Kanäle Pagoden und eine Million Hondas

Mit dem Fahrrad durch Saigon

Fahrradrikscha in Saigon

Ich saß kaum einige Minuten in Saigon auf dem Fahrrad und missachtete die Vorfahrt, da fuhr mich eine gut gekleidete Frau mit ihrer Honda glatt über den Haufen. Wir flogen beide über die Straße, das Pedal der Honda kullerte in den Gully, und ich hatte ein schweres Ei im Vorderreifen zu beklagen. Etwas verschmutzt, aber unverletzt, auf jeden Fall aber mit beachtlicher Contenance erhob sich die vietnamesische Dame und hielt mir mit ausgestrecktem Zeigefinger eine geharnischte Strafpredigt auf Vietnamesisch. Auch die Passanten, die uns sofort in einem dichten Menschenpulk umkreisten, schüttelten den Kopf: die Besucher aus Übersee haben hier bislang zwar jeden Krieg verloren, aber dass sie auch noch so schlecht Fahrrad fahren würden, hätte man nun wirklich nicht gedacht. Ich gab mich zerknirscht, nickte immerzu wie ein überführter Bonze vor dem Tribunal des Volkes und konnte mich schließlich, durch treundliches Schulterklopfen auch noch getröstet, mit meinem lädierten Velopezid entfernen. Viertausend Dong, das sind knappe siebzig Pfennige, zahlte ich auf der anderen Straßenseite für eine ambulante Fahrradreparatur, und binnen weniger Minuten war mein Zweirad wieder flott.

Eine Fahrradtour durch Saigon, dessen neukommunistischer Name Ho-Chi-Minh-City immer weniger verwendet wird, vermittelt dem westlichen Besucher zweifellos ein neues Verhältnis zur Kollektivität. Inmitten Hunderttausender von Fahrrädern und Hondas, Personen- und Lastrikschas wird man schnell zum Teil eines unendlichen, nach allen Seiten oszillierenden, niemals still verweilenden, gesamthaften Straßenverkehrswesens, dessen Einzelzellen nicht nur unbeeinflussbar wie Monaden ihren Weg durch Einbahnstraßen, über Kreuzungen und rote Ampeln zu suchen sondern die auch noch über einen rätselhaften Abstoßungsmechanismus zu verfugen scheinen, mit dem es immer wieder gelingt, den unausweichlichenen Crash in letzter Sekunde doch noch zu verhindern.

Auf der anderen Seite ist es mit  dem Fahrradfahren in Saigon ein wenig wie mit allen Unarten: man lernt sie schnell und findet schon nach recht kurzer Zeit auch noch Spaß daran. Grundregel: mit der Honda auf den Straßen verhält es sich wie mit der Partei in der Politik: sie hat immer Recht, sprich Vorfahrt, und als Fahrradfahrer gegenüber einem größeren Gefährt auf seiner Vorfahrt bestehen, kann nur als Zeichen von Lebensuntauglichkeit gelten. Hat man diese entscheidende Lektion einmal begriffen, gilt es ferner, immer möglichst in der Mitte des Verkehrsstromes zu radeln, denn an den Straßenrändern wird die Feinjustierung der Zweiräder durch die überbordenden Märkte erheblich erschwert. Karren, Tische, Waren, das Verkaufspersonal, alles quillt über die Bürgersteine, und dauernd kracht ein abgedrängtes Fahrrad samt seinem Besitzer in das Gemüse oder die Plastiktöpfe. Riskanten Links- und Rechtsabbiegungen auf großen Straßen nähert man sich nur im Windschatten erfahrener Fahrer, um dann in die sich nur kurzfristig öffnenden Verkehrslücken blitzartig hineinzustoßen. Fußgänger auf der Fahrbahn sind dagegen kein Anlass, Hupe oder Klingel ertönen zu lassen: sie müssen ihre Beine unter die Arme nehmen und über die Straßen flitzen, wenn der hunderttausendrädige Wurm durch die Straßen braust.

Hat Ihnen dieser Anfang gefallen? Interessiert sie der Ort, die Landschaft, die Geschichte? Weiter geht es in „Der Garten der Welt. Reisen in Thailand, Burma, Laos, Kambodscha und Vietnam“, S. 292ff. 

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