Ein Bett im Fale erhöht das Ansehen

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Südsee für Einsteiger in Samoa

“ Sobald der Tag zwischen den sanften, braunen Dächern dämmert und die schlanken Palmen sich vom farblosen, glitzernden Meer abheben, schlüpfen Liebende vom Stelldichein unter Palmen im Schatten von Kanus nach Hause, damit das Licht jeden Schläfer am richtigen Ort findet. Das eindringliche Tosen der Riffsee scheint plötzlich gedämpft, nur noch Begleitmusik füllt die Geräusche  des erwachenden Dorfes.“

Schöne Sätze, die man in kalten europäischen Wintern immer wieder gerne liest.  „Coming Age in Samoa“, das Buch aus dem diese Sätze stammen, gehörte zu den Lieblingsbüchern meiner Jugend. In diesem anthropologischen Klassiker  hatte die amerikanische Ethnologin Margret Mead einer fiebernden Studentenjugend die Kunde von der vollkommen freien Liebe verkündet.  Dass dergleichen Freiheiten auch noch vor dem Hintergrund einer traumhaft schönen Natur  tatsächlich existierten, konnte einen glatt mit er Schöpfung versöhnen: das Paradies war möglich , und es existierte im Südpazifik

Aber dann war alles ganz anders.Mein erster Eindruck von Samoa war ein endloser Stau auf der Marktstraße von Apia.  In Apia der Hauptstadt der Westsamoas, leben heute gut ein Viertel der rund 180.000 Einwohner, und an diesem linden Sommertag schienen sie alle zugleich unterwegs zu sein.  Überall war Reageamusik zu hören, obwohl wir uns doch nicht in Jamaika sondern in der Südsee befanden – grundiert von einem Geräuschcocktail aus Bremsen, Quietschen, zerkrachenden Kokosnüssen, Flaschenscheppern und reichlichem Hupeinsatz. Gedränge auch am Busbahnhof,  von dem aus die grellbunt bemalten und fensterlosen Samoa-Busse die Einheimischen zu jedem Winkel der Insel transportierten. Fähren aus Amerikanisch-Samoa oder der großen Nachbarinsel Savai liefen im Hafen ein, und  unglaublich kräftige gebaute Einheimische kamen an Land oder bestiegen das Schiff. Die männlichen Samoaner trugen einen einfachen Umhang, der von der Hüfte bis zu den Unterschenkeln reichte, dazu kurzärmelige Baumwollhemden, die kraftvolle Arme sehen ließen. Das Auftreten der Samoanerin unterschied sich von dem der Männer nur  darin, dass sie noch eine Spur farbenfroher gekleidet waren und immer mindestens ein Kind auf dem Arm oder dem Rücken mit sich herum trugen.

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All das war pittoresk, aber doch zugleich ein wenig enttäuschend, denn kaum eine Insel der Südsee war mit so vielen Erwartungen befrachtet wie Samoa. Ganz in der Nähe von von Apia schrieb  Robert Louis Stevenson in seinen letzten Jahren am Schwanengesang des alten Ozeaniens,  die bereits erwähnte Margret Mead hatte als Frucht ihres Samoaufenthaltes die Lehre von der repressionsfreien samoanischen Gesellschaft verkündet, und noch in den frühen Siebziger Jahren wusste uns der Papalani, ein imaginärer Samoa-Häuptling, manch Kritisches zur westlichen Gesellschaft zu sagen.

Inzwischen hat sich leider herausgestellt, dass Margret Meads Forschungen überhaupt keine Forschungen waren. Sie verstand weder die Sprache der Samoaner, noch ihre Gebräuche, und was sie auf den herrlichen Inseln zu finden glaubte und niederschrieb, hatte sie als utopischen Traum bereits mit nach Samoa gebracht. Wie einer ihrer Schüler, der Anthropologe Derek Freemann eine Generation später in jahrelanger Forschungsarbeit herausfand, exisitiert auch in Samoa Druck Zwang, Gewalt, wenngleich in anderen Erscheinungsformen als in der westlichen Gesellschaft. Dem Ruhm Samoas hat dies keinen Abbruch getan. Noch immer werden in unseren Pädagogik-Leistungskursen die Margret Mead Texte gelesen, als wären es wissenschaftliche Erkenntnisse und keine Dichtung. Und da 99 % der Menschen niemals in die Südsee kommen, hält man sich lieber an das Traumbild als an die Wirklichkeit.

Dabei kann sich auch die samoanische Wirklichkeit durchaus sehen lassen. Die überbordende Natur, das wunderbare Klima und der gastfreundliche  Menschenschlag machen jeden Samoaaufenthalt auch ohne weltanschauliche Überhöhung zu einem Erlebnis. Sogar der Geschichtsintereessierte wird auf Samoa fündig werden, wenngleich in einer Weise, die nicht jeden Spross der emanzipierten Gesellschaft erfreuen wird. In der Hafengegend von Apia ehrte zum Beispiel ein Gedenkstein in deutscher Sprache die „auf der australischen Station für das Vaterland gefallenen Kameraden“.  Der erste Weltkrieg lässt grüßen. Wenige Schritte entfernt führte das nächste Denkmal in deutscher Sprache noch ein wenig weiter zurück in die Geschichte. Ein fast völlig verblichener Gedenkstein, an dem die Einheimischen zur Rast gerne einmal ihre Bananenstauden absetzen, erinnerte an das Hissen der deutschen Flagge im März 1900. Eines der damals üblichen Kolonialabkornmen zwischen den Großmächten hatte die ahnungslosen Bewohner West-Samoas an das deutsche Kaiserreich überstellt,  die kleineren samoanischen Ostinseln kamen unter amerikanische Verwaltung, die bis heute andauert, und die Briten erhielten als Kompensation freie Hand auf den Salomonen . So lief das damals in der guten alten Zeit.   Allerdings dauerte die deutsche Kolonialherrlichkeit in West­ Samoa nur ganze vierzehn Jahre. Mit dem Ersten Weltkrieg war der Traum von einem deutschen Südpazifik schnell ausgeträumt, neuseeländisch-britische Truppen besetzten die Inseln ohne große Gegenwehr. Geblieben vom deutschen Intermezzo sind nur kümmerliche Denkmäler und eine sinnreiche Erweiterung der samoanischen Speisekarte um den Rheinschen Sauerbraten.

Seit 1962 ist Westsamoa ein unabhängiger Staat mit Regierung und Parlament. Mit etwas Glück trifft man den Premierminister in seiner residenz an der Uferstraße von Apia persönlich an seinem Schreibtisch an und erhält von ihm die Erlaubnis zum Besuch des Parlaments oder der Stevenson- Gedächtnisstätte auf einem der Berge in der Umgebung von Apia. . Am  aktuell gültigen Wahlrecht könnten übrigens  Junggesellen nicht die rechte Freude haben: Lediglich die 14.000 Oberhäupter der samoanischen Großfamilien, die Matai, besitzen das passive Wahlrecht. Sie bewerben sich in einer freien und geheimen Wahl um 45  der 47  Parlamentssitze (zwei Vertreter werden durch die ansässigen Ausländer gewählt), und die so gewählten Familienoberhäupter küren sodann ihrerseits den Landesvater .

Das bedeutendste Erbe  aus der Kolonialzeit aber war lebendiger denn je. Jeden Sonntag ruhten  auf  Samoa die Geschäfte, schlossen  die Buden, stoppten die Busse , und die Bevölkerung strömte im weißen Sonntagsstaat in eine der zahlreichen protestantischen und katholischen Kirchen. Für den laizistischen Besucher aus dem Westen war es  fast befremdlich zu sehen, wie flächendeckend die Samoaner die  Kirchenbänke füllten. Mächtige  polynesische  Prediger gebärdeten isch vom Altar herab wie Südsee-Savanarolas, die der Gemeinde mit dem Zorn des Herrn drohten. Die Kirchgänger senkten die Köpfe, memorierten ihre Sünden, um nachher in einem furiosen Kirchengesang  die  Gnade des Herrn zu preisen .

Kein Zweifel, das Christentum in seinen verschiedenen Varianten hat die Mentalität der Samoaner nachhaltig beeinflusst, und die Kulturgeschichte ist dabei nicht frei von kuriosen Purzelbäumen geblieben: Indem die christlichen Missionare dem „tiki“, der Schambekleidung der mannbaren Polynesierin, ein busenverhüllendes Oberteil hinzufügten, entstand zuerst auf den samoanischen Südseeinseln eine Vorform jenes Kleidungsstückes, das bald als „Bikini“ seinen Siegeslauf um die Welt antreten sollte. Dass die prüde Heimat  der Missionare, in der man zu dieser Zeit nur bis zum Hals bekleidet  in die Wellen stieg, diesen Standard auch einmal erreichen und dann sogar in Richtung auf die barbusige Natürlichkeit weit überbieten würde, war damals unvorstellbar. Wer heute übrigens „oben ohne“ in Samoa badet, riskiert einen ·Gefängnisaufenthalt wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Ein anderes Gesicht Samoas  zeigte sich bei einem Rundgang durch den überdachten Markt von Apia, dem nach Kennermeinung farbigsten Markt des gesamten Südpazifik. Hier herrschte permanenter Hochbetrieb, und in der Nacht schliefen die Familienangehörige der Standbetreiber sogar neben ihren Auslagen, um den kostbaren Platz nicht zu verlieren . Sie verkauften Papayas, Mangos, Bananen, die einheimische Brotfrucht, eine wahre Kalorienbombe, die ein wenig wie Süßkartoffel schmeckt, und die Knollen der Taro-Pflanze, die hier gerne als Brotersatz gegessen wird, dazu Unmengen von Schweinefleisch, Fisch , Gemüse und immer wieder Kokosnüsse – einzeln, gebunden, im Sack oder bereits zum Getränk oder zu Kokosnussbrei verarbeitet.

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Das lebhafte Wirtschaftsleben in Apia darf aber nicht daüberhinweg­ täuschen, dass Westsamoa wie viele Inseln des pazifischen Raumes unter einem starken Bevölkerungszuwachs, schwankenden Rohstoffpreisen  und einer hohen Arbeitslosigkeit leidet. Viele junge Samoaner haben das Land auf der Suche nach Arbeit bereits in Richtung Australien, Neuseeland oder den USA verlassen, und auch die Daheimgebliebenen haben im Zuge einer hohen Inflationsrate Einkommenseinbußen hinnehmen müssen. Der Tourist merkt davon wenig – im Gegenteil: die Wirtschaftsprobleme haben den einheimischen Tala gegenüber  den westlichen Währungen verbilligt, sodass ein Urlaub in Samoa heute – im Unterschied etwa zu Tahiti oder Hawaii –  die Reisekasse nur mäßig strapaziert. Im Unterschied zu Tahiti oder den Marquesas existiert in Apia sogar eine bescheidenes Angebot an kleinen Geusthäusern, die es ambitionierten Backpackern erlaubt, auf dem Sprung von Sydney nach Los Angeles auch ein paar Tage in Samoa zu verbringen.

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Aber egal, ob Backpacker oder Studienrat – jeder Besucher Samoas ist gut beraten, die Hauptstadt Apia so oft wie möglich zu zu kleineren oder größeren Ausflügen zu verlassen. Die unvergleichliche Üppigkeit der samoanischen Flora erschließt sich am ehesten auf Wanderungen durch die Hauptinsel Upolu, über die Nachbarinsel Savai oder über eine der kleineren Inseln. Überall blühen Baougainvillea in ihren  roten Farbschattierungen,  dazu Hibiscus,  die weiße  Tiare, die man eben nicht nur in Tahiti findet, der grüne Pandanus und der prächtige Poinciane-Baum. Umgeben von solch üppiger Flora befindet  sich das typische samoanische Dorf als eine Anzahl von  kleinen, nach allen Seiten hin offenen Häusern ( Fales ), die um ein großes offenes Haupthaus,das Dorf-Fale, herumgruppiert sind. Diese völlige Unabgeschlossenheit des samoanischen  Privathauses, das im Prinzip nichts weiter ist als ein Dach auf Pfeilern, hat die Phantasie der Europäer stark angeregt. So viel Öffentlichkeit  schien manchem kulturkritischen Weltreisenden nur mit extremer Redlichkeit  vereinbar, und auch die von jedermann einsehbaren Sitzungen der Familienoberhäupter im Dorf-Fale besitzen eine gewisse Affinität zu basisdemokratischer Unverborgenheit. Auch den Unterricht kann der  Wanderer in den wandlosen offenen Dorfschulen von der Straße aus problemlos beobachten, was schnell zu der Frage führt, welche Konsequenzen sich wohl bei uns aus derartig transparenten Unterrichtsabläufen ergeben würden. Dass es bei so viel  Öffentlichkeit  das Allzumenschliche nicht zu kurz kommt, kann man daran erkennen, dass sich die etwas begüterte Samoa-Famlie gerne schon einmal ein westliches Bett aus Prestige-Gründen ins offene Fale stellt , um dann aber doch auf dem mattengedeckten Fußboden zu schlafen.

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Gäste, die ein Dorf besuchen, werden fast immer  von den Einwohnern freundlich begrüßt, oft auch zum  Besuch oder zur Rast ins eigene Haus eingeladen. Wer die Fales betritt und aus Höflichkeit die Schuhe  ausgezogen hat , bekommt sehr schnell eine Erfrischung und etwas Taro mit Corned Beef gereicht, das zwar keien Augenweide ist aber gut mundet. 3-Samoa (23)

De Männer- und Frauen, die während solcher Besuche mit den Gästen zusammensitzen, besitzen allein schon durch ihre beeindruckende Fülligkeit eine gewisse Würde, ohne deswegen dröge zu sein. Wer jemals als Tourist die Dorfmütter und – väter im Fale hat Pokern sehen und so unvorsichtig war, in dieses Spiel mit einzusteigen, weiß ein Lied davon zu singen .

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Es gehört sich aber auch, dass die Besucher, die im Umkreis des Dorfes eine Sehenswürdigkeit besuchen, ein Gastgeschenk mitbringen. Dafür sind die Jugendlichen des Dorfes dann gerne  bereit, die Besucher zu verborgenen Wasserfällen, Stränden oder sehenswerten Felsformationen zu führen, die man ohne sie nicht ohne Weiteres finden würde. Aus der Vielfalt solcher Erkundungen empfehle ich den Besuch der der Fuipisia-Fälle auf Upolu, deren Anblick wie ein zur Wirklichkeit gewordenes Traumbild alle Elemente der Südseenatur vereinigte.   Am Ende eines Dschungelpfades erblickten wir  jenseits eines Abgrundes auf der anderen Seite einer Schlucht einen etwa zwanzig Meter breiten Fluss, der aus einem malerisch gekrümmten Dschungellauf hervortrat und mit großem Getöse gut fünfzig Meter in die Tiefe stürzte. Das Tosen des Wasserfalls wurde wie einer Natursinfonie durch den Gesang der Vögel begleitet und war umgeben von Palmen, Farnen und Gräsern, deren Namen wir nicht kannten, die aber wie ein grüner Rahmen zur Schönheit des Bildes beitrugen.

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Etwas enttäuschender war der Besuch des sogenannten „Return to Paradies-Beaches “, einem palmenbewachsenen Südseestrand,  an dem in den Fünfziger Jahren der gleichnamige Film mit Gary Cooper gedreht wurde. Trotz des geradezu puderweißen Sandes und der bis zu dreißig Meter hohen Kokospalmen, die sich in fotogener Schräglage der grünen Lagune entgegenstreckten, kam keine rechte Stimmung auf. Seitdem eine Stichstraße an diesen Strand gebaut wurde, suchen vor allem die Besucher aus Amerikanisch-Samoa während ihrer Stippvisiten auf Upolu diesen Strand mit ganzen Leihwagen-Karawanen heim. Dann knarrt und rattert die Musik, und mach ein Besucher, der nach Samoa kam um sein Traumbild von der Südsee zu finden, mag mit Sehnsucht im Herzen ein Buch von Robert Louis Stevenson aus der Tasche ziehen, und wenigstens dort noch etwas von den Schönheiten der Südsee zu finden.

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