Der Tod im Torajaland

Tau Tau bewachen die Reise nach Puya 4 (19)

Eine Orchidee an einem Stengel, die inmitten des indonesischen Archipels traurig den Kopf hängen läßt- das ist der merkwürdige geographische Umriß der Insel Sulawesi. Wie von einer Laune der Natur gebildet, ragen vier Halbinseln aus einem schmalen Zentrum weit in die See hinaus, bilden Buchten, Kaps und riesige Golffigurationen, deren Küstenlänge den Gesamtumfang der Insel weit übertriff.

Vielgestaltig wie der Umriss der Insel sind auch die Rassen, Kulturen und Religionen. Die Vorfahren der heutigen Malaien landeten in mehreren Invasionswellen auf der fruchtbaren Insel zwischen Borneo und Neuguinea, erst die Torajas, die die dunkelhäutigen Ureinwohner überlagerten, dann die Makassaren und Buginesen, die ihrerseits die Torajas ins Innere des Landes abdrängten. In der unmittelbaren Nachbarschaft der Gewürzinseln gelegen, zogen die Küstenstädte bald Händler aus China, Indien und Java an, auch arabische Kaufleute gründeten Faktoreien im Süden der Insel und brachten den Islam nach Sulawesi. Die Portugiesen waren im 16. Jhdt. die ersten Europäer, die die indonesische Inselwelt durchkreuzten – wenig erbaut von den Riffen, Stürmen und Seeräubern, die sie hier antrafen, gaben sie der Insel den Namen „Punta del Celebres“ (Ort der Gefährlichen) . Auch wenn die Portugiesen bald den Holländern weichen mussten, behielt die Insel den wenig schmeichelhaften Namen Celebes, bis sie nach der indonesischen Unabhängigkeit in Sulawesi umgetauft wurde.

Das Eingangstor zum heutigen Sulawesi ist Ujung Padang im äußersten Südwesten der Insel, den Lesern von Joseph Conrad und Somerset Maugham besser bekannt als das Piratennest Makassar, in dem die holländischen Händler malariakrank dem Ende ihrer Tage entgegendämmerten oder sich in leidenschaftliche Liebschaften mit einheimischen Schönheiten verloren. Die Frauen Ujung Padang/Makassars sind auch heute noch erfreulich anzusehen, und die Romantik verflossener Zeiten hat trotz der zügellosen Bauwellen der letzten Generation in den Winkeln der Millionenstadt hier und da noch überlebt. Im Segelhafen Paotare liegen die buginesischen Segler noch ebenso so vor Anker wie seit Hunderten von Jahren. Im Schweiße ihres Angesichts rackern die Seeleute hier wie dereinst in den Häfen von London oder Lissabon, setzen die Segel, erneuern die Takelage oder hieven mit purer Muskelkraft gewaltige Ballen über schmale Rampen auf die Schiffe. Barfüßige Kinder turnen auf dem Frachtgut herum, Wrackreste lugen als vermodertes Holz aus dem Hafenbecken.

Ungute Erinnerungen an die Kolonialzeit sind mit dem Fort Rotterdam verbunden, einer von den Portugiesen begonnenen und den Holländern vollendeten wuchtigen Befestigungsanlage im Zentrum der Stadt. Hinter meterdicken Mauern, auf denen die alten Kanonen rosten, befinden sich weiße Wohn- und Vorratshäuser im holländischen Stil, darunter auch das Gefängnis des indonesischen Nationalhelden Diponegoro, den die Holländer in 19.Jhdt. nach einem gescheiterten Aufstandsversuch in Java 26 Jahre lang bis zu seinem Tode im Kerker verrotten ließen.

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Ihr schönstes Gesicht zeigt die alte Stadt Ujung Padang/Makassar beim Einbruch der Dämmerung. Allabendlich sinkt ein messerscharf konturierter Sonnenball dem Horizont entgegen und verschwindet schließlich hinter den kleinen Inseln der Bucht, blutrot wölbt sich der Himmel für einige Minuten über der Stadt, bis es schlagartig dunkel wird. An der Uferstraße schlägt nun die Stunde der Garküchen, zu Hunderten sitzen die Einheimischen auf den Hafenmauern und nehmen ihr Nasi Goreng zur Nacht.

Für die meisten Besucher Sulawesis ist Ujung Padang/Makassar aber nur eine Durchgangsstation der Reise zur eigentlichen Attraktion der Insel: dem Torajaland in Zentralsulawesi. Die in drei Stammesgruppen aufgegliederten Torajas hatten ursprünglich ganz Sulawesi beherrscht, waren dann aber von den nachrückenden Buginesen und Makassaren ins Innere der Insel gedrängt worden. Hier hat die heute nur noch ca. 600.000 Menschen zählende Toraja-Bevölkerung eine der faszinierendsten bäuerlichen Kulturen der Erde bewahrt: die kunstvollen Bambushauskonstruktionen und die fremdartigen Totenfeiern und Begräbnisriten machen das Torajaland mit seiner zauberhaften Landschaft zu einer der touristischen Hauptsehenswürdigkeiten Indonesiens.

Die kleine Stadt Rantepao ist der Mittelpunkt des Torajalandes – mit lebhaften Märkten, auf denen einheimische Früchte wie der schuppige Sellak-Apfel oder die köstliche, aber entsetzlich stinkige Durian-Frucht, und vor allem der schmackhafte Barlock Schnapps verkauft werden. Hier haben die Kinder längst die Zurückhaltung gegenüber der wachsenden Zahl von Besuchern abgelegt. Das bei jeder Gelegenheit herausgeplärrte „Hello Mister! „würde ja noch angehen, wenn bei einer großen Zahl dieser Krähfrösche nicht gleich als nächstes die offene Hand erhoben und ein gebieterisches „Money, Money“ herausgebracht würde.

Mit Kollektivtaxen , Bussen oder mit Lastwagen, die auf ihren Ladeflächen alles befördern, was zwei oder vier Beine hat, kann das Torajaland von Rantepao aus problemlos erkundet werden. Wir durchfahren eine üppige Kulturlandschaft mit Reis-, Gemüse- und Getreidefeldern vor dem Hintergrund einer wild gezackten und dicht bewachsenen Mittelgebirgslandschaft. Inmitten dieses tropischen Garten liegen die klassischen Torajadörfer Nanggala, Singtu, Palawa, Marante, sie sind schon von weitem an den ungewöhnlichen Satteldachkontruktionen der Häuser zu erkennen: wie eine auslaufbereite Flotte in einem Meer von Laub- und Palmenblättern.

Unwillkürlich hält der Besucher den Atem an, wenn er zum erstenma1 eine solche Siedlung betritt und links und rechts der Hauptstraße die Wohnhäuser und Reisspeicher betrachtet: wie große, auf Kiel gelegte Schiffe, die nach langen Seereisen eine rätselhafte Wandlung zum Wohnhaus durchgemacht haben, wie eine für immer vor Anker liegende Armada, mit einem Flaggschiff, dem Tongkonan – dem prächtigsten Haus des Dorfes – so wirken die Häuser im Torajaland. Die wannenförmig aus mehreren Bambuslagen gestalteten Dächer sind ohne die Verwendung eines einzigen Nagels als Stützbalkenkonstruktionen befestigt. An der Stirn- und Straßenseite wird der schräg vorstehende Giebel, der meist noch über einen geräumigen Balkon verfugt, durch einen großen Stützbalken ausbalanciert. Je nach dem sozialen Rang des Hauseigentümers sind an diesem Stützbalken Dutzende von Büffelhörnern befestigt, und auch die reichhaltigen ornamentalen Verzierungen an den Außenwänden lassen Rückschlüsse auf den Status des Hausherrn zu.

Wanderer, die zu Fuß in der Umgebung von Rantepao die Gegend erkunden, bekommen mancherlei zu  sehen: sie können den Dorfbarbier bei seiner Freiluftarbeit betrachten, die Hühner oder Schweine auf der Flucht vor dem Dorfhund oder die Frauen bei ihrer monatelangen Arbeit an den kostbaren lkat-Decken. Zu einem wahren Festplatz der Ethnologie aber wird der Sitz unter dem Reisspeicher bei einer Toraja-Hochzeit: die Brautleute sitzen auf Bambusstühlen unter einem geschmückten Baldachin, auf dessen Giebelseite neuen imposant ausgestopfte Vögel als traditionelle Glücksbringer befestigt sind.  Eine grün uniformierte Toraja-Kombo intoniert ein Bambusflötenkonzert, die zukünftigen Schwäger transportieren mit Bambustragestangen das dampfende Essen in großen Kübeln auf den Festplatz. Der Barlockschnaps wird aus langen Bambusrohren getrunken, Fleisch und Reis werden an jeden Gast verteilt, und auch der Besuch unter dem Bambusspeicher wird nicht vergessen.

Weit mehr noch als das Hochzeitsfest bestimmt der öffentlich gefeierte Tod das gesellschaftliche Leben im Torajaland. Der Tod ist nach dem Glauben der nur oberflächlich christianisierten Torajas die Voraussetzung fur den Übergang in eine bessere Existenzweise, und die ganze Gemeinschaft begleitet diesen Transfer zwischen den Welten mit opulenten Festlichkeiten. Nach dem Adat, dem Gewohnheitsrecht, sind die Hinterbliebenen dem Verstorbenen dabei zu weit reichenden Dienstleistungen verpflichtet: die Seele des Verstorbenen muss so lange als unruhiger Geist in der unmittelbaren Umgebung des Dorfes herumschweifen, bis ihr durch die Abhaltung der angemessenen Todesfeierlichkeiten die Abreise nach Puya – das Reich der Seligkeit – ermöglicht wird. Je nach der gesellschaftlichen Position des Verstorbenen können sich diese Totenfeiern zu richtigen Volksfesten ausweiten, in deren Verlauf oft Hunderte von Gästen über mehrere Tage hinweg verschwenderisch mit Büffel-, Schweine- und Hühnerfleisch verköstigt werden müssen. Fast jede Woche findet irgendwo im Torajaland eine Totenfeier statt, und der Reisende wird kam umhin können, nicht irgendwo auf eine solche Feier zu stoßen. Allerdings sind diese Feierlichkeiten zunächst mit reichlichem öffentlichem Schlachten verbunden: vor aller Augen durchtrennt man auf dem Hauptplatz des Dorfes den Büffeln die Hauptschlagader, und während die mächtigen Tiere auf dem Dorfplatz langsam verbluten, wird ihr Blut in Bambusröhren gesammelt, um daraus den Totenkuchen zu kochen Nach der Totenklage, deren Länge sich wiederum nach dem sozialen Rang des Verstorbenen bemisst, kommt es zum im doppelten Sinne delikatesten Teil des gesamten Festes. Während des Totenmals muss das Fleisch der geschlachteten Tiere genau so verteilt werden, dass sich die Güte der Stücke und der soziale Rang der Gäste haargenau entsprechen, und eine Fehleinschätzung kann mit einem großen Skandal das gesamte Fest beenden. Die Fleischverteilung bei den Totenfeiern stellt also eine regelmäßig vollzogene öffentliche Statuseinschätzung dar, eine Stunde der Wahrheit und der Enttäuschung, der die gesamte Gemeinschaft von Fest zu Fest entgegenfiebert.

Wenn die statusbezogene Fleischverteilung nach dem allgemeinen Urteil als gelungen zu gelten hat, verändert sich die Stimmung ins Ausgelassene: schließlich versammeln sich alle Männer der Trauer- und Festgemeinde um den in der Platzmitte aufgestellten Sarg, und ein fröhlicher Tanzgesang hebt an, alles lacht und hopst, während eine Art Showmaster vom Balkon des Tongkonans aus seine Scherze über ein Megaphon produziert. Das Ende des Festes bricht an, wenn die stärksten Männer des Dorfes den gold- und silberbeschlagenen Sarg mit großem Geschrei auf einen Lastwagen gehoben haben und der Leichenwagen an der Spitze eines fast endlosen motorisierten Trauerzuges in die Wälder aufbricht.

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Die Orte, an denen die bedeutendsten Mitglieder des Torajalandes bestattet werden, dürften einmalig in der Welt sein. Inmitten dunkler Landschaftsszenerien, am Rande großer Ebenen, in Schluchten oder in der schwindeligen Höhe steil auftagender Felsen begegnet der Wanderer im Torajaland plötzlich den hölzernen, fast lebensgroßen Abbildern der Verstorbenen, den Tau-Tau, die die letzte Ruhe der Toten bewachen. In Lemo und Londa, ganz in der Nähe von Rantepao, befinden sich die beeindruckendsten Grabanlagen: wie die Zuschauer aus einer anderen Welt blicken die Tau-Tau, zu größeren und kleineren Gruppen angeordnet, von ihren Felsbalkonen über das Land. Die Figuren sind fast lebensgroß, mit dicken Farbschichten gegen die Witterung geschützt und nach dem lebenden Vorbild der Verstorbenen gestaltet. Die meisten tragen die bunte Kleidung des Torajalandes, und neben den Balkonen befinden sich die in den Felsen gehauenen Liangs, die Nischen für die eigentlichen Särge. Die Tau Tau haben die Arme wie argumentierend über die Holzbrüstung gelegt, ihre Augen sind grell und leuchtend gehalten, so als wollten die Geistern der Verstorbenen auch alles sehen, was sich im Leben ihrer Nachkommen ereignet.

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