Der Pilger büßt im Dormitorium

Burma 1993 (94)

Das Kloster Mount Popa 

 Offiziell ist der Sommer die Regenzeit in Burma, doch auf die tellerflache Myingyanebene zwischen Pagan und Thazi ist schon lange kein Guß mehr niedergegangen. Verschwunden sind die üppigen Reisfelder im Umkreis von Mandalay. Der Bus fährt durch staubige, ausgetrocknete Flußläufe, und nur auf dem feuchteren Grund aufgerissener Erdspalten gedeihen einige wenige Palmen. Heiß scheint die Mittagssonne auf die Frauen, die altes Akazienholz kilometerweit auf ihren Schultern transportieren. Ein kleiner barfüßiger Junge balanciert mit zwei Eimern voller Wasser über den heißen Sand, weder die Wasserstelle noch sein Dorf sind zu sehen. Das Gesicht des Kindes ist zum Schutz gegen die sengende Sonne  mit Tanaka- Creme bedeckt. Seine Augen sind starr nach vorne gerichtet, als gäbe es kein wichtigeres Ereignis als den nächsten Schritt.
Natur und Geschichte haben zur Ausdörrung der Myingyanebene beigetragen: Die westlichen Arakan-Berge an der Grenze zu Bangladesh versperren den Niederschlägen des Sommermonsuns den Zugang nach Zentralburma, und durch den jahrhundertelangen Holzbedarf der früheren Metropole Pagan wurde die Ebene fast vollständig entwaldet. Verstaubt und verbrannt liegt das Land unter der asiatischen Sommersonne, ein Stück Sahel im südostasiatischen Garten.

Doch ähnlich wie die Geschichte kennt auch die Natur keine Regel ohne Ausnahme. Hier ist es der Mount Popa, der Blumenberg, der sich als eine fruchtbare Enklave inmitten der zentralmyanmarischen Trockenebene weithin sichtbar erhebt. Gleich, ob man morgens von Thazi aus startet und am Nachmittag Nyaung-U oder Pagan erreicht, ob man sich zum Ayeyarwaddy oder in Richtung auf die östlichen Shan-Berge zubewegt, aus allen Richtungen ist der steile Berg mit dem weiten Plateau zu erkennen, fast immer von Wolken umgeben, die ihre Feuchtigkeit für diesen begünstigten Landstrich reservieren. Der Mount Popa, der so wenig in diese Gegend zu passen scheint, ist tatsächlich einer der jüngsten Berge der Erde, entstanden durch eine gigantische vulkanische Eruption im fünften vorchristlichen Jahrhundert. Ähnlich wie in Mittelamerika oder auf den indonesischen Inseln wandelte sich die geologische Katastrophe mit der Zeit in ein Geschenk der Natur: Es erwuchs an den Rändern des Popa-Berges ein üppiger Saum der Fruchtbarkeit, während die umliegenden Ebenen verbrannten.

So gleicht die Fahrt zu diesem Berg einer Rückkehr in die Tropen: Palmenhaine säumen die Straße, Reisfelder erstrecken sich zu beiden Seiten des Weges, und im Schatten der Bäume stehen die mit Wasser gefüllten Tonkrüge, aus denen sich jedermann gegen etwas Münzgeld bedienen kann. Als der Bus schließlich in umständlichen Windungen die Ebene verläßt, passiert er eine hügelige Galerie Gemüsegärten, Zuckerrohrfelder, Kaffeeplantagen und pausiert in kleinen Ortschaften mit lebhaften Märkten – eine beinahe mittelamerikanische Landschaftsatmosphäre, gäbe es nicht anstelle kleiner Dorfkirchen das über der gesamten Bergszenerie auf einem zucker hut artigen Felsen thronende Popa-Kloster mit seinen drei vergoldeten Stupas.
Zuerst ist es nur ein schimmernder Fleck inmitten einer grünen Berglandschaft, dann die gleißende Reflektion des abendlichen Sonnenlichtes durch die Klosterstupas – bis das Auge schließlich einen mehrere hundert Meter hohen und steilen Felsen erkennt, auf dessen Spitze sich einer der heiligsten Wallfahrtsorte des burmesischen Buddhismus befindet, das Kloster der Mahagiri-Nats, eine Veranda des Göttlichen in schwindelnder Höhe. Als begegne man einem Märchenbild aus Kindertagen, erweckt der Anblick des Klosterberges während der Anfahrt Gefühle von Vertrautheit und Fremde zugleich: Bizarre Formen am Rande des Abgrunds, ein verzaubertes Licht auf golden ummantelten Tempeln und der sich im Dunst verlierende Horizont suggerieren die Empfindung, einen Ort zu erreichen, den man als Bild oder Ahnung immer schon in sich trug.

Hat Ihnen dieser Anfang gefallen? Interessiert Sie der Ort, die Landschaft, die Geschichte? Weiter geht es in dem Buch „Der Garten der Welt. Reisen in Thailand, Burma, Laos, Kambodscha und Vietnam“,S. 132ff. 

Burma 1993 (11)-001

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