Im Schatten der Großen Pagode

Die traurige Stadt Rangun

Burma 1993 (15)

Bevor sich die dunkle Wolkendecke über der Stadt endgültig schließt, ist es am schlimmsten: Die Luftfeuchtigkeit hat die Neunzigprozentmarke überschritten, und der ganze Körper fühlt sich nass an. Jede Bewegung wird zur Energieleistung, Atmen und Gehen fallen schwer, und der Wunsch zu trinken beherrscht das Denken. Dann fallen, begleitet von einem kühlen Wind, der wie eine Gnade Buddhas durch die Straßen weht, die ersten dicken Tropfen auf die Pflastersteine, eine fast zögerlich wirkende Ouvertüre, der aber in Minutenschnelle das Crescendo folgt: Erst verwandelt sich der sachte Regen in ein Stakkato, dann in einen Sturzbach, und schließlich öffnen sich alle Schleusen des Himmels zu einer Woge, unter der die Stadt zu ertrinken droht. Inzwischen ist das Tageslicht aus den Gassen verschwunden, die Menschen räumen die Straßen, die Fahrradrikschas unterbrechen ihren Betrieb, und die Verkäufer bringen ihre Waren in den Hauseingängen in Sicherheit. In einem furiosen Finale saugt das milliardenfache Regengeprassel alle Geräusche der Großstadt in sich auf, die Gespräche verstummen, und die Menschen warten auf das Ende der täglichen Sintflut.

Wenn der Regen dann so plötzlich, wie er kam, verebbt, dampfen die Straßen Ranguns wie Dschungelpfade. Dunstwolken lösen sich von den notdürftig überdachten Marktständen, steigen neblig aus den meterbreiten Pfützen empor und vermischen sich mit dem Rauch der Garküchen in der Anawratha-Street. Gurgelnd verläuft sich das Wasser in tiefer liegende Gassen, Keller und Straßenschrägen. Zerfetzte Wolkenfragmente überwölben die Stadt, wieder einmal ausgeregnet für wenige Stunden, bis die Hitze wiederkehren und sich der Kreislauf wiederholen wird.

Der beste Platz, um ein Monsungewitter in Rangun zu erleben, ist die Schwedagon-Pagode. So wie der Anblick der goldenen Kuppel bei klarem Himmel gleißend in die Augen sticht, so reflektieren ihre zahllosen großen und kleinen Htis die düstere Bedrohlichkeit der Wolkenwände in einem versöhnlichen Spiegel. Ob im Monsun oder in der Trockenzeit – alltäglich passieren die Pilger und Mönche im Innenhof der Schwedagon konkave südindische Tempeltürme, balinesische Merus, drei- und fünfstufige Newari-Türme, runde Dagobaformen und spitze thailändische Chedis – die ganze Galerie phantastischer Formen, die im Laufe der Jahrhunderte wie eine Freiluftausstellung asiatischer Architektur an der gigantischen Basis der großen Pagode entstanden.

Hat Ihnen dieser Anfang gefallen? Interessiert Sie der Ort, die Landschaft, die Geschichte? Weiter geht es in dem Buch „Der Garten der Welt. Reisen in Thailand, Burma, Laos, Kambodscha und Vietnam“,S. 88ff.

Burma 1993 (03)-001

 

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