Der See der Legenden

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Wenn der Gott von Tiahuanaco weint, regnet es

Selten schien die Entdeckung eines Schnurrbartes in der Völkerkunde Bahnbrechenderes zu verheißen. Thor Heyerdahl, der mit seiner Crew gut hundert Tage lang auf dem Balsafloß „Kon Tiki“ den Pazifik in westlicher Richtung befahren hatte und damit bewies, daß es zumindest möglich war, mit den schiffbauerischen Mitteln der altperuanischen Kulturen Polynesien zu erreichen, stand bei seinem Besuch in der bolivianischen Ruinenstätte Tiahuanaco dem steinernen Abbild des Schöpfergottes Kon Tiki Viracocha gegenüber. Dort, wo Hunderte nichts gesehen hatten, entdeckte er unter der stilisierten Nase des Göttergesichts nichts Geringeres als die Andeutung eines Schnurrbartes, den zur steinernen Kunst gewordenen Beweis für die Existenz eines in den Mythen der Völker ausdrücklich als Schnurrbartträger gekennzeichneten hellhäutigen Seefahrers, der Heyerdahl zufolge von Tiahuanaco aus sein Volk der untergehenden Sonne und damit den Inseln der Südsee entgegengeführt hatte. Doch seltsame Holzwege geht die Wissenschaft mitunter, denn der Schnurrbart, der es gestattete, eine Brücke zwischen polynesischen und altperuanischen Mythen zu schlagen, die Rätsel der Osterinsel und die scheinbare Rückkehr Viracochas in der furchtbaren Gestalt Francisco Pizarros zu verbinden, entpuppte sich nach eingehender Untersuchung als Nasenschmuck. Die Ruinenstätte Tiahuanaco in der Nähe des Titicacasees gibt dennoch Anlaß zu mancherlei Rätsel, und zu den merkwürdigsten gehört wohl der Umstand, daß viele Besucher die Antworten gleich mitbringen. So auch Erich von Däniken. Nur wenige Sekunden dauert der Kameraschwenk in seinem Filmerstling „Erinnerungen an die Zukunft“, dann erscheint bereits das Götterfries des Sonnentores, und der Zuschauer vernimmt die geheimnisvoll dahingeraunte Botschaft: „Eine undeutbare Gestalt – ist es ein Wesen außerirdischer Herkunft?“ Ohne die Frage am Objekt zu vertiefen, folgt der Hinweis, daß es sich bei den Ruinen von Tiahuanaco um „eine der ältesten geschichtlichen Stätten überhaupt“ handele, eine These, die der Autor mit der heutigen Entfernung der einstmals an den Ufern des Titicacasees gelegenen Kultstätte begründet. „Tatsächlich geht das Wasser des Titicacasees jährlich um drei Millimeter zurück. Wenn also Tiahuanaco jetzt dreißig Kilometer entfernt liegt, wieviel Zeit muß vergangen sein, seitdem die Wasser des Sees die Mauern der Tempel umspülten?“ Eine mittelschwere Dreisatzaufgabe, die eher diffus beantwortet wird: „In geschichtliche Zeiträume ist es nicht einzuordnen.“ Dabei ermittelt der Taschenrechner, etwas respektlos mit den heiligen Daten gefüttert, in Sekundenschnelle das Alter: 9,9 Millionen Jahre. Der Ort also führt uns in eine Zeit zurück, in der es weder Menschen noch einen Titicacasee gab und in der den „Göttern“, die in ihrer Erscheinungsweise als Außerirdische offensichtlich etwas zu früh gelandet waren, nichts anderes übrigblieb, als den Tempel, gleichsam als Gruß an eine spätere Menschheit, selbst zu bauen.
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Auch der indianische Führer, der an diesem Tag durch Tiahuanaco führt, erzählt Geschichten aus uralten Zeiten. Nun haben die Kelten die Mauern des Tempels errichtet, und das sei zwar nicht Jahrmillionen, aber auch schon einige Jahrhunderttausende her. Dankbar nicken die Touristen aus Graz, und würden sie das Trinkgeld nur ein wenig erhöhen, bekämen sie möglicherweise zu hören, daß es vielleicht die alten Österreicher waren, die vor undenklichen Zeiten an dieser Stätte Hand anlegten. Da war der erste Europäer, der nach gesicherter geschichtlicher Überlieferung im Jahre 1540 die Trümmer von Tiahuanaco besuchte, schon etwas vorsichtiger. Cieza de Leon, der unmittelbar nach dem Sturz des Inkareiches seine „Chronica de Peru“ verfaßte und dabei die erste Beschreibung dieses breitflächigen Areals von Mauerresten, Hügeln und umgestürzten Monolithen mit dem merkwürdigen Inka-Namen Tiahuanaco (setz Dich, Huanaco) festhielt, konnte von den Anwohnern schon keine zuverlässige Auskunft mehr über die Erbauer der Anlage erhalten. Ob es sich noch um ein Werk der frühen Inkas handelte oder, wie der älteste ortsansässige Indianer behauptete, um ein Volk „más viejas que los incas“, war dem frühen Chronisten letztlich egal, denn auf jeden Fall bestand Grund zur Dankbarkeit, hatten die unbekannten Erbauer doch für den Bau der Anlagen gewaltige Steinquader auf Balsaflößen über den See herangeschafft und so einen wohlfeilen Steinbruch hinterlassen, aus dem sich die Dörfer der Umgebung, aber auch die Erbauer der nahe gelegenen Metropole La Paz bei Bedarf gerne bedienten. Noch in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts sprengte man die stabileren Steinkonstruktionen des Ruinenfeldes mit Dynamit in die Luft, und nur dem hingebungsvollen Interesse des deutschen Tiahuanaco-Enthusiasten Artur Posnansky ist es zu danken, daß heute im Tiahuanaco-Museum von La Paz Originalansichten der Ruinenstätten zu besichtigen sind. Unbedarfte Besucher, die in unseren Tagen die Ruinen im Rahmen einer Stippvisite von La Paz aus besichtigen, sind bisweilen enttäuscht darüber, wie klein die Ruinen sind – zumindest im Vergleich mit Sacsayhuaman oder Machu Picchu. In Wahrheit aber muß man sich sogar über die relativ exakten Rekonstruktionen wundern. Allein auf der Grundlage gefundener Lavasteinmodelle und der Forschungsergebnisse der altperuanischen Tempelarchäologie wurde die gesamte, etwa zirka 450 000 Quadratmeter große Kultstätte in aufopferungsvoller Kleinarbeit so weit wieder hergestellt, daß die Grundrisse der ursprünglichen Anlage erkennbar werden: der pyramidenförmige Apakana-Hügel mit seinen Tempelresten und dem ausgetrockneten künstlichen See, der große, ummauerte Kalasasaya-Komplex mit dem vorgelagerten, halb versenkten Osttempel und die Reste der sogenannten Hafenanlage von Puma Puncu. Auf der fast 18 000 Quadratmeter großen, von riesigen Mauern umzogenen Kalasasaya-Tempelfläche befindet sich einer der herausragenden archäologischen Überreste Altamerikas: das aus einem einzigen Andesitstein herausgeschlagene 3,75 mal drei Meter große und etwa acht Tonnen schwere Sonnentor von Tiahuanaco mit dem Fries des „weinenden Gottes“. Gegenüber dem düsteren vorkolumbianischen Pantheon, all der Schlangen-, Panther- und Vogelwesen, die als Quellen der Furcht und Adressaten von Menschenopfern über ihre Völker ein strenges Regiment zu führen schienen, wirkt der weinende Gott von Tiahuanaco seltsam vermenschlicht, und doch haben die „Tränen“, die dem Auge des Gottes entströmen, nichts mit Sentimentalität zu tun: Es handelt sich vielmehr um die symbolische Darstellung des Regens, unter dessen Ausbleiben die altperuanischen Völker in der Tiahuanaco-Periode wahrscheinlich in besonderer Weise hatten leiden müssen. Das erste nachchristliche Jahrtausend war in den Anden eine Epoche der Dürre, die einen Gott erzeugte, in dessen Händen Blitz und Donner liegen und dem das Wasser aus seinen Augen auf die dürstende Erde läuft. Die Hoffnung, die diesem Gottesbild zugrunde lag, verbreitete sich mit der variierten Darstellung des Gottes von Tiahuanaco über den gesamten Andenraum. Auf Textilien, Keramikflächen, Tempelwänden beschworen die Menschen unter der lebensverzehrenden Glut der Hochandensonne die Gnade des wasserspendenden Gottes. Ebensowenig wie der Kultort des mexikanischen Quetzalcoatl, das noch gewaltigere Teotihuacan in Mittelamerika, war Tiahuanaco die Hauptstadt eines imperial organisierten Gebildes oder auch nur eine dicht besiedelte altperuanische Hauptstadt. Am besten ist Tiahuanaco in seiner Blütezeit zwischen dem vierten und zehnten Jahrhundert nach Christus nach dem Vorbild Delphis oder Mekkas zu begreifen, als amphiktioner Mittelpunkt einer weitgespannten Kulturgemeinschaft der Andenvölker vor den Inkas.
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Sowenig Genaues sich über die Ursprünge und die Gründer Tiahuanacos herausfinden läßt, so wenig weiß man über den Untergang dieser Kultur. Etwa um die Jahrtausendwende verschwinden die charakteristischen Stilelemente, die Tempelanlagen werden verlassen, und im Laufe der Jahrhunderte wird der Ort zur Geisterstadt. Ob die Stadt im Zuge größerer Völkerverschiebungen im südperuanischen Andenraum zerstört wurde, ob sich der Kult überlebte, ob die Bewohner Tiahuanacos wie die Mayas im südlichen Guatemala auswanderten und sich mit anderen Völkern vermischten, läßt sich nicht mehr ermitteln. Der geschichtliche Widerschein Tiahuanacos bleibt im Verschwinden nicht minder diffus wie während seiner Existenz, und es ist nicht zuletzt dieses nicht mehr aufzuhellende Dunkel, das den Ort zum Ankerplatz moderner Märchenerzähler hat werden lassen. Die Märchen und Legenden der indianischen Völker sind auch nach dem Untergang Tiahuanacos im Umkreis des Titicacasees verblieben.
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Gläsern und unwirklich gleißt das Licht über Wasser und Bergen, und die Konturen und Winkel, von überscharfen Schatten flankiert, treten hervor wie die Grenzscheiden imaginärer Welten. Nirgendwo sonst auf der Erde schimmert das Wasser in dieser Tönung von tiefblauem Samt. Die lehmbraune Puna verändert ihr Bild unter dem Licht der Hochandensonne zu einem Mosaikteppich aus safrangelben Tönen. Wie auf die Ränder eines Zauberlandes blickt der Reisende zu den schneeglänzenden Gipfeln der Königskordilleren auf der Nordseite des Sees, hinter denen in den Tiefen des Dschungels die Welt in einem dampfenden Chaos versinkt. Auf diesem hochgelegenen Tablett des Lebens erschuf nach der Mythologie der Inkas der Schöpfergott Viracocha Sonne, Mond und Menschen. Wie an vielen heiligen Schöpfungsstätten der Menschheit gibt es die Fußspuren der Götter zu sehen, die über die Erde wandelten, als sie noch jung war. Garcilaso de la Vega, der inkastämmige Adelige, der in seiner „Historica general de Peru“ im sechzehnten Jahrhundert die Geschichte seines Volkes aufzeichnete, berichtet, wie die Kinder der Sonne auf der Sonneninsel im Titicacasee ihren Weg in die Welt begannen: „Der Sonnengott Intis schickte seine beiden Kinder, das Geschwisterpaar Manco Capac und Mam Ocllo, zur Erde hinab, damit sie die Welt verbessern sollten. Auf der Sonneninsel im Titicacasee erreichten sie die Erde, von hier aus traten sie die Reise zu den Menschen an. Der Sonnengott gab ihnen einen goldenen Stab mit auf den Weg, und überall, wo sie sich zum Schlafen oder Essen niederließen, sollten sie versuchen, den Stab in die Erde zu stoßen. Lange Zeit wanderten sie umher, und jeden Abend versuchten sie vergeblich, den Stab in die Erde zu versenken. Endlich gelang es ihnen, ihn so tief in den Boden zu stoßen, daß er versank. Hier gründeten sie die Stadt Cusco. Von den Eingeborenen wurde das Geschwisterpaar aufs höchste verehrt, Manco Capac aber machten sie zu ihrem Herrn und Fürsten. Er war der erste Inka.“ Die Sonneninsel liegt keine einhundert Kilometer von Tiahuanaco entfernt. Während die Ruinen der alten Tempelanlage längst verfallen sind, wird die Sonneninsel zu einer Art Schöpfungsort und Bethlehem für die indianische Welt. Wenn man Garcilaso de la Vega glauben darf, haben die Inkas, die im fünfzehnten Jahrhundert ihr gewaltiges Andenreich begründeten, ihren Ursprung niemals vergessen. Inka Tupac Yupanqui, der Großvater des unglücklichen Athahualpa, ließ auf der Sonneninsel einen Palast errichten, dessen kümmerliche Überreste heute vollständig hinter dem Anblick zurücktreten, den der Besucher von den Ruinen aus genießt. In majestätischer Kargheit ragen die Inseln und Felsen aus dem tiefblauen Gewässer, und am hellichten Tage steht der Mond senkrecht über der kleinen Nachbarinsel, die deswegen auch den Namen Mondinsel erhielt. Wie endgültig erscheint die Welt von diesem Platz aus: Horizont, Bergketten, Sonne und Mond im rechten Winkelstand zu den nach ihnen benannten Inseln, das Ursprungsmuster eines Reiches, das für die Ewigkeit gegründet schien und doch unter den Schlägen raffgieriger Abenteurer zugrunde ging. Verschwunden sind die gold- und silberbeschlagenen Felsabhänge, auf denen die Herrscherfamilie des Inka ganz allein ihrer himmlischen Ursprünge gedenken konnte. Verfallen sind die wenigen Gebäude, die es heute noch auf der Insel zu besichtigen gibt. Und auf dem sogenannten „Tisch des Inka“, einem flachen Felsstein im Süden der Sonneninsel, essen heute die Besucher ihre Mandarinen. In der Nähe der Sonneninsel, deren ursprünglicher Name „Titicaca“ (Fels des Pumas) schließlich zum Namen des Sees geworden ist, teilt die Halbinsel Tiquina das Binnenmeer in zwei ungleiche Teile, den Chucuito und den kleineren Winaymarca. Im Umfeld dieser verwirrenden Uferlandschaft mit Buchten, Landzungen und Hügeln entstanden die kolonialspanischen Städte Puno, Juli, Pomata – und im Zeichen eines missionierenden Katholizismus erwuchs in der Wallfahrtsstätte von Copacabana nach Tiahuanaco und der Sonneninsel der dritte große Legendenkreis des Titicacasees. Der Katholizismus hat selten, vielleicht nirgendwo in der Welt die alten Kulturstätten der von ihm bekehrten und assimilierten Völker einfach vernichtet, sondern verdankt seine Assimilationskraft auch der Fähigkeit, sich oft mitten in den Zentren alter Heiligtümer niederzulassen. Die Basilika von Guadeloupe in einem Vorort von Mexiko-Stadt, innerhalb derer der Begegnung der Jungfrau Maria mit einem jungen Indio gedacht wird, steht genau auf dem Kultplatz der alten Aztekengöttin Teteo-Inan, und im Umkreis der Halbinsel Tiquina, in Sichtweite der Sonneninsel, befindet sich heute das berühmteste Pilgerziel der indianisch-katholischen Kultur in Südamerika: die Skulptur der schwarzen Madonna von Copacabana.
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Copacabana bedeutet in der Aymarasprache nichts anderes als Aussichtsfelsen, und zwischen solchen Hügeln hat sich unweit der peruanisch-bolivianischen Grenze der kleine Ort im Schatten seiner berühmten Reliquie entwickelt. Die Geschichte der Schwarzen Madonna führt zurück in die Anfangsgenerationen der spanischen Kolonisation. Der inkastämmige und in der katholischen Mission ausgebildete Tito Yupanqui schnitzte nach zwei vergeblichen Anläufen eine etwa ein Meter große Skulptur der Jungfrau Maria. Erst mit Hilfe aus höheren Welten soll es ihm gelungen sein, eine vollständig versilberte Gestalt zu schaffen. Im Jahr 1583 hat man sie in einer feierlichen Prozession von Balsaflößen über den See nach Copacabana gebracht. Aus einer Kapelle für die Jungfrau von Copacabana erwuchs die heute etwas überdimensioniert wirkende weiße Augustiner-Kathedrale, die wie ein riesiges Kreuz das Zentrum des kleinen Ortes beherrscht. Wie überall in der Welt, wo das vorgebliche Wunder der Hoffnung eine neue Heimat schafft, ist der Ruf der mildtätigen Jungfrau über die Jahrhunderte hinweg stetig gewachsen. Der Wunsch nach einem gesunden Vicuña, einem Auto, einer Ehe, einem ersten, zweiten, dritten Kind, dem Gelingen der Geschäfte, Gesundheit, eines langen Lebens für sich selbst und Siechtum für die persönlichen Feinde – es gibt wahrscheinlich nichts, was im Gebet von den Indios nicht an die immer gleichmütig lächelnde Madonna herangetragen worden ist. Gleicht der Ansturm der Sehnsüchte und Wünsche vor dem Altar der Jungfrau einer nie versiegenden Brandung, so gibt es doch auch einmal im Jahr die große Pilgerflut. Zwischen dem 4. und 8. August treffen sich die Mühseligen und Beladenen, die Frommen und die Fanatischen, aber auch Marketender, Händler und Taschendiebe aus dem ganzen Andenraum, um am Ufer des Titicacasees das Fest der Krönung der Jungfrau von Copacabana zu feiern. Die Pilger kommen aus Ecuador, Kolumbien, Peru, Chile und aus dem eigenen Land. Sie erscheinen zu Fuß oder zu Pferde, in Bussen, Schiffen und auf Lastwagen zusammengepfercht, in ihren Rucksäcken eine Gabe für die Jungfrau und ihre Zelte, in denen sie während der Feierlichkeiten am Seeufer oder am Fuß des Kalvarienhügels kampieren. Feuerwerke, Prozessionen, Maskentänze und Musikaufführungen vereinigen allabendlich die zigtausend zählende Menschenmenge zu einer einzigen archaischen Körperschaft der Hoffnung, denen der konkrete Kult unter dem ohrenbetäubenden Böllern, Pfeifen und Trommelwirbeln zur reinen Äußerlichkeit wird.
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Für europäische Gemüter ist es verwirrend zu sehen, mit welcher Inbrunst die Indios in diesen Tagen in den Nischen der Kapellen ihre Gebete verrichten und wie sie anschließend den Kalvarienberg heraufwandern, um an seinen dem See zugewandten Abhängen jene alten Opferriten zu zelebrieren, unter deren dünner katholischer Tünche altindianische Glaubensvorstellungen lebendig geblieben sind. Im Angesicht des Sees, mit der Silhouette der Sonneninsel am Horizont, auf der Viracocha die Welt erschuf und die beiden ersten Inkas ihren Weg nach Cusco begannen, haben die Indios winzige Parzellen angelegt, durch Steine begrenzt, teilweise bepflanzt, vor denen sie in Gruppen beieinanderstehen. Sie halten kleine Gipshäuschen in den Händen, in denen sie im Jenseits gerne leben würden, murmeln Gebete und entzünden Räucherstäbchen. Bier aus Plastikbechern macht die Runde, Knallkörper werden gezündet, und fast sieht es so aus, als prosteten die Pilger dem See zu, ehe sie den leeren Becher in die Tiefe werfen. Unterhalb der Parzellenstraßen, in den Nischen und Mulden des abschüssigen Kalvarienberges kampieren Hunderte von Gläubigen. Sie haben kleine Kohlefeuer entzündet, und in Metallbehältern halten sie die Glut über ihren Köpfen der untergehenden Sonne entgegen, ein Ritus aus Rauch und Rausch, der älter sein mag als alle Religion. Während kleine Rauchsäulen über die Köpfe der Indios in den abendlichen Himmel steigen, verändert das schwindende Licht des Tages die Szenerie ins Unwirkliche. Einige Minuten lang glänzt die spiegelglatte Oberfläche des Sees wie eine Seidendecke mit Abermillionen funkelnder Lichter. Dann greift die Dämmerung wie eine schattige Hand über den Himmel. Tiefschwarz verfärbt sich das Wasser, und die Umrisse der Sonneninsel verlieren sich in der anbrechenden Nacht. Einen Augenblick lang, ehe das letzte Licht des Tages verschwindet, mag man das Geheimnis dieses Sees begreifen. Es ist die Schönheit des Ortes, aus dem die Mythen wachsen wie der Mais aus dem Feld.
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