Die hundert Augen des Lokeshvara

Über Land und See zu den Ruinen von Angkor

Angkor Wat

Am Anfang war der See kein See, sondern eine weitgeschwungene Bucht des Südchinesischen Meeres. Dann hob und senkte sich im Rhythmus der Jahrmillionen das junge südostasiatische Land, das Wasserbecken wurde vom Meer getrennt, und zurück blieb der Tonle-Sap-See, das größte und fischreichste Binnengewässer Südostasiens. Fast wie ein schlagendes Herz von ungeheuren Ausmaßen dehnt er sich aus und zieht sich zusammen im Wechsel der Jahreszeiten. Er vergrößert sich während der Regenzeit, durch die Fluten des Mekong gespeist, auf ein Mehrfaches seines Umfanges, um in der Trockenzeit wieder auf sein normales Maß zu schrumpfen. So bringt dieses pulsierende geographische Zentrum Indochinas doppelten Segen über die Völker: Durch seine natürliche Funktion als Rückstaubecken erspart er den Bewohnern des Mekong-Deltas in Vietnam die regelmäßigen Überschwemmungen, für die die anderen großen asiatischen Ströme so berüchtigt sind, und nach dem Abfluss der Wassermassen in der Trockenzeit bleibt im Umkreis des Sees ein paradiesischer Garten der Fruchtbarkeit zurück.

Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass dieses geographisch so begünstigte kambodschanische Becken zum Nährboden einer der faszinierendsten Hochkulturen Asiens wurde. Die zierlichen und dunkelhäutigen Vorfahren der heutigen Kambodschaner, lange vor Burmesen, Vietnamesen oder Thais bereits in Südostasien ansässig und über Jahrhunderte hinweg Vasallen des sagenhaften Seefahrerreiches von Funan, schlossen sich am Ende des achten Jahrhunderts zum ersten Staat der Khmer zusammen, regiert von absolutistischen Herrschern, die ihr Regiment mit den Vorstellungen des hinduistischen Gottkönigtums legitimieren.

Als ein Geschenk Schiwas mit der üppigen Fruchtbarkeit der Felder und dem immensen Fischreichtum des Tonle-Sap-Sees betrachteten die Khmer die gesegnete Tiefebene. Zu Hunderttausenden besiedelten sie das Land, bauten Straßen, Städte und Bewässerungstanks, brachten über das Jahr drei Ernten in die Scheune und schufen mit ihrem Reichtum die glanzvollsten Tempelanlagen Asiens. Zwischen dem neunten und dreizehnten Jahrhundert herrschten die Gottkönige von Angkor über Millionen Untertanen im heutigen Burma, Thailand und Vietnam. Die neuerrichtete Hauptstadt Angkor Thom gehörte zu den prächtigsten Kapitalen der Zeit.

Als hätten die Götter das kleine und begabte Volk der Khmer für diese immense weltgeschichtliche Glanzstunde strafen wollen, folgte der imperialen Epoche eine Aneinanderreihung geschichtlicher Katastrophen: Die aus Yünnan in immer neuen Wellen einwandernden Thai zerstörten Angkor, die Vietnamesen annektierten das Delta des Mekong, die Franzosen gliederten das Land kurzerhand in ihr indochinesisches Kolonialreich ein, bis im zwanzigsten Jahrhundert der Steinzeitkommunismus der Roten Khmer das Volk an den Rand seiner physischen Vernichtung führte. Über die Paläste von Angkor wucherte der Dschungel, und an den Ufern des Tonle-Sap-Sees versteckten die Roten Khmer ihre Minen.

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