Miahkiy, Kupeyny, Platskartny

Mit der Transsibirischen Eisenbahn durch sieben Zeitzonen und drei Klassen von Moskau nach Wladiwostok

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Obwohl das Stück schon seit über einhundert Jahren gegeben wird, hat es von seiner Anziehungskraft nichts eingebüßt. Millionen Komparsen und Statisten haben an seiner Aufführung mitgewirkt, doch dem Ruhm des unverwüstlichen Hauptdarstellers konnte das nichts anhaben. Die Titanic versank in den Fluten- die große Transsibirische Eisenbahn rollt noch immer durch Nordasien, ein moderner Mythos und ein Vexierbild der russischen Geschichte in einem.

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Im Juni 2003 feierte die große Bahn ihren hundertjährigen Geburtstag, doch es ist ein Geburtstag, der einer Neuschöpfung gleicht. Denn zum ersten mal in ihrer Geschichte ist es möglich, die längste Eisenbahnstrecke der Erde vollkommen frei zu befahren- während der Fahrt zu reden mit wem immer man möchte, auszusteigen, wo es beliebt und weiterzureisen, sobald einem der Sinn danach steht.

Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass eine Transsib-Reise am Beginn des 21. Jahrhunderts ein erheblich höheres Organisationstalent erfordert als jemals zuvor. Wo soll die Reise beginnen oder enden? ist dabei noch die harmloseste Frage. Wie verhält es sich mit der Registrierung auf der Transsib? ist schon etwas komplizierter. Am folgenschwerten aber ist Antwort auf die Frage: „Welche Fahrkarte darf es sein?“. eine „Myahkiy“, eine „Kupeyny“ oder eine „Platskartny“?

Im „Myahkiy“ reisen Regierungsvertreter, neurussische „Biznesmen“ und andere 9  (18)privilegierte oder steinreiche Fahrgäste in maximalem Abstand vom russischen Alltag durch das Land. Das „Myahkiy“­Abteil besteht aus zwei Betten, einem Tisch mit Decken und Blumen, reichlicher Nahrungs- und Alkoholversorgung und einer geräumigen Fensterscheibe, die zweimal am Tag gereinigt wird. „Kupeyny“ buchen die Angehörigen der russischen Mittelschicht und annähernd einhundert Prozent der Pauschaltouristen. Kunterbunt nach Geschlechtern und Völkerschaften gemischt, schlafen die Kupeyny-Passagiere in nicht sonderlich geräumigen, aber verschließbaren Vierbettabteilen mit hinreichendem Gepäckstauraum und der unschätzbaren Möglichkeit, die Geräuschberieselung durch den pausenlos sendenden Bordfunk einfach auszuschalten. Fortbewegung im „Platskartny“-Reich ist dagegen nur etwas für hartgesottene Naturen, denn hierbei handelt es sich um große, randvoll mit schmalen Pritschen zugestellte rollende Schlafsäle, in denen das sogenannte einfache Volk in beängstigender Massierung und ohne jeglichen Hör-, Riech- oder Sichtschutz Tausende von Kilometern durch Eurasien reist.

Doch auch wem es gelingt, auf Anhieb Kupeyny-Billets für einen möglichst großen Teil der Strecke zu ergattern, ist vor weiteren Unwägbarkeiten nicht gefeit. Möglich, dass es den Reisenden in ein Kupeyny mit Russen, Tataren und Mongolen verschlägt, in dem die Bortschsuppe und der Wodka regieren- oder mitten hinein in rigide organisierte Touristengruppen, in denen immer aufs Neue Verbesserungsvorschläge für die abteilinterne Müllentsorgung diskutiert werden müssen. Die „Providnitza“, die Zugführerin, kann eine gütige Babuschka sein, die zum Samowarwasser auch noch den Zucker reicht, oder eine unbarmherzige Amtsperson, die eine der beiden Waggontoiletten für ihren eigenen Gebrauch blockiert. Vielleicht sind die Abteilfenster beschädigt, die Leselampen außer Gebrauch oder die Klimaanlage existiert nur in der Theorie. Wer kann das wissen?

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Wirklich sicher auf der Transsib sind nur die Aussichten auf die vorüberziehende Landschaft, deren Reize sich allerdings nur dem geduldigen Betrachter erschliessen. Zwischen Wolga und Ural folgten Laub- und Nadelwälder in fülligen Hochsommerfarben, flache,  weite Grasebenen und  Holzhüttendörfer wechselten mit Miniaturbahnhöfen und 4 (9)Straßen, die aus dem Nirgendwo zu kommen und ins Unendliche zu führen schienen. Auf Stahlbrücken wurden im Halbstundenrhythmus immer neue Flüsse überquert, darunter Riesenströme, deren Namen noch niemand gehört hatte und auf denen doch gewaltige Kohleschlepper die Reichtümer Russlands stromabwärts in Richtung Kazan und Wolgograd transportierten. Die Millionenstadt Perm, das Tor zum Urat, ragte als eine grandiose Silhouette von Fördertürmen und Zechen, Riesenkränen und Hochhäusern in den glutroten Abendhimmel, während vier kecke Knaben den freundlich winkenden Touristen keck einen Vogel zeigen, als vollbrächten sie damit eine Kulturleistung ersten Ranges. In der zweiten Nacht passierte der Zug den Ural und damit die Grenze zwischen Europa und Asien, ohne dass sich der kontinentale Wechsel anders bemerkbar gemacht hätte als durch ein intensiveres Schaukeln und vielleicht den einen oder anderen lebhaften Traum.

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Als am nächsten Morgen die Sonne über Asien aufging war bereits Tjumen erreicht, die „Mutter aller sibirischen Städte“ von der aus die Kosaken vor vierhundert Jahren mit der Eroberung Sibiriens begonnen hatten. Von den viel gerühmten sibirischen Bahnhofsmärkten war jedoch nirgendwo etwas zu sehen- stattdessen klaubten 4 (11)abgerissene Gestalten in den Abfalleimern herum und hielten den Touristen, die sich auf dem Bahnsteig ein wenig ergehen wollten, die schwielige Bettlerhand unter die Nase. Ansonsten bot sich Westsibirien genauso dar wie Osteuropa: weiträumig und wohlgestaltet, ein wenig wie das Gesicht eines gut aussehenden Menschen, an dem man nur hätte kritisieren mögen, dass es sich immer gleich bleibt, so oft man es auch erblickt. Mit den Städten verhielt es sich kaum anders: nicht immer erschienen sie vor so einer dramatischen Kulisse wie Perm, doch ganz gleich, ob es sich um Jekaterinenburg, Omsk, Tatarskaja oder Barabinsk handelte- wie eine ewige Wiederkehr des Gleichen erwuchsen im Abstand einiger Stunden aus einem schmalen Schienenpaar plötzlich ausladende Schienensträuße, ehe Wohnblocks und Straßen erschienen und der Zug auf einem Bahnhof hielt, der dem vorhergehenden und dem nachfolgenden glich wie ein Ei dem anderen.

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Novosibirsk, die Metropole Sibiriens, wurde in der Nacht passiert, doch am Morgen des vierten Reisetages erwartete die Fahrgäste eine Überraschung: die Landschaft, eine visuelle Konstante seit Reisebeginn, begann sich zu verändern! Je mehr sich der Transsibirien-Express Kransojarsk und dem Yenisej näherte, desto hügeliger wurde die Topographie. Bizarr geformte Bergrücken, Birkeninseln inmitten wogender Grasmeere und ein zart-unebener Horizont, auf den der Mitteleuropäer daheim keinen Blick verschwenden würde, wurden nach viertausend Kilometern Eisenbahnfahrt durch eine überwiegend flache Landschaft zum ästhetischen Erlebnis. Majestätisch, als wüsste er, dass er zu den größten Strömen der Erde zählt, floss der Yenisej in seinem zwei Kilometer breiten Bett mitten durch Krasnojarsk dem Polarmeer entgegen, während die Transsib über die neue Eisenbahnbrücke weiter nach Osten ratterte.

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Irkutsk, über fünftausend Kilometer und fünf Zeitzonen von Moskau entfernt, ist die unbestrittene touristische Drehscheibe der gesamten Transsib, eine ethnologische Knautschzone der Welt – nicht mehr Russland, aber auch noch nicht Ostasien, halb Mongolei, halb Sibirien mit einer gehörigen Portion Bazar, Orient und Mafia. All das Russische, Tatarische und Burjatische, das man während der ersten vier Reisetage vermisst haben mochte- hier schlug es über den Besucher konzentriert zusammen, gut durchmischt mit chinesischem, mongolischem, japanischem und koreanischem Kolorit, wobei es nicht immer ganz einfach war zu erkennen, ob man es mit Einheimischen oder Touristen zu tun hatte.

Dass nahezu jeder Transsibirienreisende in Irkutsk einen Zwischenstopp einlegt, hat weniger mit der städtischen Kunstgalerie oder mit dem Transsibmonument am Ufer der Angara zu tun: das touristische Pfund, mit dem Irkutsk international zu wuchern versteht, ist der nahegelegen Baikalsee, die Perle Sibiriens, von dem es heißt, dass niemand, der ihn einmal gesehen hat, jemals wieder ganz unglücklich werden könnte.

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In diesem Sommer lag der große See wie eine zu Wasser gewordene Ewigkeit unter der sibirischen Sonne, Wolkenreste schwebten wie Lametta über den. Gipfeln der burjatischen Berge, und manchmal, gerade so, als wollte er seine unglaubliche Tiefe zur Erscheinung bringen, bildete sich inmitten des samtblauen Sees eine tiefdunkle, fast blauschwarze Zone, das feuchte Herz Asiens, wie die Mongolen meinen, um das herum der Kontinent geschaffen wurde.

Ein Aufenthalt am Baikalsee ist aber nicht nur der Höhepunkt einer Transsibreise, sondern meistens auch ihr Ende. Die meisten Touristen besuchen neben dem Baikalsee vielleicht noch Ivolginsk-Datsan, den großen buddhistischen Tempel in der Nähe von Ulan Ude, um dann wieder nach Moskau zurückzufliegen – wenn sie es nicht vorziehen, mit der Transmongolischen Eisenbahn weiter nach Peking zu fahren.

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Auf die wenigen Unbeirrbaren, die weiter wollen, aber wartet die „echte“ Transsib, die ihre Passagiere von Irktusk und dem benachbarten Ulan Ude aus noch einmal weitere viertausend Kilometer und zwei Zeitzonen östlich zum Pazifik bringt, eine Reise durch einen Ozean der Unerschlossenheit, durchsprenkelt mit ganz wenigen Inseln des Lebens und zu großen Teilen beherrscht von Öde, Mücken und Permafrost, in der alles knapp zu sein scheint, was das Leben fröhlich macht: Rubel, Wodka, Nahrung, Zeitungen und Bücher. Und am knappsten von allen sind die Tickets für die Transsibirische Eisenbahn.

Tatsächlich waren alle Kupeyny-Tickets östlich von Irkutsk und Ulan Ude auf Wochen hinaus ausgebucht, selbst die Miahkiy-Luxusabteile waren belegt- das einzige, was sich noch im Angebot befand, waren Platskartny-BiIlets, d. h. Fahrkarten für jene Gruppe von Menschen, für die Reisen seit jeher nicht Lust sondern Last ist und die der ausländische Transsibfahrer fast niemals zu Gesicht bekommt.

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Dementsprechend waren die Zustände, als der Zug nach Wladiwostok in den Bahnhof von Ulan Ude einrollte. Den ersten Platskartny-Waggon durchzog ein herber Fischgeruch, obwohl alle Fenster offen waren, im zweiten dominierte Knoblauchduft, und im dritten roch es streng nach Schweiß, wobei sich die Passagiere gegenseitig in Verdacht hatten, die Urheber dieser Plage zu sein. Sibiriaken mit dem Körperbau von Riesen und dem Schnarchverhalten von Hochdrucksägen, verschwitzter Händler, die den ganzen Tag mit misstrauischer Miene auf ihren Warenbeständen herumsaßen, als sollten sie ihnen unter ihren Hintern hinweg gestohlen werden, ein Rabbi, der sich auf einer Reise von Israel zur jüdischen Enklave in Birobidzan befand und der den ganzen Tag in seinen heiligen 9  (20)Schriften las, ein akkurates Ehepaar, das leidenschaftlich Kreuzworträtsel löste und eine Horde Jugendlicher, die sich den ganzen Tag johlend beim Kartenspiel vergnügten – sie und andere ertrugen nicht nur die Aufdringlichkeit dieses olfaktorischen Krisenszenarios sondern auch die Zustände im Speisewagen mit bewundernswertem Gleichmut. Denn der Speisewagen befand sich von der ersten bis zum letzten Tag der Platskartny-Reise fest in der Hand der Alkoholiker: eine Hälfte der Sitzgelegenheiten war mit Wodkavorräten zugebaut, und auf der anderen Hälfte der Sitzplätze saßen die Kunden, die diesen Wodka den lieben langen Tag bis zur Agonie in sich hineinschütteten, eine Konstellation, die gar keinen Platz zum Essen mehr bot, so dass der Wirt immer dann, wenn ein Kunde erschien, der wirklich essen wollte, sich einen der Wodkatrinker greifen und für eine Weile vor die Türe setzen musste.

Die erste Nacht im Platzkartny Waggon ging trotzdem erstaunlich gut vorüber, und mit der Dämmerung des nächsten Morgens war das Land des Amur und des Silka-Rivers erreicht, eine Region exzessiven Bergbaus, der allenthalben hässliche Riesenlöcher in der Landschaft hinterlassen hatte. Bei Cernicevski erreichte die Transsib sechs Zeitzonen und secheinhalbtausend Kilometer von Moskau entfernt ihre nördlichste Trassenführung-  nun waren die Nadelwälder fast vollständig verschwunden, und eine gestaltlose Tundra zog sich durch die Endlosigkeit des Nordens, während die Eisenbahn auf hochgebauten Trassen durch eine menschenleeren Landschaft fuhr.

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Im Speisewagen ging derweil die Wodkatrinkerei in die nächste Runde. Ein melancholischer Lastwagenfahrer schluchzte, das ihn seine Frau wegen eines Mannes mit einer besseren Wohnung verlassen hätte. Mit hochrotem Kopf schimpfte ein Bergmann aus Sachalin über die hohen Gebühren die er dafür bezahlen muss, das er auf der Insel Bären und Wölfe jagen darf. Drei Arbeiter aus Tomsk erzählten, dass sie davon lebten, auf der Transib zwischen dem Ural und dem Pazifik hin- und herzutingeln und japanische Importfahrzeuge nach Westsibirien zu überführen, ehe sie sich über die Frage, welche Firma die besten Fahrzeuge der Welt herstellt, lautstark in die Haare gerieten.

„Kurz wie das Glück ist der sibirische Sommer“, heißt es bei Pasternak, und am nächsten Tag regnete es zum Gotterbarmen. Trotzdem stürmten auf dem Bahnhof von Belogrorsk, fast achttausend Kilometer von Moskau entfernt, die Passagiere die Eier- und Brotstände auf dem Bahnhofsmarkt, weil es im Speisewagen inzwischen außer Wodka rein gar nichts mehr zu kaufen gab. In Birobidzan, nur drei Stunden von Chaborowsk entfernt, hatte sich der Regen zu einem veritablen Gewitter ausgewachsen, doch die Geschäfte auf dem Bahnhofsmarkt liefen glänzend, obwohl sich der Preis eines gekochten Eis seit der Passage des Ural mehr als verdoppelt hatte.

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Drei Tage und zwei Nächte nach Ulan Ude erreichte der Zug Chaborowsk, die achttausendfiinfhundert Kilometer von Moskau entfernte große Stadt am Amur, in deren Umgebung sich Russen und Chinesen im Jahre 1969 bis an den Rand eines großen Krieges aneinandergeraten waren. Chaborowsk, besaß zweifellos den häßlichsten Bahnhof der 9  (51)ganzen Transsib – doch es war zugleich auch einer der lebhaftesten: der halbe Zug schien sich zu leeren, und für die letzte Etappe waren sogar wieder Kupeyny-Abteile erhältlich. Im Hochgefühl, einen unglaublichen Luxus zu erleben, verging auf diese Weise die letzte Nacht auf der Ussuribahn bei geschlossener Türe, intakter Leselampe, frischer Bettwäsche und einem gepflegten Tschai.

Am nächsten Vormittag war bereits der Süden der Provinz Primorje erreicht. Zersiedelte Hügel, martialische Monumente aus der Bolschewikenzeit und angerostete Frachtschiffe, die im öligen Pazifikwasser dümpelten, zogen als trübe Impressionen am Fenster vorüber, ehe der Zug im Bahnhof von Wladiwostok, dem defnitiven Endpunkt der Transsib, stoppte. Wer von hieraus nach Korea, Japan oder China weiterreisen wollte, würde gottlob auf Busse, Fähren oder Flugzeuge umsteigen können, denn von der Eisenbahn hatten neuntausendzweihundert Kilometer und sieben Zeitzonen von Moskau entfernt inzwischen auch die größten Enthusiasten erst einmal genug.

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