Eine Ziege für den Drachen

Tage auf Komodo

5 (12)Durch die Inselwelt von Nusa Tenggara, irgendwo zwischen Bali, Neuguinea und Australien dampft eine alte rostige Fähre durch die See. Keine Wolke ist am Himmel zu sehen, gnadenlos brennt die Äquatorsonne über dem indonesischen Archipel. Unter Deck, nahe bei den dröhnenden Turbinen, haben sich die Einheimischen in den Schatten verkrochen. Auf dem Oberdeck schwitzen junge Amerikaner, Holländer, Briten, Deutsche, Finnen und Schweden unter Kopftüchern und Käppis einem Abenteuer ganz besonderer Art entgegen: einem Besuch auf der Dracheninsel Komodo.

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Die Insel Komodo misst in ihrer längsten Ausdehnung von Nord nach Süd knapp 35 km, von West nach Ost maximal 15 km und liegt zwischen den beiden großen indonesischen Inseln Sumbawa und Flores östlich von Bali. Seit Beginn unseres Jahrhunderts weiß man, dass auf dieser Insel die letzten Zeugen unserer planetarischen Urgeschichte leben: bis zu drei Meter lange und 140 kg schwere landbewohnende Riesenechsen, von der Wissenschaft als „varanus komodiensis“, von den Bewohnern der Insel einfach als „oras“  bezeichnet. Etwa 500 dieser „letzten Drachen“ leben in völliger Freiheit auf der unwirtlichen und z. T. kahlen Insel, der unsere Fähre nun langsam entgegenstampft. Die Unmöglichkeit die Haut der Warane zu Handtaschen zu verarbeiten und die wahrlich abgelegene geographische Position weiß man, dass auf dieser Insel die letzten Zeugen unserer planetarischen Urgeschichte leben: bis zu drei Meter lange und 140 kg schwere landbewohnende Riesenechsen, von der Wissenschaft als „varanus komodoensis“, von den Einheimischen einfach als „oras“ bezeichnet. Etwa 500 dieser „letzten Drachen“ leben in völliger Freiheit auf der unwirtlichen und z. T. kahlen Insel, der unsere Fähre nun langsam entgegenstampft. Die Unmöglichkeit die Haut der Warane zu Handtaschen zu verarbeiten und die wahrlich abgelegene geographische Position dieser Insel haben das Überleben dieser Urweltler bislang ermöglicht. Seit I 980 gilt die Insel Komodo als einer der indonesischen Nationalparks, und ein permanentes Camp beherrbergt und kontrolliert den spärlichen Tourismus.

Nur zweimal in der Woche läuft die Fähre auf ihrer normalen Route zwischen Sumbawa und Flores auch die Insel Komodo an. Sie ist die Zielstation langer Reisen, die die abenteuerlustigen Naturenthusiasten aufNachtbussen, Fähren, Sammeltaxis und Lastwagen aus Bali, Lombok, Sulawesi und Australien auf diesem rappeligen Kahn versammelt. Die Fähre hat die Insel Komodo nun nördlich umfahren und biegt in die weite Bucht von Loh Liang ein. Schon bald erkennen wir ein kleines Boot der Nationalparksverwaltung, das die Passagiere fiir die Dracheninsel aufnehmen soll. Es stoppt neben der Fähre, und unter dem Kopfschütteln der Einheimischen, für die Reisen immer nur Mühe und kein Vergnügen bedeutet, klettern die Komodo-Touristen mit ihren Rucksäcken, Verpflegungstüten und Fototaschen ins Boot.

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Heute sind es etwa zwei Dutzend junge Männer und Frauen, darunter auch eine holländische Familie mit zwei kleinen Söhnen im Grundschulalter, die am Strand von Komodo die letzten Meter durch das Wasser waten und sich bei der Park -Verwaltung registrieren lassen. Gleichmütig und freundlich trägt der Beamte alle Namen in lange Listen ein. Nein, leider sind alle Zimmer in den Gästehäusern durch die Angehörigen einer organisierte Reisegruppe aus Bali belegt, aber es gibt genug Stroh im Schlafsaal. Auch in der Kantine des Camps, wo die Mitglieder der organisierten Reisegruppe kalte Biere aus den Vorräten ihrer Charterboote bechern, gibt es nur schlechte Nachrichten: fast alles ausverkauft. Nur Reis und Nudeln pur, dazu ein halbheißer Tee sind im Angebot. zwei Kulturen treffen hier am Ende der Welt aufeinander: völlig verschwitzte und hungrige Einzelreisende, die an ihren mitgebrachten Keksen knabbern, und die Gruppenreisenden, die uns mit einer Mischung aus Mitleid und Belustirung mustern und die für diesen Kurzbesuch pro Person in Bali haben 325 Dollar hinblättern müssen.

Am nächsten Morgen, einem Sonntag, sind alle Mühen vergessen. Um acht Uhr treffen sich die Traveller vor dem Gebäude der Campverwaltung um von den hauptamtlichen Guides zur Waranfiitterung gebracht zu werden. Traurig, als ahne sie bereits ihr Schicksal, trottet eine Ziege hinter uns her. Wir verlassen das Camp, wandern einige Zeit den Strand entlang und durchqueren dichte Mangrowenwälder Hochwertige Kameras und Objektive werden aus zerschlissenen Rucksäcken genommen und für den Einsatz präpariert. Als wir das Schild „Watch out Comodo crossing“ passieren, betreten wir das eigentliche Fütterungsgelände: einen umzäumten, großen Aussichtsplatz mit Toiletten und einem schattenspendendem Baldachin vor einem unterhalb dieses Platzes gelegenen ausgetrockneten Flußbett. Und da liegen sie, die Ungetüme, reichlich träge in der Sonne: wir sehen vier zweieinhalb bis drei Meter lange Reptilien, die zunächst keinerlei Notiz von uns nehmen. Nun hat die letzte Stunde der Ziege geschlagen: einer der Guides hält dem noch immer traurig aber viel zu  vertrauensvoll dreinblickenden Tier ein Grasbüschel vors Maul, in dem er das   Schlachtermesser verbirgt. Die beiden kleinen Holländerkinder beginnen zu weinen. Während sich zwei junge Warane bereits vor der Aussichtsplattform aufgebaut haben, müssen die die größeren Tiere  erst von den Wärtern mit fauligem Aas geködert werden. Ein Waranenpaar, inmitten der bei dieser Gattung sehr komplizierten und zeitaufwendigen Liebesspieles von der Fütterung überrascht, kriecht einfach übereinander zum Flussbett. Stirnrunzeln bei den Zweibeinern: die Exotik der Warane in ihrer natürlichen Lebensumwelt hatte man sich doch ein wenig spektakulärer vorgestellt, immerhin aber muss man bedenken, dass es sich um Kaltblüter handelt, die morgens möglicherweise etwas mehr Zeit benötigen, um richtig auf Touren zu kommen. Allerdings weiß man auch, dass die Warane mittags auf kurze Distanzen sehr behende ihre Beute- Rotwild, Ziegen und Wildschweine – ­überraschen und töten können. Mit ihrer weißen, gespaltenen Zunge sind sie in der Lage, Freßbares über beträchtliche Entfernungen hinweg zu wittern. Obwohl die Warane Aas bevorzugen, reißen sie auch der noch lebenden Beute mit ihrem mörderischen Gebiss ganze Fleischstücke aus dem Leib, die Innereien der Opfer werden von den Waranen dabei besonders geschätzt. Mit einem lauten Ruf, der den Naturfreunden merkwürdig vorkommt, weil die Warane angeblich nichts hören können, wird der Ziegenkadaver in das Flussbett geworfen, und weit behäbiger, als es die meisten von uns wohl erwartet hätten, beginnen die Tiere mit der Zerfleischung des Futters. Jeder der großen Warane beißt einfach irgendwo in die Ziege hinein, und ein allgemeines Gezerre setzt ein, von dem der Fotofreund nur hoffen kann, es möge die Fressgruppe aus dem Schatten in die Sonne führen. Alles wälzt sich übereinander, Schmatzen und Kamerasurren erfüllt die Luft. Schließlich zerreißt unter dem Gerangel der Warane der Ziegendarm und ein unglaublicher Gestank west durch die Natur. Die Mutter der beiden Holländerkinder wendet sich ab und beginnt sich zu übergeben, die anderen halten sich die Nase zu und blicken entsetzt auf das Gemetzel. Einige Minuten später ist es überstanden – die komplette Ziege samt Darm, Knochen und Kopf ist den Mäulern der Warane verschwunden, die Hektik lässt nach, die Tiere kriechen in den Schatten und beginnen eine ausgiebige Verdauung. Die Zuschauer zeigen betretene Gesichter, als sie ihre Fototaschen zusammenpacken. So deftig hatte man sich das nun auch wieder nicht vorgestellt.

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Als wir ins Camp zurückkehren, ist die Reisgruppe aus Bali verschwunden. Uns soll es recht sein, denn nun beziehen wir Quartier. Die sechs Holzhäuser auf Stelzen sind nur über eine komplizierte Treppe zu erreichen, wahrscheinlich weil man hofft, dass ein verirrter und hungriger Waran sich von einer Treppe den Gästen abgeschrecken lässt. Dafür haben die Komodo-Nationalparks- Ratten längst die nächtliche Herrschaft in diesen Häusern errungen: kaum ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden, erfüllt ein allgegenwärtiges Getrappel die Dielen und Wände, die Ratten gehen auf Jagd und holen sich ihren Anteil am kargen Mundvorrat der Besucher, sie huschen über die Betten, finden die Kekse auf der Fensterbank, durchbeißen die Umwandlungen auch des neuesten Qualitätsrucksacks und erbeuten den Käse, nur die Konservendosen sind vor ihnen sicher.

In den nächsten Tagen aber herrscht, zumindest bei Sonnenlicht, im Camp eine wohltuhende Ruhe. Neue Pauschalgruppen bleiben aus, und der Großteil der Einzelreisenden reist mit für kleines Geld gecharterten Fischerbooten weiter nach Flores. Das Kantinenangebot wird durch frischen Fisch ergänzt, und es gelingt, durch trickreiche Manöver den Ratten den nächtlichen Zugang zu unserer Schlafkammer zu versperren.

Geleitet von indonesischen Führern, die uns mit Macheten und langen Stöcken durch ausgetrocknete Flussbetten, Savannengestrüpp, über Berge und durch Mangrowenwälder fuhren, lernen wir auch die entlegeneren Teile der Insel kennen. Einmal entdecken wir den langen Schwanz eines schlafenden Warans im Gras und machen um den Rest einen respektvollen Bogen, wir sehen Rotwild und Wildschweine im Unterholz und untersuchen die Lontar-Palme, deren Blätter von den einheimischen als Mal- und Schreibunterlagen benutzt werden.

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Kampung Komodo, das einzige Dorf der Insel besteht aus einigen Dutzend Stelzenhäusern, einer kleinen Moschee und einer Lehmstraße, an deren Rändern die einheimischen Frauen und Kinder die exotischen Besucher mit beachtlichem Gefeixe begrußen. Der Dorfvorsteher, bei dem man sich vor dem Betreten der Siedlung immer anmelden sollte, fuhrt uns durch den Ort: Männer sind kaum zu sehen, sie sind zum Fischen oder arbeiten auf einer der großen Nachbarinseln.

Das Ziel unserer letzten Wanderung ist das Grab des Schweitzer Barons Rudolf von Redding, der 1974, im Alter von 79 Jahren, zwischen Loh Liang und dem damaligen Fütterungsplatz Poreng spurlos verschwunden ist. Der Weg fuhrt aus den Mangrowenwäldern hinaus in die karg bewachsenen Berge. Es surrt und flimmert in der Luft, die Hitze wird fast unerträglich, und längst haben wir uns Tücher um die Köpfe gebunden. Nach einer zweistündigen Wanderung erreichen wir an einem sehr malerischen Aussichtspunkt, von dem aus ein großer Teil der Insel zu überblicken ist, ein kleines weißes Holzkreuz zur Erinnerung an den reisefreudigen Adeligen.

Was sich damals wirklich zugetragen hat, ist bis heute unklar geblieben. Der Baron hatte im Rahmen einer Kreuzfahrt mit einer Reisegruppe den Fütterungsplatz von Poreng besucht und zur Abmarschzeit den Wunsch geäußert, noch ein wenig in dieser urweltlichen Umgebung zu verweilen, um dann alleine nachzukommen. Für denjenigen, der in seinen besten Jahren diesen glutheißen Teil Komodos durchwandert, ist es leicht, sich vorzustellen, dass sich hier ein rüstiger, doch steinalter Mensch leicht verlaufen oder sogar vor Überanstrengung einen Hitzschlag erleiden kann.

Jedenfalls wurde der Baron nie wieder gesehen, die Reisegesellschaft kreuzte noch einen Tag vor der Insel, deponierte sogar eine Art Überlebenspaket am Ufer, die indonesische Armee suchte kurz darauf ganz Komodo systematisch nach Spuren des Barons ab, doch nichts wurde gefunden außer der Hasselblad-Kamera des Vermissten, einsam und verlassen an einem Zweige baumelnd. Ob der Baron, vom Hitzschlag getroffen, bereits tot ein Opfer der Warane wurde oder ob er in altersbedingter Kurzsichtigkeit einer der Riesenechsen zu nahe kam und angegriffen wurde, wird man niemals erfahren. Und so steht heute genau neben der Stelle, an der der Baron durch seine Hasselblad der Welt einen letzten Gruß entrichtete, das besagte Kreuz mit der Inschrift:

“ Baron Rudolf von Redding (geboren am 8. August 1895),  am 18. Juli 1974 verschwunden.  Er liebte die Natur während seines ganzen Lebens.

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