Säbelzahntiger, die Reptilien und der Homo erectus. Die abgelegenen Eilande aber durchlaufen ihre eigene Evolutionsgeschichte. Der Kormoran verlernt das Fliegen, weil er als Fischer viel erfolgreicher bei der Nahrungssuche agieren kann, einige Leguane legen sich Salzdrüsen unter den Augen zu und verändern sich zu Unterwasserjägern. Aus einer Urgeneration von Finken, die es dereinst über den Ozean nach Westen verschlagen hatte, entsteht eine weitläufige Verwandtschaft, in der sich die ganze Vielfalt vorstellbarer Schnabelformen im Dienste der Umweltanpassung entfaltet. Inzwischen ist das südamerikanische Festland bereits von mongolischen Stämmen besiedelt worden, die Polynesier durchstreifen auf ihren wagemutigen Seefahrten die Weiten des Pazifiks, erreichen Tahiti, Hawaii und die Paumutus. Nur die Inselwelt, etwa tausend Kilometer westlich vom südamerikanischen Festland gelegen, erreichen sie nicht. In dieser Welt aus 19 größeren und 42 kleineren Inseln mit einer Fläche von etwa achttausend Quadratkilometern füllen sich die Strände mit röhrenden Seelöwen, die Felsen mit Pinguinen, Leguanen und Krebsen und die Lüfte mit Fregattvögeln, Blaufußtölpeln, Möwen und Pelikanen. Immer wenn es einem Seelöwenmännchen gelingt, seinen beachtlichen weiblichen Harem eine Zeitlang gegen die heftige Konkurrenz zu behaupten, ziehen sich die Unterlegenen schnaufend in die Junggesellenkolonien hinter dem Strand zurück und warten auf ihre Stunde. Flamingos, deren Gefieder sich durch den Verzehr der Krebse zu einem unzüchtigen Rotrosa verfärbt, halten derweil ihren Mittagsschlaf, auf einem Bein, den Kopf im Gefieder. Es kracht im Gesträuch, und langsam erscheint der ältliche Kopf einer Riesenschildkröte an der Uferböschung, vielleicht mehr als hundert Jahre alt, ganz sicher aber mehr als zweihundert Kilogramm schwer, wenn es Brunstzeit ist, dann wird diese Tortuga brüllen und die schlafenden Flamingos wecken. Sind die Tortuga-Eier ausgebrütet, sieht es in der Umgebung der Riesenschildkröte aus, als lägen Dutzende kleiner Helme im Unterholz, bis man entdeckt, daß sie sich ab und zu mit kleinen Beinchen bewegen. In eine flache felsige Meeresbucht hat sich einer jener Riesenschwärme winziger Fische zurückgezogen, die es in diesen kalten, nährstoffhaltigen Gewässern in unendlicher Zahl zu geben scheint. Kleine Haie, die sich nicht in das flache Gewässer trauen, bewachen den Ausgang der Bucht. Gleich dahinter, in einem System abgeschlossener Tümpel, lehren die Seelöwenmütter ihre quiekenden Kleinen das Schwimmen. Winzige drachenähnliche Wesen mit langen gezackten Schwänzen schauen ihnen zu, kaltblütig und unbewegt, auf den dunklen Felsen kaum zu erkennen: die Leguane, die winzigen Zeugen einer urgeschichtlichen Zeit, in denen ihre Riesenahnen die Erde beherrschten. Heute müssen sie mit ihren dreißig bis vierzig Zentimetern Länge das Weite suchen, sobald sie Robbenjunge erspähen. Denn wenn die Seeleguane nach der Futtersuche wieder den Strand erreichen, werden sie immer wieder von verspielten Seelöwen mit der Schnauze am Schwanz gepackt und im hohen Bogen ins Meer zurückgeschleudert.

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Inzwischen hat sich der große Fischschwarm aus der Bucht entfernt, und schon haben die Vögel die Beute gesichtet. Die Pelikane erheben sich in die Lüfte. In elegantem Flug schießen sie über die Wasseroberfläche und fischen sich mit ihren langen Schnäbeln blitzschnell die Nahrung aus dem Meer. Stoßen die Vögel in einen dichten Fischschwarm nieder, spritzen die kleinen Tiere tausendfach und sternförmig in alle Richtungen davon, so daß ein nachfolgender Räuber auf ein leeres Zentrum stoßen würde: eine jener rätselhaften Intelligenzleistungen, die die Natur ganz ohne Gehirn zustande bringt – und die sie selbst wieder in Gestalt der Blaufußtölpel widerlegt. Denn diese flinken weißen Vögel mit flacher Stirn, langem Schnabel und Füßen, die aussehen wie blaue Badelatschen, folgen dem Pelikan gerne auf die Jagd, stoßen aber immer etwas ober- oder unterhalb des Pelikans ins Wasser und treffen dort exakt auf das futterträchtige Gewimmel der Kleinfische. Von einer solchen Kunstfertigkeit ist der Fregattvogel weit entfernt. Er ist zwar ein ausgezeichneter Flieger, verfügt sogar im Vergleich zu seiner Länge über die optimale Flügelspannweite, doch der intensive Kontakt mit dem Wasser wäre sein Verderben: Seine Federn trocknen nicht, er müßte ertrinken. So wurde er zum Piraten unter den Vögeln, sehr zum Leidwesen der Tölpel, die nach ihren erfolgreichen Tauchgängen mit dem Fisch im Schnabel aus dem Wasser kommen. Der Fregattvogel, erheblich größer als der Blaufußtölpel, pickt so lange auf Schnabel oder Leib des Jägers, bis der seinen Fang fallen läßt und das Weite sucht. So erlebt der Fisch ein spannendes Ende: der Attacke des Pelikans entkommen, vom Blaufußtölpel erwischt, wird er nun wieder fallengelassen, nur um dann endgültig vom Fregattvogel im Sturz aufgefangen – und verspeist zu werden. Während der Balz- und Nistzeit sind Blaufußtölpel und Fregattvögel einträchtig auf dem Land vereint. Der männliche Blaufußtölpel hat ein erstaunliches Werberitual entwickelt. Seine Schwanzfedern nach oben gesträubt, steht er allein im Gelände, blickt sich fast verschämt nach allen Seiten um, ehe er seinen Werbungstanz beginnt.

m (20)Als stände er mit seinen blauen Gummivogelfüßen auf einer Herdplatte, die stetig wärmer wird, hebt er zunächst den einen, dann den anderen Fuß, stakst solcherart immer wieder auf der Stelle herum, buchstäblich wie ein Mannsbild, das die Liebe zum Tanzen zwingt. Oft stehen auf den einzelnen Nistplätzen der Inseln ein Dutzend männlicher Vögel zwischen den Büschen, stampfen unentwegt wie Freier, die während der Verabredung kalte Füße bekommen haben, derweil die Weibchen über ihnen kreisen. Ein paar Sträucher weiter ist die Familiengründung bereits in ein fortgeschrittenes Stadium eingetreten: Der Blaufußtölpel hockt auf seinem noch verschalten Nachwuchs, brütet übrigens nicht wie die Vögel unserer Breitengrade mit dem Brustgefieder, sondern er hält seinen Nachwuchs mit seinen gut durchbluteten blauen Füßen warm. Der paarungsbereite männliche Fregattvogel setzt sich derweil gut sichtbar in erhöhtes Geäst und bläht seinen ansonsten schlaff herabhängenden roten Halssack bis zum Zerbersten auf; dabei sieht er aus wie ein Wesen mit angeborener Nackenstarre, denn der Halsballon drückt den gesamten Kopf nach hinten, bis der leicht gebogene Schnabel in einem Neunzig-Grad-Winkel zum Himmel steht.

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Und dort oben kreisen die Fregattvogelbräute, schauen sich die roten Punkte gründlich von oben an, bis sie sich bei einem besonders stattlichen Blähsack zur Landung und Familiengründung entschließen. Der watschelnde Pinguin auf dunklen Uferfelsen, die in unendlicher Langsamkeit durch das Unterholz kriechende Giant-Tortuga, der Blaufußtölpel im Sturzflug und beim Tanz, der schwimmende Kormoran, der raubende und der blähende Fregattvogel, der Kampf der Seelöwen um die Weibchen, die Seeleguane, die sich beim Landgang vor den verspielten Robben in acht nehmen müssen, der rosarote Flamingo und der Spechtfink, der sich seine Insektennahrung mit einem Stöckchen aus den Ritzen der Bäume pult – sie alle lebten in dieser „Arche Noah im Pazifik“ wie Eibl-Eiblsfeld sie einst nannte, in einem Gleichgewicht jenseits der Zeit. Erst als der Mensch erschien, ganz am Ende der Inselevolution, wurde alles anders. Niemand würde sich heute mehr an Thomas de Berlanga, den vierten Bischof von Panama, erinnern, wäre nicht sein Schiff auf dem Seeweg von Mittelamerika nach Peru in eine rätselhafte Flaute geraten und unter dem Einfluß einer kalten Meeresdrift weit nach Westen abgetrieben worden. Im April des Jahres 1535 sichteten die verzweifelten Matrosen eine Reihe von kahlen, vulkanischen Inseln, auf denen sie zu ihrer Überraschung Riesenschildkröten und Pinguine, Seelöwen und merkwürdig zutrauliche Vögel entdeckten. Auf dem schwarzen Lavasand trafen die Matrosen auf langschwänzige Leguane, die ihnen wie die Kinder des Teufels erschienen. Obwohl weit südlich gelegen, war es auf den Inseln kühl und neblig. Ein Inselreich aus einer anderen Zeit – so kam dem Monsignore der von ihm entdeckte Archipel vor. Als die Expedition, mit Kakteenmilch reichlich versehen, ihre Weiterfahrt nach Peru antrat, erhielten die Inseln ihren ersten Namen: „Las Encantadas“ – die Verzauberten. Thomas de Berlanga hat in Lima das eigentliche Ziel seiner Reise – die Versöhnung der zerstrittenen Konquistadoren Pizarro und Almagro – nicht erreicht. Beide verschwanden bald durch Mörderhand aus der stürmischen Entdeckungsgeschichte Südamerikas, doch die Kenntnis von den geheimnisvollen Inseln blieb, und im Jahre 1574 erschienen sie sogar erstmalig auf einer Weltkarte des flämischen Geographen Ortelius unter dem Namen, der ihnen bis heute geblieben ist: Galapagos, was im Spanischen soviel bedeutet wie Riesenschildkröte. Für die Menschen an der Westküste Südamerikas wie für die Tierwelt der Inseln brachte der Eintritt des Galapagos-Archipels in die Weltgeschichte nichts Gutes. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert wurden die Inseln zu einem der Hauptstützpunkte des pazifischen Piratentums. Von hier aus ließ sich der gesamte Küstenhandel des peruanischen Vizekönigreiches mit dem spanischen Mutterland bedrohen, hier konnten sich die Freibeuter vor spanischen Flotten verstecken, die Beute teilen oder ihre leck gewordenen Schiffe ausbessern. Die Namen der vorwiegend englischen, französischen und holländischen Seeräuber sind überliefert wie die Namen bedeutender geschichtlicher Übeltäter, und in der Tat war das Wirken dieser legendenumwobenen Hasardeure nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine ökologische Katastrophe. Es dauerte nicht lange, da stellten sich die Riesenschildkröten als genießbar heraus, und ihre kompakte Form machte sie für die Seeräuber zum idealen Lebendproviant: unter Deck übereinandergestapelt, gingen die Tiere elend zugrunde und wurden dann zur willkommenen Bereicherung der Piratenküche. Hunderttausende der Riesenschildkröten fielen diesem Versorgungssystem im Laufe weniger Generationen zum Opfer, und fast sah es so aus, als habe ein blindes Geschick diese wunderliche Art auf einer abgelegenen Inselwelt nur deswegen überleben lassen, damit sich die pazifische Piratenpest ungestört von Nahrungssorgen an der Westküste des südamerikanischen Kontinents austoben konnte.

Doch was seit Jahrmillionen als Gattung existiert, benötigt ein paar Jahrhunderte, um ganz zu verschwinden, und ein glücklicher Zufall hat es gefügt, daß die Institution des Piratenwesens abgeschafft wurde, ehe der Faunenschnitt vollendet war. Im frühen neunzehnten Jahrhundert, das dem lateinamerikanischen Kontinent nach heftigen politischen Erschütterungen die Unabhängigkeit von Spanien brachte, wurden die Inseln erstmals in einen Staatsverband integriert: Gerade noch rechtzeitig, ehe die Engländer und Franzosen ihr pazifisches Insel-Imperium zu requirieren begannen, reklamierte das soeben von Großkolumbien zedierte Ecuador im Jahre 1832 die Galapagosinseln für sich. Nun begann die zweite wilde Zeit des Archipels: Auf den Inseln Santa Cruz, Floreana und San Christobal entstanden kleine Ortschaften, Kolonien ausländischer Siedler, Strafgefangenenlager und Privatkönigreiche ecuadorianischer Caudillos. Als sollten sich zu der einzigartigen Tierwelt der Galapagosinseln die besonders pittoresken Erscheinungsformen der menschlichen Gattung hinzugesellen, versuchten norwegische Bauernasketen, deutsche Sonderlinge und lateinamerikanische Melancholiker an diesem Ende der Welt ein neues Leben zu beginnen. El Colo, der „König von San Christobal“, wurde von seinen Arbeitern mit der Machete zerhackt, und der deutsche Zahnarzt Friedrich Ritter, der ohne Zähne zusammen mit seiner gleichfalls zahnlosen Lebensgefährtin erschien, um in dieser Unwirtlichkeit ein vegetarisches Leben zu führen, endete mit einer Fleischvergiftung. Die Lebensmöglichkeiten auf den Galapagosinseln erwiesen sich als zu beschwerlich, und nachdem in der Begleitung der Menschen reichlich Ratten, Ziegen, Hunde und Katzen auf die Inseln gekommen waren, verschwanden die meisten Siedler wieder in die für sie lebensfreundlicheren Gefilde des lateinamerikanischen Festlandes. Die Ratten aber wurden nach den Piraten zur zweiten Plage, von denen die Inseln nach dem Erscheinen des Menschen heimgesucht wurden. Wie in den Urzeiten der Erdgeschichte, als die ersten Säuger als kleine Nager über die Eier der Reptilien herfielen, dezimierten die Ratten vor allem den Nachwuchs der Riesenschildkröten und Vögel derart, das der langfristige Bestand der Arten in Gefahr geriet. Daß die Galapagosinseln heute auch die Rattenplage überstanden zu haben scheinen, ist letztlich auf den bedeutendsten Besucher des Archipels zurückzuführen, auf Charles Darwin, der im Jahre 1835, genau dreihundert Jahre nach Thomas von Berlanga, im Alter von 26 Jahren fünf folgenreiche Wochen auf den Inseln zubrachte. Der spätere Begründer der Evolutionstheorie, der als selbstzahlender Gelehrter in den Jahren 1831 bis 1836 an der Weltumseglung der „Beagle“ unter ihrem sanguinischen Kapitän Fritz Roi teilnahm, empfing während seines kurzen Aufenthaltes in dem pazifischen Naturreservat entscheidende Anstöße zur Entwicklung seines revolutionären Weltbildes. Besonders bei der Untersuchung der Vogelwelt fielen Darwin am Beispiel der Finken dreizehn charakteristische Modifikationen auf, die nur durch natürliche Anpassungen an die jeweilige Jagd-und Lebensumwelt zu erklären waren. Darwins Hauptwerk „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ ließ zwar noch fast eine Generation bis zum Jahre 1859 auf sich warten, allerdings hat Darwin sofort nach seiner Rückkehr im Jahre 1837 mit den ersten Skizzen zu diesem Lebenswerk begonnen und gegen Ende seines Lebens mehrfach darauf hingewiesen, daß speziell die Untersuchung der Finken auf den Galapagosinseln zu den entscheidenen Fragestellungen seines Denkens beigetragen haben. So tragen denn die Finken auf Galapagos als endemische Art heute den Namen Darwin-Finken. Aber niemand, der sie als Baum-, Grund-, Specht- oder Bodenfink erblickt, ahnt auf Anhieb, daß es der Anblick dieser spatzengroßen Vögelchen war, der dem Menschen als vermeintlicher Krone der Schöpfung das Geheimnis seines Ursprungs enthüllte.

Zum hundertjährigen Jubiläum des Erscheinungsjahres von Darwins Hauptwerk wurden die Galapagosinseln im Jahre 1959 in Absprache mit internationalen Organisationen und unter der Schirmherrschaft der Unesco zum Nationalpark erklärt. Mit Ausnahme der dünn besiedelten Südküsten von Santa Cruz und San Christobal wurde das gesamte Inselterritorium für menschliche Nutzung und Siedlung gesperrt. Die Einrichtung des Nationalparks kam kein Jahrzehnt zu früh, denn inzwischen hatten die Ratten die Herrschaft über die Inseln angetreten. Erst nach jahrzehntelangen Bemühungen, koordiniert durch die Parkverwaltung und die Charles-Darwin-Forschungsstation auf Santa Cruz, konnte die Rattenplage unter Kontrolle gebracht werden. Eine völlige Ausrottung der Ratten stellte sich als unmöglich heraus, so daß heute alljährlich auf einigen der größeren Inseln die Eier der Riesenschildkröten eingesammelt und in der Charles-Darwin-Station ausgebrütet werden müssen. Erst als halbwüchsige Tortugas, gegen Rattenattacken gefeit, kehren die Riesenschildkröten dann für ihr langes Leben auf ihre jeweilige Heimatinsel zurück.

Die erfolgreiche Arbeit der Nationalparkleitung, die dazu beitrug, die gesamte Inselwelt zu einem einzigartigen Garten der Natur zu hegen, hat nun dazu geführt, daß die dritte Plage über die Inseln gekommen ist: Nach den Piraten und den Ratten erschienen die Touristen auf Galapagos.

Als man vor einer Generation mit einem bescheidenen Tourismus von einigen hundert Besuchern jährlich begann und dabei Flug- und Eintrittsgebühren erhob, die das normale Urlaubsbudget weit überstiegen, konnte noch niemand die explosive Entwicklung des frei verfügbaren Einkommens einerseits und die zunehmende Attraktivität eines naturbegeisterten Öko-Tourismus andererseits voraussehen. Die markierten Pfade, die auf allen Inseln die Rundwege für Besucher begrenzen und die nicht verlassen werden dürfen, sind längst zu eng geworden, und mancher der hauptamtlichen ecuadorianischen Guides läßt im Interesse eines erklecklichen Trinkgeldes seiner Gruppe ungebührlichen Freiraum. Sechzigtausend Besucher haben im Jahre 1991 Santa Cruz, Rabida, San Bartholome, Puerto Ergas, Floreana, North Seymour, Isabella und die anderen Inseln besucht, somit befinden sich mehr als tausend Menschen ständig auf Tour im Garten Eden, stehen ergriffen und doch schadend vor nistenden Pelikanen, legen sich fotogerecht auf den schwarzen Felsen, obwohl es verboten ist, verlassen die Wege, sammeln Inselsouvenire, stöbern, staunen, stören.

Die Forderungen, den Park für den Tourismus entweder zu schließen oder doch wenigstens die seit langem gültige Obergrenze von fünfundzwanzigtausend Besuchern im Jahr auch wirklich einzuhalten, verhallen ungehört. Die Ecuadorianer selbst bringen es auf den Punkt: „Galapagos is too good for the country!“ Fast drei Viertel aller Ecuador-Besucher erreichen dieses Land nur auf der Durchreise zu den Galapagosinseln, und nur wenn die Zeit reicht, werden auch Cuenca, der Palmenstrand von Atacames oder der Indianermarkt von Otavallo besucht. Internationale Reiseveranstalter und ecuadorianische Investoren aber fordern schon seit langem eine noch weit intensivere touristische Nutzung der Galapagosinseln, und es ist wenig ermutigend, zu sehen, daß sich der Widerstand der ansässigen Bevölkerung in Santa Cruz und San Christobal vor allem in der Sorge gründet, daß der eigene Anteil an einem frei vermarkteten Kuchen kleiner werden könnte.

So lehren uns die Inseln, auf denen die Evolution so denkwürdige Seitenwege erprobte, auch etwas über den Menschen: Gerade weil ein Besuch auf den Galapagosinseln einer Reise in den sechsten Schöpfungstag gleicht, weil die Konfrontation mit einer Natur, in der die Tiere noch keine Angst vor dem Menschen haben, sich zu einem quasireligiösen Erlebnis verdichten kann, drängen die Angehörigen unseres industriellen Zeitalters in die Enklave vor der Ankunft des Menschen. Wir wollen das Wunderbare sehen – und wenn es dadurch verschwindet.

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