Die Sünden der Könige und der Glaube des Volkes

Burma 1993 (52)

Pagan, die Stadt der tausend Pagoden

Hegel sagt:“Die Eule der Minerva beginnt am Abend ihren Flug.“ Ein schönes Bild dafür, dass der berückendste Glanz der Sonne erst dann entsteht, wenn der Tag zuende geht. Am Ende des Tages ist das Licht am schönsten, am Ende der Geschichte entstehen die Geschichtswerke und Genealogien und mit ihnen eine von Sehnsucht und Sentiment angereicherte Erinnerung.

So war es auch, als in Burma im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die „Glaspalastchronik“ entstand. Gerade schickten sich die europäischen Mächte an, die asiatischen Reiche zu erobern, und schon hatten die Briten, aus Bengalen kommend, den südlichen Teil Burmas besetzt, als die Autoren des halb mythischen, halb geschichtlichen Werks die Anfänge ihrer bedrohten Kultur mit der buddhistischen Staatsreligion noch einmal aufs engste verklammerten.
Nach der Genealogie dieser Chronik stammen die Könige Burmas direkt aus der Familie Buddhas. Im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen aus Nordindien vertrieben, führten nahe Verwandte des Erleuchteten ihre Gefolgschaft in das Tal des Irrawaddy und schufen in der Folgezeit ein Reich, in dem die rechte Lehre und das rechte Tun in der glanzvollen Hauptstadt Pagan allen Buddhisten Asiens zum Vorbild werden sollten.
In Wahrheit freilich brachen die Vorfahren der heutigen Burmesen mitsamt ihren Königen zu ihrer jahrhundertelangen Wanderung durch ganz Asien von den Rändern der Wüste Gobi auf. Als ein Teil der zentralasiatischen Sprach- und Völkerfamilie zogen sie durch Kansu, Tibet und das südliche China, trafen dort schon in Yünnan auf die Vorfahren der Thais, mit denen sie später in immer neuen Kriegen um die Vorherrschaft in Südostasien ringen sollten, lernten unterwegs den Reisanbau, die Tierzucht und die Metallverarbeitung und erreichten dann irgendwann im achten Jahrhundert das gegenwärtige Zentralburma, wo sie sich an den Ufern des Irrawaddy niederließen.
Das Territorium des heutigen Burma war damals schon seit Jahrhunderten besiedelt. Am Unterlauf des Irrawaddy hatten die Mon und die Pyu in engem Kontakt zu Indien die ersten Hochkulturen errichtet: Aufwendige Bewässerungsanlagen, Vorratswirtschaft, Tempelbau und hinduistische und buddhistische Glaubensvorstellungen prägten das Leben in den Städten Thaton, Pegu und Sri Kstera. Demgegenüber erschienen die zugewanderten Burmesen wie unzivilisierte Barbaren. Sie lebten in kleinen Weilern, von adeligen Familien und Häuptlingen regiert. Die Entstehung des burmesischen Staates kann man sich im neunten Jahrhundert gar nicht bescheiden genug vorstellen: Unter dem in der „Glaspalastchronik“ genannten König Pinbya vereinigte sich ein gutes Dutzend Dörfer zu einem stadtähnlichen Gebilde, und man errichtete eine leidlich intakte Befestigung – die Stadt Pagan war geboren.

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Burma 1993 (58)

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