Die Rückkehr der Geschichte in die Natur

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Auf dem Inkatrail nah Machu Pichu

Der Local Train von Cusco nach Quillabamba ist überfüllt wie jeden Tag. Niemand denkt im Traum daran, für die Gringos mit einer kaum lesbaren Platzreservierung auf den Papiertickets den Platz zu räumen. Kinder, Meerschweinchen und Hühner liegen kunterbunt auf den zahlreichen Gepäckballen herum, und längst hat sich die gesamte Abteiloberfläche in ein unüberschaubares System von Nischen, Tälern und Pässen verwandelt. Bergen gleich hocken die energischen Indiofrauen vor jedem Ausgang, jeder Toilette und Durchgang, und mit dem nervenstarken Phlegma, das alle Widrigkeiten des Lebens ignoriert, ordnen sie die verschiedenen Lagen ihrer Schürzen, unter deren unterster sie die Einnahmen des Markttages sicher nach hause bringen werden. Halb verwundert, halb melancholisch blicken die Halbwüchsigen auf die westlichen Touristen, ihre Rücksäcke, ihre Kamerataschen und die frisch erworbenen Indiohüte, die sich in dieser Umgebung ausmachen wie eine unfreiwillige Selbstkarikatur. Immer neue Einheimische drän gen in die   Abteile, große Ballen Coca-Blätter, in Packpapier gewickelte Schweine- und Rinderstücke, Körbe voller Brennholz, Gemüse oder Textilien werden mit unbezwinglicher Beharrlichkeit von ihren kleinen Trägem Zentimeter um Zentimeter durch die Gepäckhügellandschaft bugsiert, kollidieren mit ebenso beharrlich vorwärtsdrängenden Gegenströmungen aus dem anderen Waggoneingang zu menschlichen Knoten, von denen man schon vor einer Stunde hätte schwören können, sie seien nicht mehr enger zu schürzen. Aus den Tiefen dieses immer konsistenteren Mensch-Tier-­Gepäckgemischs tauchen Hände auf, von denen man sich fragen muss, zu welchen Körpern sie gehören, nesteln an Gepäck und Taschen herum und verschwinden wie Geisterhände , wenn man nach ihnen greifen will.

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In den Träumen vom Land der Inkas, die die meisten Rucksacktouristen von Kindheit an wie die beharrlichen Kompassnadeln einer ungestillten Sehnsucht begleiteten, gab es weder Enge noch Diebe. Sie waren gruppiert um die schattenhafte Schau versunkener Städte, Condornester und Inkastraßen vor der Kulisse dramatisch gezackter Sechstausender, und es sind diese Bilder, die die

Besucher auch in den Zeiten der Cholera aus der ganzen Welt nach Cusco treiben, um dort zugleich mit der Wirklichkeit jener Imaginationen ein Stück von sich selbst zu finden. Es ist der überfüllte Indiozug von Cusco nach Quillabamba, der die Touristen dem Höhepunkt ihrer Reise entgegenführt: dem Inka- Trail nach Machu Pichu.

Die Geschichte von der Entdeckung Machu Pichus und des Königsweges in diese vergessene Stadt ist fast so spannend wie der Trail selbst. Seitdem sich ein Teil der Inka-Herrscherfamilie 1536 mit ihrer treuesten Gefolgschaft vor den Spaniern in die Tiefen der Urubamba- und Vilcabamba­ Kordilleren zurückgezogen und dort einen Guerilla-Krieg gegen die katholischen Eroberer entfacht hatten, waren die Gerüchte von einer verborgenen Hauptstadt der Inkas nicht mehr verstummt. Generationen spanischer Abenteurer suchten die sagenhafte Stadt, die unter dem Namen Vilcabamba die Phantasie der Conquistadoren und Kolonisten beflügelte. Doch alle Expeditionen schlugen fehl, und im Laufe der Zeit mutierte die Idee von Vilcabamba, ähnlich wie die Kunde von El Dorado und Cibola, in den Bereich der Legende. Dort ruhte sie über die Jahrhunderte, bis im 19. Jhdt. in der ganzen Welt enthusiastische Amateurarchäologen den Sagen der Völker zur geschichtlichen Beglaubigung verhalfen: Schliemann entdeckte Mykene und Troja, Evans grub das Labyrinth von Knossos aus, und Stephens und Catherwoods Reisen durch die Dschungel Mittelamerikas führten zur Wiederentdeckung der Maya-Welt.

Auch in den Kernräumen des alten Inkareiches begannen europäische und amerikanische Hobbyhistoriker mit widerwilliger Duldung der peruanischen Behörden ihre Streifzüge auf den Spuren der „oral history“. Der Franzose Wiener dringt 1875 bis zu den Ruinen von Ollantatambo im Urubamba- Tal vor, wo er von Einheimischen detaillierte Hinweise auf weitere Ruinen bei“Huaina Pichu“ und “Matcho Pichu“ erhält. Wiener selbst gelingt es unter unsäglichen Mühen bis in die Nähe des heutigen Machu Pichu vorzudringen, doch da sich das Urubamba- Tal hinter Ollantatambo zu einer unwegsamen Schlucht verengt und sich die Überquerung der Berge mit einem vertretbaren Aufwand als unmöglich erwies, gab er die Suche schließlich auf.

Schon 16 Jahre später erschien eine neue Expedition im Urubamba- Tal, doch Ihre Aufgabe bestand nicht in der archäologischen Forschung sondern in der Etablierung eines Maultierpfades durch die Urubamba-Schlucht, um die landwirtschaftlichen Erzeugnisse der expandierenden Selva-Region um Quillabamba schneller nach Cusco bringen zu können. Es war dieser Maultierpfad, der es dem 36jährigen Amerikaner Hiram Bingham im Jahre 1911 emöglichte, weiter in den Urubamba-Canyon einzudringen als Wiener. Auch Bingham, eigentlich auf die Erforschung der spanischen Kolonialzeit und der Bolivar-Vita spezialisiert, suchte nach dem sagenhaften Vilcabamba in der wildromantischen Urubamba-Schlucht, fur deren Kennzeichnung ihm bemerkenswerterweise keine treffendere Parallele einfiel als die des „romantischen Rheines“ . Etwa in der Gegend, in der sich heute die pittoreske Eisenbahnstation Aguas Caliente befindet, erhielt Bingham von dem ortsansässigen Maultiertreiber Melchior Arteaga den undeutlichen Hinweis auf ausgedehnte Ruinenfelder auf einem Bergsattel gleich oberhalb des Lagers. Obwohl kaum einer der Expeditionsteilnehmer an die Glaubwürdigkeit des im nach herein berühmt gewordenen Eseltreibers glaubte, machte sich Bingham zusammen mit dem peruanischen Polizisten Fernando Carrasco auf, um in einer beschwerlichen Kletterpartie die beschriebene Stelle selbst in Augenschein zu nehmen. Schon knapp vierhundert Meter oberhalb des Lagers, traf man auf eine Ruine, in der „gutmütige Indios“ die Klettertruppe mit Wasser und der Nachricht begrüßten, nur wenige Minuten Wegstrecke weiter gäbe es noch mehr zu sehen. Bingham berichtet“Plötzlich befanden wir uns inmitten eines von Dschungel bedeckten Gewirrs aus kleinen und großen Mauern, den   Ruinen aus Blöcken weißen Granits errichteter Gebäude, die mit größter Sorgfalt behauen und ohne Bindemittel wunderbar aneinandergepasst waren. Eine Überraschung folgte der anderen, bis uns klar wurde, dass wir uns inmitten von Ruinen befanden, wie sie großartiger kaum je in Peru gefunden worden waren. Es schien fast unglaublich, dass diese nur funf Tagesreisen von Cusco entfernte Stadt so lange unbeschrieben und so verhältnis mäßig unbekannt geblieben sein sollte.

Die Entdeckung Machu Pichus machte Bingham weltberühmt, auch wenn nahezu alle seine Mutmaßungen über die Geschichte des Ortes wie seine Funktionskennzeichnungen einzelner Überreste von der späteren Forschung als falsch erwiesen wurden. Es gab kein Gold in Machu Pichu, und das sagenhafte Vilcabamba entdeckte man an einer anderen Stelle- übrigens auch ohne die erwarteten Schätze. Die versunkene Stadt, die ihren Namen nach dem Berg Machu Pichu erhielt und die in einer solch einzigartigen Zage zwischen Himmel und Erde liegt, war weder die erste noch die letzte Hauptstadt des Inkareiches, vielleicht ein abgelegenes kultisches Zentrum aus dem 15. Jhdt, dessen Kenntnis schon während der Blütezeit des Inkareiches verloren gegangen zu sein scheint, ein nicht mehr aufklärbares Rätsel, das den Reiz dieser Stätte nur noch erhöht.

Wie die tropischen Ruinen in aller Welt war aber auch Machu Pichu zunächst nichts mehr als ein vom Dschungel völlig überwachsenes Gesteinsfeld, bis amerikanische Expeditionen und schließlich immer verstärkter auch die peruanische Administration für eine sorgfältige Freilegung des Geländes sorgten. Außerdem wurde bald klar, dass ein solch imposanter Komplex, selbst wenn er nur eine relativ kurze geschichtliche Zeit bewohnt war, nicht völlig isoliert inmitten unzugänglicher Berge gelegen haben könnte. Schon im Jahre 1915 entdeckte Bingham während einer zweiten Expedition durch das Urubamba- Tal die Überreste einer alten Königsstraße, die an der Einmündung des Cusicacha in den Urubamba scheinbar von Machu Pichu weg in die Berge fuhrt. Es bedurfte nur wenig Mühe, um unter dem Gras- und Pflanzenbewuchs, eine jener typischen Inkastraßen zu entdecken, die dereinst auf einer Gesamtlänge von vielen tausend Kilometern nahezu den gesamten Andenraum vom südlichen Kolumbien bis ins nördliche Chile erschlossen. Auch wenn der staunenswerte Umfang dieses Straßennetzes der Nachwelt die verdiente Achtung abnötigt, greift die oft gezogene Parallele zum römischen Straßenbau zu hoch: die Inka-Straßen unterlagen bei weitem nicht der Belastung der römischen Verkehrswege, es genügte deswegen oft ein nur ein bis zwei Meter breiter grob gepflasterter Pfad, der – da der Gebrauch des Rades zum Zwecke des Gütertransportes im Inkareich unbekannt war – bei Steigerungen einfach in eine Treppe überging.

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Als Bingham die alte Königsstraße entlang des Cusicacha-Rivers freilegen ließ, war es bis zu seiner völligen Wiederherstellung noch ein langer Weg. Erst eine zweite Expedition, die sogenannte Viking-Expedition unter der Leitung von Paul Fejos, drang 1941 über den gesamten, ca. 40 km langen Pfad in das inzwischen freigelegte Machu Pichu vor. Längst war der direkte Zugang durch die Urubamba-Schlucht durch den Bau der Eisenbahn zwischen Cusco und Quillabamba erschlossen, und um einer zielsicher ins Auge gefassten späteren touristischen Nachtrage Genüge zu tun, entstand schon 1948 in Anwesenheit des inzwischen 73jährigen Bingham eine 12 km lange Serpentinenstraße von der Bahnstation im Tal bis zum Sattelberg von Machu Pichu, die sogenannte Bingham­ Road, mit der man in einem Akt unverständlicher Naturbarbarei einen Großteil der einzigartigen Bergkulisse verunzierte.

Insgesamt bedeutete die Wiederentdeckung der Inka-Straße nach Machu Pichu die Freilegung eines der schönsten Wanderwege der Erde mit einem kaum noch übertreffbaren Gleichklang von Natur und Geschichte. Schon vor der Einrichtung des Machu Pichu-Nationalparks im Jahre 1968 waren Weltenbummler nauf eigene Faust die ehrwürdige Straße entlanggepilgert, und nachdem die Natationalparkverwaltung für einige Campingplätze und Abfallgruben und Wasserstellen Sorge tragen ließ, wurde die Absolvierung des sogenannten „Inka­Trails“ mit dem abschießenden Finale in der versunkenen Stadt zum Höhepunkt jeder Südamerika-­Reise.

Als hätte man dieses Erlebnis auch heute noch mit einem tiefen Einblick in die Alltagskultur der Indios koppeln wollen, gibt es tatsächlich keinen anderen anderen zum Ausgangspunkt des Inka- Trails als die Frequentierung des oben beschriebenen eindrucksstarken Nahverkehrszuges. Nach einer vierstündigen Fahrt, während derer auch der gutwillige Tourist mehr über das Nord-Süd­Gefälle lernen kann als in jedem „Drite-Welt-Workshop“, stoppt der Zug am Kilometerstein 88, genau an jener Stelle, an der Bingham im Jahre 1915 den Beginn des Königsweges nach Machu Pichu entdeckte. Nur wenige Minuten bleiben den Rucksacktrailern, um über Gepäck und Menschenberge das Freie zu erreichen, dann entschwindet der Zug hinter der nächsten Biegung der Urubamba­ Schlucht. Die internationale Traveller-Gemeinde, die an der Hängebrücke über den Urubamba die Eintrittskarten für den Machu-Pichu-Nationalpark löst, besteht aus Westeuropäern und Nordamerikanern, und obgleich einige von ihnen interessant von ihren Nepal- und Kashmir­ Erfahrungen zu erzählen wissen, mag doch keiner die umfangreiche Ausrüstung, die für den mehrtägigen Treck erforderlich ist, selbst tragen. Um zu verhindern, dass der Natur- und Kulturgenuss unter vorzeitiger Erschlaffung über Gebühr leiden könnte, hat man schon in Cusco junge Burschen angeheuert, die in einer Personalunion von Führer, Koch und Träger für ein  hinreichendes Bequemlichkeitsniveau des Trecks Verantwortlich sind. Doch auch die smarten Guys aus Cusco wissen sich vor allzu schweißtreibendem Einsatz zu schützen. Wie in der internationalen Weltwirtschaftsordnung, in der manche Lasten vom reichen Norden an die Eliten der Entwicklungsländer und von diesen an die duldsame einheimische Bevölkerung weitergegeben werden, stehen bald kräftige Indios am Wegesrand, ihrerseits bereit, für kleines Geld so  unglaubliche Gepäckmengen zu schultern, dass in unseren Breitengraden jedermann den Tierschutzverein benachrichtigen würde, wollte jemand einem einheimischen Esel vergleichbare Lasten aufbürden. Aber das schlechte Gewissen, das den einen oder anderen Trecker beim Anblick  der überlasteten Träger überkommt, verfliegt spätestens, wenn hinter Huayilbamba der schweißtreibende Aufstieg in die Bergwelt beginnt. Mindestens drei Tage ist man unterwegs, atmet die dünne Hochandenluft, schläft in eisigen Nächten in der Nähe des Schnees, wandert aus einer Höhe von ca. 2.000m über drei Pässe, von denen sich zwei in einer Höhe von gut 4.000m befinden, passiert, Bergseen und Inka-­Terassen, sieht den tropischen Regenwald in den Tiefen, lagert an  Wasserfällen und in Naturtunnels und betrachtet aus der Ferne die schneebedeckten Veronika (5.750m), Pumasilla (ca 6.000m) und Salcantray (6.270m). Wie in einer perfekten Dramaturgie fuhrt der Inkapfad zu insgesamt funf Ruinenstätten, jede noch eine Spur eindrucksvoller als die vorhergehende, immer in Richtung auf das Finale von Machu Pichu.

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Llactapata liegt bereits im Umkreis des Cusicacha- Tales, vom Vieh beweidet, mit vereinzelten Gemäuerresten, in denen die typischen Trapezfenster die Hand der Inkas verraten. Halbverfallene Terrassenhänge umgeben die Ruinen, teilweise vom Unkraut bewuchert zu einem kleineren Teil aber auch noch von wenigen ansässigen Indios zum landwirtschaftlichen Anbau genutzt.

Runcuracay liegt schon auf einer Höhe von 3.800m und dient heute als Raststation für die erschöpften Trecker, die während des zweiten Tages gerade einen 4.200m-Paß hinter sich gelassen haben und nach einem steilen und zermürbenden Abstieg in das Tal des Pacamayo-River der zweiten Paß in Höhe von 4.000m entgegensteigen. Auch Runcuracay, ein Komplex von zwei, für die Inka-Architektur untypischen Rundbauten, wurde von Bingham entdeckt – wahrscheinlich handelte es sich bei dieser Anlage im eine Versorgungs- und Depotstation, Zugleich aber auch um einen ideal plazierten Beobachtungs-Posten über das gesamte Pacamayo- Tal, das nach Norden hin einen schluchtartigen Anschluß an den Urubamba-Canyon besitzt.

Hinter dem zweiten Paß und schon in Sichtweite des Aufstiegs zum dritten Paß in Höhe von 3. 600m liegt die malerische Festung Sayacmarca- eindeutig auf Verteidigung berechnet, weil hinsichtlich der Bodenbeschaffenheit und der Wasserversorgung die gegenüberliegende und flachere Bergseite hätte vorgezogen werden können. Grün bewachsen sind die mehrstöckigen Gemäuer von Sayacmarca, ein Stück Geschichte auf dem Rückweg in die Natur, heute nur mehr ein optisches Juwel, ein an den Felsen geschmiedeter Rest Kultur, der der Natur zur Zierde geworden ist.

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In der Abenddämmerung des zweiten Tages überqueren die Trecker den letzten Paß und vor ihnen liegt Puyupatamarca, eine Terrassen- und Tempelanlage in dreieinhalbtausend Meter Höhe. In Puyupatamarca, dessen Stufenarchitelctur fast an mittelamerikanische Sonnenpyramiden erinnert, wurden wahrscheinlich jene landwirtschaftlichen Erzeugnisse angebaut, die unter anderem auch die Versorgung der Festung Sayacamarca sicherstellten. Die von den Höhen der Berge herabfließenden Gebirgsbäche wurden schon zu Inka-Zeiten in ummauerten Steinkabinen gesammelt, heute wie damals ist der Wasserlauf durch sinnreiche Blattkonstruktionen Du einem gut konturierten Wasser- Strahl gebündelt. Huinay Huayna, bereits von Puyupatamarca mit dem Fernglas zu erkennen, liegt inmitten einer grandiosen Naturszenerie. Erinnern die Bäder von Puyupatamarca an manche Bäder in Bali und Java, stellen sich inmitten der Terrassen von Huinay Huayna Assoziationen zu den großartigen Reisterrassenlandschaften von Batad und Banga-an auf den Philippinen ein. Wie vor einem Reisverschluss aus ineinander verschachtelten Bergrücken, den der eisgepanzerte Veronika am Horizont vollendet, fließt tief unten im Tal der Urubamba der Selva entgegen. Am östlichen Ende der amphitheatralisch angeordneten umfangreichen Ackerterrassen befinden sich die Überreste der kleinen Siedlung Huinay Huayna, einst eingehüllt in eine Sphäre der Fruchtbarkeit und nun umgeben von einer zeitlosen Stille. Ähnlich wie die Ruinen von Machu Pichu waren auch die Überreste von Huinay Huayna bei der Ankunft der Viking-Expedition im Jahre 1941 vollkommen von dichtem Pflanzenbewuchs bedeckt, und die Freilegungsarbeiten wurden erst lange nach der Etablierung des Nationalparks abgeschlossen. Huinay Huayna ist zweifellos bis zu diesem Punkt die beeindruckendste Inkaruine, und doch

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wird der Ort doch nur nur von einer Minderheit der Trecker besucht. Die Anlage, die etwas abseits vom Inkapfad liegt, steht kurz vor dem Ende des Trecks ganz im Schatten der Ankunft in Machu Pichu, der die meisten Wanderer schon am dritten des dritten Tages entgegenfiebern. Wenige Kilometer nach Huinay Huayna führt der Inkapfad, der sich bereits an der Bergrückseite des Machu Pichu (=Alter Berg) entlang windet, über eine steile Treppe zum ehemaligen Eingangstor in den erweiterten Bezirk der verlorenen Stadt: man tritt durch das Sonnentor von Interpunkti und erkennt sofort den weltbekannten Umriss des Huayna Pichu (=Junger Berg) und dessen Füßen in der Feme die berühmten Ruinen.

Der erste Blick ist beeindruckend und beklemmend zugleich. Beeindruckend, weil sich das gesamte Panorama auf einen Blick erschließt: wie der Umriss eines geduckten Jaguars vor den Sprung ragt der Huayna Pichu vor schnurgeraden Terrassen, Häusergiebeln, Tempeln, Wohn- und Prozessionsflächen in den Himmel. Beklemmend, weil dem Gesamtblick von Interpunkti aus auch die Keulenschläge nicht verborgen bleiben, mit der der Mensch an diesem Ort die Natur traktierte, um durch eine abscheuliche Zick-Zackstraße dem Bequemtourismus den bequemen Zugang von der Eisenbahn-Station im Tal zur heiligen Stadt zu ermöglichen. Sieben Kilometer hat man nun noch zu wandern, die Ruinen von Machu Pichu beständig im Blickfeld,im Zuge des Näherkommens verschwindet der Anblick der Bingham Road, und das perfekte Postkartenmotiv der Anlage, von der Wirklichkeit weit übertroffen, prägt sich der Netzhaut ein. Die meisten Wanderer erreichen den engeren Bezirk der Stadt bei den großen Terrassen, die etwas oberhalb der eigentlichen Stadtanlage liegen, setzen sich auf einen der zahlreichen Findlinge und lassen die Einmaligkeit des Bildes auf sich wirken.  Alles an diesem Ort erscheint notwendig, vollkommen, unkontingent: die Winkel der Gebäude, die Größe der Plätze, die Umrisse der Berge, die Schatten, die Wolken, die Schlucht. Die Einzelelemente der Stadt, die Akropolis von Machu Pichu, der große Placa Principal, die Bäder, die Sakristei, das Viertel der Handwerker, das Haus der Prinzessin verbinden sich zu einem Gesamtbild stimmiger Harmonie.

c21 Im Angesicht der Vollkommenheit aber bleibt das Rätsel dieser Stadt. Warum diese schönste aller Indianerstädte in den abgelegenen Tiefen der Urubamba-Kordilleren erbaut wurde, wird man nie erfahren. Warum sie schon zu Zeiten Atahualpas und Huascars noch vor der Ankunft der Spanier vergessen war, kann man nur vermuten. Vielleicht ging einmal von Machu Pichu eine Sezession aus, ein Aufstand, nach dem die Kunde von der abtrünnigen Stadt aus der mündlichen Überlieferung verschwand, vielleicht handelte es sich nur um eine Erholungsresidenz des Großinkas Pachacutecs, eine Art Fatehpur Sikri auf peruanisch, aufgegeben wie dieses nach dem Tode des Herrschers, eine Kontrollstation für die Handelsbeziehungen zwischen Sierra und Selva, ein geheimes astronomisches oder esoterisches Zentrum?

Wahrscheinlich sind es nicht zuletzt diese unlösbaren Rätsel, die wie dichte Schleier den Ursprung der Stadt verhüllen, die dem Ort einen mythischen, fast außer-geschichtlichen Charakter bewahren. Das Geheimnis umgibt die Schönheit der Stadt wie ein Hof, und inmitten der Stille, die gleich einer immerwährenden Naturandacht über den Urubamba-Kordilleren schwebt, liegt Machu Pichu, der steingewordene Archetypus der Legende.

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