Im Reich des Salzwasserkrokodils

Im australischen Kakadu-Nationalpark image048

Errol ist ein übler Bursche. Nachdem er mehrfach seine Nachbarn schlimm zugerichtet und sich an deren Partnerinnen vergriffen hatte, beschloß man, ihn einzusperren – kein leichtes Stück Arbeit, denn Errol ist nicht nur intelligent, sondern auch stattliche fünf Meter lang.  Errol ist ein Salzwasserkrokodil, das im „Crocodile Jail“ in der „Darwin Crocodile Farm“ in der Nähe des Kakadu-Nationalparks einsitzt. Seine Kumpane Bert, Humpy, Hoody oder Maurice, die die Nachbarkäfige bewohnen, sind womöglich noch schwerere Jungs. Rindertötung, Menschenfresserei, Kannibalismus – es gibt kaum eine Untat, die diese Salzwasserkrokodile nicht auf dem Kerbholz haben. Vor der Todesstrafe schützt sie das australische Naturschutzgesetz, doch ihre Sündenregister, vor jedem Käfig auf großen weißen Schildern fein säuberlich aufgelistet, haben ihnen „lebenslänglich“ eingetragen. image047

Mit Mägen, in denen ein ausgewachsener Mann Platz finden könnte, und einem Maul von einem halben Meter Länge gehören die australischen Salzwasserkrokodile zu den gefährlichsten Menschenfressern – in ihrer Unberechenbarkeit allenfalls vergleichbar mit dem Weißen Hai, dem Bengalischen Tiger oder afrikanischen Flußpferden, denen man ungewollt den Rückweg zum Wasser vergesperrt. Brasilianische Jaquares oder nord-amerikanische Alligatoren wirken im Vergleich zu den gepanzerten Riesenechsen wie Miniatur-krokodile – sie sind auch bei weitem nicht so schnell wie die „Salties“, die bei einer Attacke über kurze Distanzen durchaus Menschen einholen können. Und auch wenn am Ufer kein Salzwasserkrokodil zu sehen ist, hat das nichts zu bedeuten. Durch Verlangsamung ihres Herzschlages können sich Salzwasserkrokodile bis zu einer Stunde unter Wasser aufhalten und ihre Beute in trügerischer Sicherheit wiegen. Einmal ergriffen, wird das lebende Opfer, unter Wasser gezogen und ertränkt, um anschließend als Kadaver an einem sicheren Ort gelagert und bedarfsweise gefressen zu werden. Kein Wunder, dass das Salzwasserkrokodil nicht nur wegen seines Leders, sondern auch als der vermeintlich gefährlichste Feind des Menschen nach der Einwanderung der Europäer gejagt wurde, bis es fast ausgerottet war. Erst seit 1971 stehen „Saltie“ und „Freshie“, das kleinere und harmlosere Süßwasserkrokodil, unter Naturschutz.

Im Kakadu-Nationalpark im äußersten Norden Australiens ist das Salzwasserkrokodil die Attraktion. Motiviert durch Tierdokumentationen und Kinoerfolge wie „Crocodile Dundee“, besuchen inzwischen eine Viertelmillion Menschen alljährlich den Park, um das größte Reptil der Erde in seiner natürlichen Umgebung zu erleben. Allerdings hat das australische Leisten- oder Salzwasserkrokodil mit dem afrikanischen Löwen den mißlichen Umstand gemeinsam, dass der Gedanke an diese Räuber wohl allzeit präsent ist, ihre Erscheinung jedoch nur sehr selten genossen werden kann, so dass sich die Besucher, die knapp hundertvierzig Kilometer südöstlich von Darwin den Nationalparkeingang passieren, zunächst mit ganzen Schilderwäldern trösten müssen, auf denen in großen Buchstaben und dramatischen Posen vor dem Leistenkrokodil gewarnt wird.

Dabei gibt es in der Kakadu-Region weit mehr zu erleben als den flüchtigen Blick auf den großen Kopf eines Salzwasserkrokodils im brackigen Uferwasser. Seit seiner Gründung 1978 gilt der Nationalpark im Norden des Northern Territory als ein Paradies der Zoologen und Botaniker und als Traumziel von Naturfreunden: Dutzende von Waranarten, urtümliche Meeresschildkröten, Wandervögel-schwärme aus Victoria und New South Wales, die in der kalten Jahreszeit im Kakadu-Park überwintern, die im australischen Norden endemischen Magnettermiten mit ihren grotesk geformten Riesenbauten, auch riesige Würgeschlangen – schier unüberschaubar ist die Vielfalt der Lebensformen, die es an den Flüssen und an den Küsten des Kakadu-Parks zu beobachten gibt. Auch possierliche Wallabys hüpfen in der Umgebung des Nourlangie Rock durchs Unterholz, als wollten sie sich davon überzeugen, dass ihr Abbild, von den Ureinwohnern vor Jahrtausenden auf die Felswände gemalt, noch immer vorhanden ist.

Das ganze zoologische Universum, das der Park heute seinen Besuchern bietet, war schon vorhanden, als vor etwa 35 000 Jahren, in der Epoche der ausgehenden Eiszeiten, der letzte Akteur die Bühne des australischen Nordens betrat: der Mensch. Da in den planetarischen Kälteperioden durch die Vereisung der Polkappen gewaltige Mengen von Meerwasser gebunden waren, dürfte die Timor-See zwischen Südostasien und Australien wohl nur einen Bruchteil ihrer heutigen Ausdehnung umfaßt haben, so dass die Vorfahren der Aborigines über Land oder auf kleinen Booten von Insel zu Insel den Kontinent erreichen konnten. Das Australien, auf das die ersten Einwanderer trafen, war zu diesem Zeitpunkt einladender als der karge Kontinent, den die europäischen Einwanderer vor gut zweihundert Jahren betraten. Vom australischen Norden, dem Einfallstor der menschlichen Einwanderung, breiteten sich die Aborigines deswegen schnell über den ganzen Kontinent aus, zuerst ins rote Zentrum, später in den Südosten und Südwesten, bis sie die Insel Tasmanien erreichten. Einige zehntausend Jahre nach ihrer Ausbreitung veränderte sich das Weltklima jedoch ein weiteres Mal – die Polkappen schmolzen, der Meeresspiegel hob sich wieder, und die Pforte, durch die die Einwanderer nach Australien gekommen waren, schloss sich.

Über die Geschichte der Kakadu-Region in den vergangenen zwanzigtausend Jahren gibt es keine schriftlichen Zeugnisse. Die Felsmalereien der Aborigines, die am Ubirr und am Nourlangie Rock im Original und im Bowali Visitor Center zwischen Jabiru und Cooinda als Rekonstruktionen zu sehen sind, enthüllen jedoch jenseits ihres religiösen Gehalts die Geschichte dramatischer Landschaftswechsel. Der tasmanische Teufel, in Kontinentalaustralien längst ausgestorben, wurde in Zeiten an die Höhlenwände gemalt, in denen die Kakadu-Region offenes Grasland war; die Abbildungen von Flughunden entstammen Epochen, in denen der australische Norden eine tropische Vegetation besaß, und die Vielzahl der jüngeren Vogelmotive in der aboriginalen Felsenmalerei belegt die langsame Verwandlung der Region in das heutige Feuchtgebiet. Sogar das Auftreten des weißen Mannes hinterließ seine Spuren an den Felswänden des Kakadu-Parks: Segelschiffe, Feuerwaffen und Strichmännchen mit stilisierten Hüten wirken als makabrer Widerschein eines Kultureinbruchs, der den gesamten Kontinent in seinen Grundfesten verändern sollte.

Auch wenn es nach der Landung der „First Fleet“ im Januar 1778 in der Sydney-Bucht noch fast ein dreiviertel Jahrhundert dauern sollte, bis die neuen Herren des Landes im Norden Australiens Fuß faßten, veränderte ihr Erscheinen das Gesicht der späteren Kakadu-Region bis zur Unkenntlichkeit. Nachdem einige Militärstationen angelegt und wieder aufgegeben worden waren, nachdem der deutsche Forscher Ludwig Leichardt 1844, von Queensland kommend, die nordaustralische Küste erreicht hatte, wurde im Jahre 1869 endlich die Stadt Darwin am Beagle Golf gegenüber von Melville Island gegründet. Für die junge australische Kolonie bedeutet die Gründung der Stadt am „Top End“ die definitive Vollendung der Süd-Nord-Erschließung und nach der Verlegung eines Unterseekabels nach Holländisch-Indonesien die direkte telegraphische Anbindung an das Mutterland. Für die Ureinwohner aber begann eine Zeit der Verdrängung und Entwurzelung, begleitet von Massakern und Ungerechtigkeiten, für deren Beurteilung sich erst ein ganzes Jahrhundert später langsam ein verändertes Bewußtsein einstellte. Ironischerweise ist es die Gründung und die Existenz des Kakadu-Nationalparks, die seit den siebziger Jahren bis auf den heutigen Tag bestimmte Frontstellungen und Verwerfungen der australischen Gesellschaft wie in einem Brennglas bündelt.

Denn der Plan, einen großen nordaustralischen Nationalpark – benannt nicht nach dem Vogel, sondern nach dem Aborigines-Stamm der Gagadju – im Südosten der Stadt Darwin zu etablieren, kollidierte von Anfang an mit dem Wunsch einflußreicher Wirtschaftskreise, neuentdeckte Uranvorkommen innerhalb der Parkgrenzen auszubeuten. Und damit nicht genug – die Aborigines hatten noch vor der Gründung des Parks im Zuge ihrer landesweiten Bürgerrechtsbewegung die Forderung nach einer Rückgabe des traditionell von ihnen bewohnten Landes erhoben. In einer endlosen Serie von Verhandlungen, Gutachten,

Demonstrationen und Gegendemonstrationen entstand aus dieser Problemlage in der heutigen Gestalt des Kakadu-Parks ein fragiler Modus vivendi, der seine Beständigkeit einer Gemengelage aus Kompromissen und Ignoranz verdankt. Immerhin wurden die Eigentumsrechte der Aborigines an der Kakadu-Region höchstrichterlich anerkannt – der nach mehreren Erweiterungen inzwischen zwanzigtausend Quadratkilometer große Kakadu-Nationalpark gilt deswegen seit seiner Gründung im Jahre 1978 rechtlich als ein für neunundneunzig Jahre von den Ureinwohnern an den australischen Staat verpachtetes Territorium. Etwa ein Drittel der Rangerstellen sind für Aborigines reserviert, und aus den Parkeinnahmen fließen beträchtliche Gelder zur sozialen Versorgung und Kulturpflege an die Aborigines. Gleichzeitig allerdings wurden, von heftigen Protesten der Naturschützer begleitet, in jüngster Zeit in Jabiluka und Koongarra zwei neue Uranabbaustätten genehmigt, so dass sich nun drei offiziell vom Parkgelände ausgenommene Uran-Enklaven am Ostende des Parks befinden – jede von ihnen besser vor den Augen der Touristen verborgen als das Salzwasserkrokodil, doch nach Meinung der Naturschützer für Mensch und Tier langfristig gefährlicher als alle „Salties“ zusammengenommen.

Trotzdem funktioniert der gutorganisierte Parkbetrieb gerade so, als würden die Uranminen im Umkreis des East-Alligator-River überhaupt nicht existieren. Besucher lösen ihr Eintrittsbillet am Parkeingang und folgen dem schnurgeraden Arnhem Highway durch einen aufgelockerten Eukalyptus-, Papierrinden- und Regenwald. Topfeben ist die Erde, nur unterbrochen von großen Strömen, die der Besucher der Reihe nach auf seinem Weg nach Osten überquert: zuerst den Adelaide- und den McKinley-River noch außerhalb der Parkgrenzen, dann den Wildmann-, den West-, den South- und den East-Alligator-River, die die Feuchtgebiete der Kakadu-Region in den Van-Diemens-Golf entwässern. Selbst in der Trockenzeit führen diese Flüsse ihr gelbbraunes Wasser in imposanter Menge nach Norden. In der südsommerlichen Regenzeit treten sie über die Ufer und verwandeln sich in ein System unüberschaubarer Seen – miteinander durch Sümpfe und mäandernde Überschwemmungsgebiete verbunden, auf denen die Fortbewegung zuverlässig nur noch im Boot möglich ist.

Erst mehr als fünfzig Kilometer jenseits des Parkeingangs, im Umkreis des Kakadu Holiday Village, wird die bis dahin eintönige Gegend abwechslungsreicher. Trockenzeitseen, die sogenannten Billabongs, der mächtige South-Alligator-River mit seinen Seitenarmen und die Erhebungen des Arnhem Lands am Horizont verwandeln die Landschaft in einen rauhen Garten voller fremdartiger Formen und Bewohner. Am Ufer des Mamukala-Billabongs durchforschen Jabiru-Störche den Uferschlick nach Fröschen, Bolgakraniche und Weißbauchseeadler sitzen in den Kronen der Bäume wie auf Logenplätzen der Natur, Reiher, Ibisse und Kormorane teilen sich See und Ufer mit unübersehbaren Scharen von Zugvögeln. Auch ein „Freshie“, ein zweieinhalb Meter langes Süßwasserkrokodil, liegt im Ufergras – im Vergleich zum furchterregenden Aussehen des Salzwasserkrokodils wirkt es mit der schmalen, spitzen Schnauze ein wenig verschmitzt. Die Menschen, die von einem gut ausgebauten Beobachtungspunkt die Flora und Fauna des Mamukala-Billabongs studieren, werden hingegen nachdenklich. Wie ein tonloses Echo aus Urzeiten, so liegt eine weltabgewandte Stille über dem See, nur gelegentlich unterbrochen vom Rauschen des Windes in den Eukalyptusbäumen oder dem kurzen Gelächter des Kookaburra über der Beobachtungsstation.    Noch beeindruckender und beliebter als die Vogelbeobachtungen am Mamukala-Billabong sind die Bootsfahrten auf dem South-Alligator-River. Gleich, ob vom Kakadu Holiday Village, von Jabiru oder Cooinda – allabendlich werden in der Hochsaison ganze Busladungen Touristen zu den Anlegestellen des South-Alligator-River transportiert und in große Boote verfrachtet, um auf zwei bis drei Stunden langen Exkursionen eine fremdartige Welt weit jenseits der menschlichen Siedlungen zu erleben. Fischreiher, Störche, Ibisse, Weißbauchseeadler und das ganze gefiederte Universum, das man in kleiner Besetzung bereits am Mamukala-Billabong hatte beobachten können, chargiert nunmehr auf einer amphibischen Bühne. Je nach eigener Fokussierung schien sich die üppige Vegetation im spiegelblanken Wasser gleichsam zu verdoppeln – oder die Phantasie verwandelte die sich im Wasser spiegelnden Äste zu krakenartigen Wurzeln, so dass die glatte Oberfläche des South Alligator River plötzlich einem gläsernen Erdreich glich. Obwohl Hunderte von Salzwasserkrokodilen am South-Alligator-River leben sollen, sind während der Bootsfahrt nur zwei große Exemplare am Ufer zu entdecken. Häßlich und verschlammt lauern sie im Unterholz, als würden sie sich in der magischen Stunde des Sonnenuntergangs ihrer Unansehnlichkeit schämen.

Nicht alle Ziele und Attraktionen des Kakadu-Parks sind so gut erschlossen wie die Zufahrten am Mamukala-Billabong oder die Ufer der großen Flüsse. Die Zufahrten zu den Jim Jim sowie den Twin-Falls, den schönsten Schluchten und Wasserfällen des Parks, sind noch immer ungeteert und nur im Zuge einer strapaziösen Tagestour mit robusten Geländefahrzeugen zu erreichen. Über Wellblechpisten, durch Riesenlachen, bisweilen auch Flußarme, führt der Weg immer tiefer in den Regenwald, vorüber an Termitenbauten, die zum Schutz vor dem Hochwasser in der Regenzeit hoch in den Kronen der Bäume errichtet sind, und vorbei an halbvermoderten und entwurzelten Bäumen, die die letzte Überschwemmung nicht überstanden haben, bis zum Arnhem-Kliff, das sich aus der Nähe als eine tief gestaffelte Felsenlandschaft entpuppt. In dieser Zauberwelt weit abseits der Durchgangsstraßen begegnet der Besucher den Traumbildern eines perfekten Tropenidylls. Wie von einem Landschaftsarchitekten für einen Reisekatalog entworfen, wachsen hier die Palmen über die Abgründe verschatteter Schluchten, Wasserfälle stürzen in tiefschwarze Seen, an deren Ufern dösen Süßwasserkrokodile und Warane auf kalkweißem Sand in der Sonne.

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Weil auch die überraschende Begegnung mit einem Süßwasserkrokodil recht unangenehm ablaufen kann und weil immer wieder große Salzwasserkrokodile weit ins Landesinnere bis in die abgelegensten Flußläufe vordringen, werden überall dort, wo sich die Touristen in Badehosen, auf Luftmatratzen oder in Kanus an den Oberläufen kleiner Flüsse aufhalten, Krokodilfallen aufgestellt und die Zuflüsse mit großen Netzen abgesperrt. „Der einzige Platz, den man im Kakadu-Park uneingeschränkt zum Schwimmen empfehlen kann, ist der Swimmingpool“, heißt es dennoch im Leitfaden der Parkverwaltung. Aber seitdem der spektakuläre See unterhalb der Twin-Falls von einer Jury weitgereister Weltenbummler vor einigen Jahren zum schönsten Badeplatz der Welt gekürt wurde, hat sich ein regelrechter Wasserfall-Tourismus entwickelt. Eine Stunde am See ist dem Besucher eine ganze Tagesreise wert.

Je weiter man die Stadt Jabiru hinter sich läßt und je mehr man sich dem East-Alligator-River, dem östlichen Grenzfluß des Kakadu-Nationalparks, nähert, desto üppiger wird die Vegetation. Wiesen, Palmen, mannshohes Gras und riesige Bäume zu Füßen malerisch geformter Felsabbrüche bestimmen die Szene im unmittelbaren Vorfeld des gewaltigen Arnhem-Sandsteinkliffs, das über eine Länge von mehreren hundert Kilometern das feuchtwarme Tiefland von einem kargen Hochplateau, dem sogenannten Arnhem-Land, trennt. Nicht anders als in Asien und Europa, wo die beeindruckendsten Kultplätze gerne im Angesicht imposanter Naturszenerien erbaut wurden, haben auch die Aborigines der Kakadu- und Arnhem-Region ihre Felsbilder inmitten einer atemberaubenden Landschaft gezeichnet. Winzige Skizzen, mehr als lebensgroße Gemälde, abgebröckelte und nur mit Hilfe der Ranger deutbare Strukturen, aber auch erstaunlich klar konturierte Felszeichnungen zeigen längst ausgestorbene Tiere und verschwundene Landschaftsformen, speerbewehrte Krieger im Kampf mit Krokodilen und Riesenkänguruhs, Waffen, Tänze, Fische, Feinde und Geister mit Ocker, Kalk und Holzkohle an den Fels gestrichen.

Wer sich den Fresken mit jenen Erwartungen nähert, die der moderne und erfolgreiche Aboriginepointillismus in europäischen und amerikanischen Galerien nahelegt, wird enttäuscht – es ist vielmehr der Zusammenklang von Kunst und Natur, der der Felsenlandschaft am Arnhem-Kliff ihren einzigartigen Rang verleiht. Tempelfassaden, Stadtmauern, Ziegelhäuser, Säulen, Zinnen und Türme, vom Ubirr Rock aus gut sichtbar über eine endlose Ebene verstreut, scheinen an den Aufstieg und Fall vorgeschichtlicher Riesenstädte zu erinnern – und doch sind alle Strukturen nichts weiter als die natürlichen Resultate jahrzehntausendealter Erosions- und Verwitterungsprozesse. Umgeben von den langen Schatten des sterbenden Tages, ragen die phantastischen Gebilde wie Probestücke der Schöpfung aus der feuchtgrünen Ebene von Nardab empor, werden umkreist von Vogelschwärmen, die so unbekümmert dahinzufliegen scheinen, als wäre der Mensch auf der Bühne der Schöpfung noch gar nicht erschienen. Derart geheimnisvoll werden sie vom Licht der untergehenden Sonne illuminiert, dass man meinen möchte, für einen flüchtigen Wimpernschlag werde auf der Oberfläche der Dinge ein wenig von jener Kraft enthüllt, die aller Schöpfung zugrunde liegt.

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