Kein Erbarmen in der Hard-Seater-Klasse

Unterwegs mit der chinesischen Eisenbahn

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Es war in Berlin, in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts, noch kein Mensch dachte an irgendwelche Eisenbahnen, als der preußische Philosoph Friedrich Wilhelm Hegel sein berühmtes Diktum notierte: ,,Die Gesellschaft ist der Notstand des Staates.“ Ich gestehe freimütig, dass mir diese Spruch als Student ganz unverständlich blieb, glaubten wir doch in den wilden Siebziger Jahren vielmehr, dass die Errettung des Menschen vom Staat aus der freiheitlichen Gesellschaft kommen müsse.

Es war in der chinesischen Millionenstadt Wuhan, in den ersten Jahren des letzten Jahren des des 21. Jhdts., als ich die treffsichere Vollmundigkeit des Hegelschen Wortes am eigenen Leibe erfahren und somit endlich begreifen konnte. Dazu muss man wissen, dass Wuhan in der Mitte des Reiches der Mitte liegt und nach der Zusammenlegung der drei Städte Wuchang, Hankou und Hanyang mehr als acht Millionen Einwohner zählt. An dem besagten Tage, von dem heute die Rede ist, schien mir jedoch, als  seien sie alle gleichzeitig unterwegs. Karren, Lastwagen, Taxis, Rikschas, Fahrräder, alles was Beine und Räder hatte, drängte in jede erdenkliche Richtung, meist aber in Richtung Stadtmitte, und je näher wir dieser Stadtmitte kamen, desto umfangreicher und undurchdringlicher wurden die Menschenklumpen von jungen, alten, zarten und dicken, freundlichen und unfreundlichen, aber samt und sonders schwer beladenen Chinesen, von denen mir zu meinem Schrecken schwante, dass sie alle das gleiche Ziel hatten: den Bahnhof von Wuhan.

Chinesische Bahnhöfe, Touristenhotels und Volkskongresshallen, im realsozialistischen Monumentalstil errichtet, sind im Reich der Mitte nur sehr schwer auseinander zuh alten, und so konnte ich erst gar nicht glauben, dass der gläserne und mehrteilige Baukomplex, vor dem sich der Lindwurm der Zehntausende versammelte, tatsächlich der Bahnhof von Wuhan war. So muss es ausgesehen haben, als Philipp Scheidemann vom Fenster des Reichstagsgebäudes dem jubelnden Volk die Republik verkündete, dachte ich mir, aber heute gab es keine Ansprache von den riesigen Fenstern des Bahnhofsgebäudes, sondern das Volk versammelte sich, wie von einer unsichtbaren Hand geleitet, um unscheinbare Schilder mit zwei-, drei- und vierstelligen Nummern, legte sein Gepäck ab und setze sich einfach auf den Boden. Da saßen sie nun, die Menschen vom Stamme der Han, und ich wollte mich gerade einigen bedauernden Gedanken über die Unbehaglichkeit solcher Massensortierungen im allgemeinen hingeben, als ich inmitten einer hochkonsistenten Masse Mensch plötzlich das Schild ,,125″ erkannte. Das war die Nummer unseres Zuges nach Xian, und jeder der Unglücklichen, der kein Ticket für die „weiche Klasse“ besaß, das waren schätzungsweise 98 % der Reisenden, musste in diesen Menschensalat hinein. So auch wir, denn findige Spekulanten hatten in der letzten Woche alle Tickets für die harte und weiche Schlafwagenklasse aufgekauft und mit jenem Profit verkauft, von dem im China unserer Tage jedermann so gerne schwärmt. Uns war am Ende für die Reise nach Xian nur noch die härteste Herausforderung des asiatischen Eisenbahnreisens geblieben: das sogenannte Hard-Seater Ticket, mit dem sich das einfache Volk übers Land bewegt.

Will und Ariel Durant schreiben sich in ihrer viel gelesenen „Kulturgeschichte der Menschheit“:,,Das chinesische Gesicht ist eines der intelligentesten auf Erden, obgleich es im allgemeinen nicht anziehend ist. Die unteren Schichten sind sogar für unsere Begriffe recht hässlich, und es gibt Schurken, die einen so bösen Blick zeigen, dass sie sich als Karikaturen für jeden Film eignen würden.“ Ob all die Menschen, die uns an diesem Abend auf dem Bahnhofsvorplatz von Wuhan umgaben, Schurken waren, weiß ich nicht, aber einen bösen Blick setzten doch die meisten auf, als wir uns mit unseren Rucksäcken und Taschen in die Masse Mensch hineinwühlten. Niemand rückte zur Seite, es war ein Schieben, Zerren und Zetern – Zähne wurden gefletscht und Fäuste geschüttelt, und schon dachte ich, dass es uns inmitten der empörten Masse übel ergehen würde, da ertönte unvermittelt ein schrilles Pfeifsignal.

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Wie Dompteure vor einem unübersehbaren Rudel Raubtiere standen plötzlich zwei junge Chinesinnen im offiziellen Bahnhofsoutfit vor der wartenden Masse, hoben ihre zierlichen Ärmchen, zeigten dabei ein strenges Mienenspiel  und ließen ein zweites Trillersignal ertönen. Und siehe: wie von einem tausendarmigen Marionettenspieler gelenkt, erhob sich plötzlich die Fahrgastgemeinde des Zuges ,,125″, beendete alle Zänkereien, stellte sich wie die Schulklassen der ganzen Welt in Zweierreihen auf und marschierte dann in einem schier endlosen Zug geradewegs in die vollkommen leere Bahnhofsvorhalle hinein. Hegel hatte recht gehabt: die atomisierte Gesellschaft der Reisewilligen hätte das Einchecken in den Zug zu einem chaotischen Kampf aller gegen alle werden lassen, und es war nur die staatliche Autorität, die uns, selbst in ihrer zartesten Repräsentation als eine Doppelerscheinung als Bahnhofsfräuleins, in vorbildlicher Ordnung, ohne Drängeln und Geschiebe, auf den Bahnsteig brachte.

Merkwürdigerweise bleibt in China das eigentliche Besteigen der Waggons staatlicherseits unorganisiert, und so folgte dieser kurzfristigen Phase der Ordnung die totale Anarchie. Wieder ertönte die Trillerpfeife, die Bahnhofsfräuleins traten zurück, und wie auf ein Startsignal stürzten sich Tausende auf die Eingänge der Hard-Seater Waggons.

Wie es mir gelungen ist, in den Waggon hineinzukommen, weiß ich nicht mehr, allerdings fehlten mir nachher zwei Knöpfe am Hemd, meine Käppi war mir im Menschentumult vom Kopf gekullert, und als ich endlich meinen Sitz fand, saßen nicht nur bereits mehrere Chinesen auf ihm sondern ich musste auch noch feststellen, dass meine Brieftasche verschwunden war. Solche Augenblicke hat Gottftied Benn die kostbarsten Momente des Reisens genannt: „Ganz nah am ganz Anderen erkennen wir unsere Besonderheit,“ heißt es in seinen diesbezüglichen Betrachtungen. Und tatsächlich: so oft und so nahe ich dem asiatischen Alltag in allen Teilen des Kontinentes schon gewesen bin, niemals wird es mir gelingen, mich in das Gepäcknetz zum Schafen zu legen oder mir die gut benutzte Zugtoilette mit sieben Mitreisenden als Nachtlager zu teilen. Und noch immer lässt mich jenes unvergleichliche Geräusch erschauern, dass der Individualreisende in China spätestens am Ende der ersten Woche unter einer Kakophonie von Klingeln, Hupen und Schreien erkennt: es ist immer das gleiche dumpfe Gurgeln, eine akustische Mischung zwischen Badewannenauslauf, Dieselmotorstart und Toilettenspülung, mit der irgendein Passant, den man in der Regel noch nicht einmal orten kann, den gesamten Nasen-Rachen-Schleimhautbereich in Schwingung versetzt um jedwedes lockere Sputum aus allen Winkeln des inneren Kopfbereiches anzusaugen. Ein solches vereinzeltes Grollen machte sich bald auch in unserem Hard-Seater Abteil bemerkbar, und vorsorglich zog ich bereits den Kopf ein, denn ich wusste was zuverlässige ein bis zwei Sekunden später folgen muss: ein flach pfeifender Lippenpresston, dem unmittelbar nachher entweder ein wässriger Aufklatschgeräusch (Treffer im Spucknapf) eine heller Ton (Abteilboden, vielleicht auch die Zugwand) oder ein stumpfes Klopfgeräusch (Teppich) folgt.

,,In einem Zug ist alles möglich, ein üppiges, geradezu fürstliches Mal, ein Besäufnis, Besuch von Leuten, die Karten klopfen, eine heimliche Liebschaft, erholsamer nächtlicher Schlaf und Geschichten von Reisebekanntschaften, die bei denen man das Gefühl hat, was sie berichten, sei so vollkommen wie klassische russische Erzählungen.“ Diesen schönen Sätzen, mit denen Paul Theroux den Bericht über seine berühmte Eisenbahnreise durch Asien eröffnet, will ich nicht widersprechen, doch im Hard-Seater Abteil zwischen Wuhan und Xian gab es weder eine fürstliches Mal, noch eine Liebschaft, und an einen erholsamen Schlaf war schon gar nicht zu denken. Ich lag auf halb auf meinem Rucksack, halb auf den Beinen eines buddhahaft dreinblickenden Chinesen, der sich in seiner Auseinandersetzung mit zwei Konkurrenten sieghaft behauptet hatte. Der Zug fuhr und stoppte, stand und ruckte, die Beleuchtung flackerte, da begannen auch noch die beiden Lautsprecherboxen an der Abteildecke zu scheppem. „Guten Morgen,. Genossinnen und Genossen, liebe Fahrgäste, heute ist der funfte Tag (Freitag) der Woche, der 23. Tag des dritten Monats, die Außentemperatur beträgt 28 Grad. Wir unterhalten sie mit Aufnahmen von Radio Beijing.“

Der Sprecher dieser Worte war der Beschallungsexperte, den jeder Zug, der etwas auf sich hält, zur Erbauung seiner Gäste mit sich fuhrt. Ob diese Menschen ihren Beruf aus Leidenschaft oder Sadismus ausüben, werde ich wohl nie erfahren, auf jeden Fall traktieren sie ihre unfreiwillige Hörergemeinde 18 Stunden am Tag mit schrillen Gesänge von der Schönheit chinesischer Berge und Flüsse, unterbrochen nur durch die mit Dramatik und Lautstärke durch die Leitungen gebrüllten Durchsagen der Zugleitung.

Erledigt also der Beschallungsexperte in der chinesischen Eisenbahn einen ruhigen, wenngleich wenig geschätzten Job, so müssen die Verpflegungseinheiten in den Speisewagen zu den Mahlzeiten richtig arbeiten. Mit den Verpflegungseinheiten ist es allerdings wie mit dem chinesischen Märzwetter, es kann wunderbar, oder es kann schrecklich sein. Als ein erholsames Refugium der Ruhe ist mir der Speisewagen zwischen Guilin und Kunming in Erinnerung, fröhlich und üppig ging es zwischen Beijing und Shanghai zu, dafür war der Speisewagen zwischen Lanzhou und Tianshui die übel riechendste Küche, die sich jemals auf Rädern über Land bewegt hat.

Leider war die Verpflegungseinheit des Zuges ,,125″ noch nicht in das neue Effizienzsystem einbezogen, nach dem die Einheiten von den Erträgen ihrer Koch- und Serviceleistungen proportional partizipieren: die Köche matschen Reis und Geflügel, Gekröse und Gemüse munter durcheinander, klatschen die  Einheitspampe in einen Plastikbehälter, den resolute Bedienungsdamen den Gästen auf die bekleckerten Tische knallten. An diesem Abend gab es ganz offensichtlich zu wenig Reis, die Gäste maulten, die Köche brüllten, und als die Gäste nach dem Ende der knapp bemessenen Essenszeit den Speisewagen nicht sofort verlassen wollten, gab es für den einen oder anderen noch ganz kostenfrei aber kräftig etwas hinter die Ohren. Als ich mit knurrenden Magen den Speisewagen verließ und ein weiteres Mal die plärrenden Lautsprecherboxen passierte, enthüllte sich mir immerhin das Wesen des chinesischen Sozialismus: was man will, bekommt man nicht, aber was man nicht will, bekommt man reichlich.

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Der Gerechtigkeit halber muss man natürlich zugeben, dass die chinesische Eisenbahn nicht nur aus Hard-Seater-Waggons besteht. Die für chinesische Verhältnisse etwas wohlhabenderen Familien aus den großen Städten reisen in den sogenannten ,,Hard-Sleeper-Waggons, zu deren Besonderheiten es gehört, dass tatsächlich nicht mehr Plätze vergeben werden als Schlafstätten vorhanden sind und in denen man auf drei harten Pritschen übereieander ganz gut durch die Nacht kommt.

Hat man sich über Menschenbuckel, Rücken und Gepäckberge in diese Hard Sleeper- Klasse vorgekämpft, betritt man eine andere soziale Welt: es herrscht wieder Raum für Gesittung und Höflichkeit, die Fahrgäste verzehren ihr Abendessen und trinken ihren mitgebrachten Tee aus großen Gurkengläsem. Bei offenen Waschraumtüren schrubben die Mütter ihre Kleinen mit der Sorgfalt und Hingabe, die den Müttern in aller Welt bei der Reinigung ihres Nachwuchses eigen ist, und eben dieser Nachwuchs plärrt bei dieser Veranstaltung genauso wie es die Kinder in Indien, Kolumbien oder Amerika bei der gleichen Gelegenheit tun. Dann werden die Betten hergerichtet, die Sicherungsgurte angezogen, damit man nicht aus dem Bett fällt, und gegen 22.00 Uhr herrscht Ruhe.

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Einmal auf dem Weg durch die eisenbahninterne chinesische Klassengesellschaft drang ich noch weiter vor, durchquerte ein zweites Mal den Speisewagen, wo es inzwischen bei der Verköstigung der Köche merkwürdigerweise wieder genügend Reis zu geben schien, und erreichte den „Soft-Sleeper Waggon“, in dem die Spitzen der chinesischen Bürokratie, Verwaltung und Wirtschaft Seite an Seite mit Studiosus- und Ikarus-Reisegruppen die erholsame Variante chinesischen Reisens genießen. Die Vierbett-Abteile sind nicht nur mit Polsterung, Bettwäsche, Teppich und Thermoskannen mit heißem Teewasser versehen, sondern sie verfugen auch über das unschätzbare Privileg, die unsägliche Geräuschberieselung einfach ausstellen zu können. Aus diesen komfortablen Wohnzimmern lässt sich bei einem heißen Morgentee wohlig schaudernd in die tiefen Schluchten schauen, die die chinesische Eisenbahn in der Provinz Yünnan durchquert, man labt das Herz an der erratischen Weite Kansus oder genießt den Widerschein des Abendlichts in den Lößbergen des Gelben Flusses. Von Bahnpersonal vor dem einfachen Volk behütet, reisen Kader, Neureiche und Edeltouristen wie in einem Käfig durch den ungeheueren chinesischen Menschenpark, beobachten auf den Bahnhofsstationen die Nahkämpfe bei der Besteigung der Hard-Seater Abtiele, um anschließend in ihren weichen Betten zu einem Nickerchen zurückzufallen.

Von erholsamen Nickerchen konnte für die Mitglieder meines Hard-Seater Waggons auf der Reise nach Xian leider nicht die Rede sein. Zwischen Wachzustand und Schlaf fand ich meine Fahrtgenossen bei meiner Rückkehr in grotesken Posen auf jeden freien Zentimeter hingestreckt. Die meisten hatten die Münder weit geöffnet, einigen waren die Köpfe in erstaunlichen Winkeln bis unter die Achseln verrutscht, und manche Beine baumelten in sehenswerten somnabulen Spagats über die Lehnen. Die einfachen Menschen dieser Breitengrade, die der nackte Kampf ums Dasein als Wanderarbeiter oder Händler zu Hunderttausenden tagtäglich durch das Riesenreich der Mitte zwingt, hätten ein menschenwürdigeres Transportsystem verdient.

Aber auch wenn der chinesische Staat damit noch lange nicht wird aufwarten können, um die Erziehung seiner Untertanen sorgt er sich schon heute: Wie ein Fanfarenstoß kreischte die Morgenmusik pünktlich um 6.00 Uhr durch die Abteile, und der Zugvorsteher verlas eine wichtige Nachricht:“ Liebe Genossinnen und Genossen. In einer Stunde erreichen wir die große Stadt Xian, in der Sie sehr viele Touristen sehen werden. Für diejenigen Genossinnen und Genossen, die bisher noch keinen Kontakt zu unseren ausländischen Gästen hatten, hier einige Verhaltensmaßregeln. Wenn sie in Xian Ausländer auf der Straße sehen, zeigen sie nicht mit dem Finger auf sie. Vermeiden sie es auch, vor ihnen auf den Boden zu spucken oder sie auszulachen. Denken sie immer daran, dass sie ein Repräsentant des großen chinesischen Volkes sind und verhalten sie sich höflich.“

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