Nicht einmal der Himmel will mehr leuchten

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Lima – Impressionen aus einer schrecklichen Stadt

Der erste Eindruck von Lima ist niederschmetternd. Als hätte Riesenmonster in Anfällen ohnmächtiger Wut auf die Peripherie der Stadt eingedroschen, bietet sich ein Bild wie nach einem Bombenangriff: Krater, Trümmerfelder, halbeingestürzte Wohnhäuser, auf und in denen die Menschen herumkrabbeln wie die Ameisen in ihrem Bau. Der Himmel, der Putz, der von den wenigen intakten Häusern fällt, die Gitterstäbe, die alle Fenster und Türen dieser Häuser umgeben: alles ist von einem gesichtslosen Grau, der Farbe des Elends.

In Lima hat die Armut ihre sonnige Tünche verloren, jene Licht- und Palmenverklärung, die sogar noch das Chaos in Delhi oder Kalkutta mit einem trügerischen Glanz tropischer Folklore umgibt. Hier in den Vororten offenbart sich die Natur des Elends an sich: ein allgegenwärtiger Substanzverlust, der am Nerv des Lebens zehrt und die soziale Ordnung zerfrißt, ein unablässiger Schwund an Lebenswertem bis unter die Grenze des Erträglichen. Unter dem ewig gleichen Garua-Himmel leben elf Millionen Peruaner in einem Kampf aller gegen alle, der im besten Falle zum Überleben, nicht aber zu einer wirklichen Verbesserung der Situation führen kann. Der Schriftsteller Mario Vargas Llosa hat es auf den Punkt gebracht: „Wenn man in Lima lebt, muß man sich entweder an das Elend oder den Schmutz gewöhnen oder verrückt werden oder sich umbringen.“
Verrückte gibt es in Lima genug. In ideologischen Wahnwelten befangen, legen sie Bomben an Bushaltestellen, an Marktständen und in Grundschulen und feiern die Morde als den gerechten Befreiungskampf der Arbeiter- und Bauernklassen. Selbstmörder fallen in dieser Stadt weniger auf, da die Wahrscheinlichkeit, von fremder Hand zu sterben, hier ohnehin höher ist als irgendwo sonst in der Welt. Die Mehrzahl aber kämpft tatsächlich damit, sich an Schmutz, Elend und Kriminalität zu gewöhnen. Wachsam und konzentriert gehen die meisten über die Straßen, vorüber am Reiterdenkmal des Libertadors San Martin, einst befreit und doch in der alltäglichen Angst befangen, dass von jedem Mitmenschen Bedrohung ausgehen kann. Abends sind die großen Plätze weiträumig abgesperrt, schwerbewaffnete Polizisten, manchmal sogar vermummt, mit Maschinengewehren und Gummiknüppeln patrouillieren vor dem Präsidentenpalast, der Hauptpost, allen öffentlichen Gebäuden. Panzer bewachen die Einfallstraßen zur Plaza de Armas und zur Plaza San Martin. Wie leergefegt ist dann die Stadt. Nur noch Soldaten, Kriminelle und Touristen schleichen durch die Nacht.

Hinter Miraflores, dem vornehmsten Viertel der Stadt, jenseits der Perez Aranibar, branden die kalten Brecher des Pazifiks an die Küste. Hier liegen, soweit sie diesen Namen überhaupt verdienen, Limas Strände. Sie sind in drei Kategorien eingeteilt, deren Zuordnung sich von Jahr zu Jahr verschiebt: „Una playa ordinaria“ für die wenigsten, „pelligroso“ und „muy pelligroso“ für den Rest, wobei allerdings offenbleibt, was lebensgefährlicher ist – im Meer zu baden oder allein am Strand entlangzuspazieren.

Lebensgefährlichen Prüfungen setzten sich die Fischer Limas in den letzten Jahren freiwillig aus: vor laufenden Kameras verspeisten sie „Cebiche“, einen einstmals hochgerühmten peruanischen Salat aus rohen Fischstücken, der in den Verdacht geraten war, der Ursprungsherd der südamerikanischen Cholera zu sein. Die inzwischen länderübergreifende Krankheit wurde zuerst in Peru publik, und da hier zunächst die Ärmsten der Armen, eben die Konsumenten des Cebiche-Fisch-Salats, erkrankten, setzte sich schnell die Auffassung durch, dass zu den Plagen Perus nunmehr neben dem Terror, der Armut und der Kriminalität auch die Cholera gehöre. Ob diese Seuche aber wirklich ihren Ursprung an der peruanischen Küste hat oder, wie es die Peruaner glauben, sich aus nach Südamerika verschifften, verrotteten asiatischen Fischbeständen entwickelte, wird sich nicht mehr endgültig klären lassen. Für die peruanische Fischereiindustrie, die ohnehin mit Richtungsänderungen des nährstoffhaltigen Humboldtstroms und einer allgemeinen Überfischung zu kämpfen hat, war diese Entwicklung jedenfalls eine Katastrophe.

Was soll ein Reisender in dieser Stadt? An dem Gefühl, einem gefährlichen Ort seine Reize zu entreißen, wird man sich nicht sonderlich lange erquicken können, denn diese Stadt verfügt über keine Reize, die einen längeren Aufenthalt lohnen. Es gibt in Lima keine urbane Illusion, und auch die Tröstungen der Kunst und Kultur entfalten keine wirkliche Kraft. Die Kirchenfassaden, überwiegend restauriert, sind aus irgendeinem unerfindlichen Grund nahezu sämtlich gelb angestrichen, als sei der fehlende Sonnenglanz durch die Farbe des Putzes zu ersetzen. Kanzeln und Chorgestühle und vor allem die ziselierten Holzbalkone am Torre-Taglia-Palast und am Sitz des Erzbischofs, manche Innenhöfe der kolonialspanischen Casas und die verschiedenen Museen der Stadt brauchen zwar den Vergleich mit anderen lateinamerikanischen Hauptstädten nicht zu scheuen, doch angesichts des sozialen Desasters fällt eine rein ästhetische Betrachtung schwer. Mäßig begrünt und staubig sind die Kreuzgänge von San Augustin und Santo Domingo, verfallene Schönheiten unter einem bleifarbenen Himmel. Wie die Erinnerung an eine ordentlichere Geschichte wirken die fein säuberlich nach Knochenarten sortierten Gebeine von über 60 000 Skeletten in den Katakomben von San Francisco. Oberhalb der Erde jedoch bleiben die Kirchen leerer als in anderen südamerikanischen Städten, und fast scheint es, als versage nicht nur die Kunst, sondern auch die Religion im Angesicht der urbanen Katastrophe. „Auch wenn der Glaube noch so stark ist, es kommt der Augenblick, wo man sagt: es reicht!“ läßt Mario Vargas Llosa einen seiner Protagonisten in dem Roman „Maytas Geschichte“ sagen. „Gegen soviel Ungerechtigkeit kann man nicht mit dem Versprechen des ewigen Lebens angehen. Weil ich gesehen habe, dass die Hölle schon in den Straßen Limas war.“

Die Märkte, einstmals mißverstanden als Nistplätze einer zukunftsweisenden Schattenökonomie, sind heute nur noch Umschlagplätze der Dürftigkeit – und die gefährlichsten Orte für Touristen auch am hellichten Tage, weil sich im Umkreis dieser bescheidenen Lebendigkeit am ehesten vergessen läßt, wo man sich befindet. Mich ereilte ein glimpfliches Unglück im Umkreis des Wochenmarktes an der Plaza Bolivar, und es verlief in einer Schnelligkeit und Präzision, die an das Beuteverhalten von Raubtieren erinnerte. Ohne jeglichen Übergang sprang aus einer Passantengruppe plötzlich ein kleiner Peruaner an und riß mit einem einzigen geschickten Griff die Armbanduhr vom Gelenk. Einige Kumpane standen bereit, sich in den Weg zu werfen, wenn man lebensmüde genug ist, die Verfolgung aufzunehmen. Niemand in der Umgebung regte sich besonders auf, und das Kopfschütteln der Umstehenden bezog sich wahrscheinlich mehr auf meinen Leichtsinn, eine Uhr am offenen Gelenk zu tragen, als auf den Raub als solchen.

Im Zentrum der Stadt, am Rande der Plaza de Armas, in der Nähe der Kathedrale und des Präsidentenpalasts, steht das monumentale steinerne Denkmal des Stadtgründers Francisco Pizarro. Überlebensgroß scheint der furchtbare Eroberer auf den Platz zu reiten, sein hartes Eroberergesicht blickt ohne Gnade geradeaus, dorthin, wo sich die Schätze und der Tod befinden, der Helmbusch flattert im Wind, und der rechte Arm ist angewinkelt, als wolle er jeden Augenblick ein neues Gemetzel befehlen. Alles an der gußeisernen schwarzen Skulptur strahlt Bewegung aus, nichts kann, so scheint es, diesen Schlächter bremsen, der nach der Ermordung des letzten Inkaherrschers im Jahre 1535 die Stadt an der Küste nur deswegen gründete, um seine Beute schneller sammeln und verwerten zu können. Mit dem Aufstieg Limas zur peruanischen Hauptstadt begann nach Vargas Llosa „für alle Städte, Völker und Kulturen der Anden ein irreversibler Prozeß des Verfalls und der Unterjochung durch dieses neue Zentrum des nationalen Lebens, das man an der ungesündesten Stelle der Küste errichtet hatte, von wo aus es in ungebrochener Kontinuität sämtliche Energien des Landes an sich ziehen und für sich nutzbar machen sollte“.

Selbstverständlich wäre es falsch, die Ströme von Blut, die die spanischen Eroberer bei der Vernichtung des Inkareiches vergossen, als Menetekel und Ursprung der gegenwärtigen Krise zu verstehen. Lima hat durchaus lange Jahrhunderte einer ruhigeren Geschichte hinter sich, allerdings immer vom Terror kolonialistischer Ausbeutung zu Lasten der Indios geprägt, ohne sich aber darin wesentlich von La Paz, Bogotá oder Quito zu unterscheiden. Allerdings war Lima von Anfang an eine ungesunde Stadt für Ausländer: nur wenige Jahre nach Gründung der Stadt wurde bereits der Franzose Mateo Salade nur deswegen bei lebendigem Leibe verbrannt, weil er sich an einigen chemischen Experimenten versucht und dadurch das Mißtrauen der Inquisition erweckt hatte.

Das Inquisitionsmuseum an der Plaza Bolivar bietet heute Gelegenheit, einen Blick aus der traurigen Gegenwart in eine düstere Vergangenheit zu werfen und jene Folterinstrumente zu studieren, mit denen die Kirchenobrigkeit die Häresie jedes Geschlechts und jeder Rasse bekämpfte. Alexander von Humboldt, der 1802 in Lima den südlichsten Punkt seiner Südamerika-Reise erreichte, beschreibt die Atmosphäre der Stadt so: „In Lima selbst konnte ich nichts über Peru lernen. Dort beschäftigt man sich niemals mit Dingen, welche die allgemeine Glückseligkeit im Königreich betreffen. Lima ist mehr getrennt von Peru als London, und wenn man auch in keinem Teil des spanischen Amerika durch zuviel Patriotismus sündigt, so kenne ich doch keine andere Gegend, in der dieses Gefühl stärker ausgelöscht ist. Kalter Egoismus beherrscht alle Menschen, und was nicht einer selbst erleidet, berührt keinen.“
Wie aber konnte es von dieser scheinbar prophetischen Impression zum gegenwärtigen Endstadium der urbanen Katastrophe kommen? Jedes einzelne der Probleme, mit denen die Bewohner Limas tagtäglich zu kämpfen haben, beschäftigt von Zeit zu Zeit auch die Verwaltungen anderer Städte: überbordende Kriminalität hier, politischer Terror dort, staatlicher Bürokratismus und Korruption, Armut, Überbevölkerung und Seuchen. Dass sich alle diese Plagen aber an einem Ort der Erde versammeln, dürfte einmalig sein. Es ist fast so, als büße Lima für die Sünden aller Städte, und als wäre dies noch nicht genug, strömen jedes Jahr Hunderttausende aus dem Andenraum hierher.

In der heutigen Gestalt Limas kommt die Geschichte der Stadt an ihr Ende und zugleich an ihren Anfang zurück. Geschaffen als ein Ort besonderen Rechts, war sie immer auch ein Raum besonderer Lebens-und Begegnungsmöglichkeiten, Sammelpunkt fortschrittlichen Denkens und Startplatz unzähliger Revolutionen. Während es aber in den meisten der stark expandierenden Metropolen wie São Paulo, Mexiko-Stadt, Kairo oder Bombay noch immer eine wenn auch nur oberflächliche Differenz zwischen Zentrum und Peripherie gibt und einen Bereich leidlicher Überschaubarkeit und Sicherheit in den Stadtmitten, ist dies hier nicht mehr so. Die Peripherie der Stadt, in der das Gesetz des Stärkeren den Rhythmus des Lebens diktiert, hat inzwischen auch das alte Zentrum übermannt.
Es ist beklemmend, wie genau Vargas Llosa in seinem 1984 erschienenen Roman „Maytas Geschichte“ den weiteren Verlauf dieses Prozesses vorausgesehen hat: „Der Wohlstand von Miraflores und San Isodoro verfällt und verkommt in Lince und La Victoria, lebt im Zentrum trügerisch wieder auf mit den schweren Massen der Banken, Kredit-genossenschaften und Versicherungsgesellschaften – zwischen denen sich jedoch der Wildwuchs promiskuitiver Elendsquartiere und uralter Häuser ausbreitet, die wie ein Wunder noch nicht zusammengefallen sind -, während die Stadt dann im Bajo el Puente genannten Teil, auf der anderen Seite des Flusses, in offene Felder zerfasert, an deren Rändern Hütten und Strohmatten und Bauschutt aus dem Boden geschossen sind, Elendsviertel von Abfallhalden durchwuchert, die kilometerlang aufeinanderfolgen. In diesen Randzonen Limas herrschte früher vor allem Armut. Jetzt sind es auch Blut und Terror.“

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