Mit dem Bummelzug über den Wolkenpass

Eine österliche Eisenbahnreise von Hue nach  Danang

In der Eisenbahn von Hue nach Danang

,,Kalt war es, sehr kalt: feuchte Kälte, die vom niedrig hängenden Himmel niederdrang, Nieselregen, feuchtkalte Räume, die nie mehr trocken zu werden schienen. Ich ging auf und ab und schlug die Arme um die Schultern, um mich warm zu halten.“ Mit diesen wenig einladenden Worten beschrieb Paul Theroux in der Endphase des Vietnamkrieges das österliche Klima im zentralvietnamesischen Hue, und so vieles sich auch seitdem in Vietnam geändert haben mag, das elende März- und Aprilwetter in Hue ist das gleiche geblieben. Eine Fahrradtour zur Thien Mu Pagode am Duftenden Fluss hat den gleichen Effekt wie eine Volldusche, und die bleigrauen Farben des immerfort regnenden Himmels liefern die  Melancholie gratis. Ostern in Hue heißt, die Zeichen des Himmels deuten lernen: feinste Schraffierungen in der ansonsten monoton mausgrauen Wolkendecke deuten auf Wetterveränderung, und das kann in Hue im März nur eine Änderung zum Besseren bedeuten. Die üblichen bläuliche Flächen, die der Besucher dagegen allmorgendlich am Ufer beobachten kann, bezeugen dagegen die Ankunft neuerer, regenschwangerer Wolkenklumpen. Zwei französische Individualtouristen, gerade aus dem sonnigen Süden eingetroffen, verspüren nur einen Wunsch: nichts wie weg aus diesem Regenloch. Leider haben sie den Expresszug von Hanoi nach Saigon verpasst und müssen auf den täglichen Bummelzug warten, der die etwa einhundert Kilometer bis Danang in satten fünf Stunden bewältigt. Allerdings ist eine Reise mit dem Bummelzug ohnehin unterhaltsamer, erlaubt ein Fensterplatz dem Besucher doch volksnahe Einblicke in die Usancen einheimischen Reisens.

Die Reisenden, die an diesem Tag den Zug nach Hue besteigen,  werden von halben Großfamilien mit dem Fahrrad bis auf den Bahnsteig begleitet,  sie werden beklatscht und beklopft, und jeder steckt gerne noch etwas in das Reisegepäck: sei es ein Huhn oder ein Transistorradio, es muss hinein. Von einer Frequentierung der sogenannten ,,Hard-Seater Abteile“, die diese wackeren Männer und Frauen nach der herzlichen Verabschiedung besteigen, muss dem Europäer jedoch aus gesundheitlichen Gründen dringend abgeraten werden, schlagen doch die harten Sitzkanten bei dem unablässigen Rucken und Stoppen des Zuges so lange in Rippen und Rückgrat, bis alle Reisefreude verloren geht. Immerhin kann man für nur 50.000 vietnamesische Dong, das sind etwa fünf US-Dollar, in einen ansatzweise gepolsterten Sitz im einzigen „Soft Seater“ Abteil des Zuges platznehmen. Nur sieben Vietnamesen und vier Ausländer befinden sich in diesem Abteil – von den sieben Vietnamesen entpuppen sich vier als Mandarinen-, Melonen- Brot- oder Nussverkäufer, und die vier Ausländer geben sich samt und sonders als Kunden zu erkennen. Das nennt man im Vietnam des wirtschaftlichen Neuanfangs (Doi Moi) angebotsorientierte Marktwirtschaft.

Hat Ihnen dieser Anfang gefallen? Interessiert sie der Ort, die Landschaft, die Geschichte? Weiter geht es in „Der Garten der Welt. Reisen in Thailand, Burma, Laos, Kambodscha und Vietnam“, S. 256ff.

 

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