Der große Buddha zähmt den Fluss

Eine Busreise durch die Provinz Szechuan
zur Riesenstatue des Buddhas von Leshan

Der grosse Buddha von Leshan

Voltaire vertrat die Meinung, das Wesen einer fremden Gesellschaft könne man an ihren Gefängnissen erkennen. Ohne ihm aus heutiger Sicht direkt widersprechen zu wollen, kann man hinzufügen: Auch an den Busbahnhöfen fremder Länder kann der Reisende Manches lernen. Schon der erste, flüchtige Blick auf Busse, Kassen, Wartesäle vermittelt einen zuverlässigen Eindruck vom Komfort oder vom Stress, den ein Land für seine Bürger bereit hält.

An diesem Maßstab gemessen, befindet sich das Reich der Mitte noch immer am unteren Ende dieser imaginären Wohlstandsskala. Mit einem Wort: Der chinesische Fernreisebus gleicht eher einer mobilen Folterkammer als einem Transportmittel, und kein Einheimischer würde freiwillig auf die Idee verfallen, ein wenig nach Lust und Laune durch die Gegend zu fahren, um sich auf schlaglochübersäten Pisten die Bandscheibe zu ruinieren oder sich in engen Sitzverschlägen Muskelkrämpfe zuzuziehen.

Schon aus diesem Grunde blicken uns die beiden Beamten auf dem Busbahnhof von Chengdu fassungslos in die Augen. Ohne dass sie ein Wort von dem verstehen, was wir ihnen erzählen, haben sie doch begriffen, dass wir als nach ihren Maßstäben steinreiche Touristen mit ihren rostigen Bussen Chengdu verlassen und durch die Provinz Szechuan reisen wollen. Ohne Koffer und Dolmetscher erwecken wir zudem ihren wohlbegründeten Verdacht, denn noch immer wirken die westlichen Touristen, treten sie nicht in straff geführten Gruppen auf, wie eine Störung der öffentlichen Ordnung.   Schnell sind wir von drei Dutzend neugierigen Chinesen umgeben. Kleine, sehnige Männer im blauen Mao-Kittel, alte Marktfrauen mit pergamentenen Gesichtern, Jugendliche, die in einem westlich gestylten Hongkong-Jackett, aber ohne Strümpfe und in Sandalen auf die Reise gehen, betrachten uns mit großem Interesse, winken andere herbei, die bereitwillig aus den Bussen steigen, um sich die unvermutete Attraktion aus der Nähe anzusehen.   Als wollten sie die Falten unter unseren Augen erkunden oder die Poren unserer Haut studieren, rücken sie hautnah an uns heran, stoßen sich an, zeigen auf unsere Bärte und kichern über unsere langen Nasen.

„Wo, bitte, ist der Bus nach Leshan?“, vorgetragen in den großen europäischen Kultursprachen, kann hier natürlich niemand verstehen, und auch als ich eines unserer vorbereiteten kleinen Kärtchen mit der chinesischen Inschrift „Nach Leshan“ herumreiche, ernten wir nur ein erheitertes Gelächter. Mit spitzen Fingern hält der Bahnhofsvorsteher die kleine Karte in den Händen, fast beleidigt darüber, dass ich ihn mit einem Zettel ohne Lichtbild, gewissermaßen einem Pappwisch behellige, und als ich ihm mit einer Landkarte zu Leibe rücken will, schüttelt er ärgerlich den Kopf.

Wie so oft in China, wenn unsere vorgefertigten Kärtchen versagen, bringt die Sprache der Bilder den Durchbruch. „Aiihhehh, aiiheeehh“, jubelt die Menge, als sie die kolossale Riesenstatue des Leshan-Buddha erkennt. Nach dieser kollektiven Erleuchtung rücken uns die Zuschauer allesamt zu Leibe, drängen, schieben, tragen uns fast zu einem der hinteren Busse, von dem ich zuerst gar nicht glauben mochte, dass er sich überhaupt noch jemals würde bewegen können. Doch er wird uns in einer sechsstündigen Fahrt sicher aus der Millionenstadt Chengdu heraus in die kleine Provinzstadt Leshan transportieren.

Ohne jemals einen Fuß auf chinesischen Boden gesetzt zu haben, hatte Voltaire einst das Reich der Mitte enthusiastisch gepriesen: „Man muß überhaupt nicht auf China versessen sein, um doch anzuerkennen, dass die Einrichtungen ihres Reiches in Wahrheit die vorzüglichsten sind, die die Welt jemals gesehen hat.“ Für die chinesischen Straßen außerhalb der großen Städte wird man dieses Urteil vorsichtig modifizieren dürfen: vorzüglich an ihnen ist eigentlich nur, dass man durch ihre chronischen Überlastungen und die schier unentwirrbaren Staus an jeder Kreuzung genug Muße erhält, die Umgebung genau zu studieren: Ganz China scheint ein einziges Dorf zu sein, und kaum hat der Bus die schwarzen Häuser der einen Siedlung passiert, beginnt schon der nächste Ort, dampfend und geschäftig, einer wie der andere, ein Bild unendlichen Lebens. Schweine werden am Straßenrand geschlachtet, Großväter tragen ihre Enkel in Bambusstühlchen auf ihrem Rücken spazieren, und vor unserem Bus radelt in stoischer Ruhe ein chinesischer Bauer mit fünfzehn am Lenkrad festgebundenen lebenden Gänsen. Mauern, Häuser, Scheuern, Dämme wachsen unter der Arbeit Hunderttausender emsiger Hände aus dem lehmigen Boden in den nebligen Himmel.

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„Wenn Hunde und Katzen bellen, scheint die Sonne in Szechuan“, sagen die Chinesen, und tatsächlich regiert Feuchtigkeit den Alltag der Provinz in jeder Jahreszeit. In dieser amphibischen Fruchtbarkeit, die hundert Millionen Menschen ernährt, pflanzen die Frauen alljährlich die Setzlinge in den Schlamm der Reisterrassen zwischen Chengdu und Chongking, und im Rhythmus der Jahreszeiten folgt der Bauer bis zu den Knien im Schlamm seinem Zugochsen über die Felder. Reis, Sojabohnen, Weizen, Gerste, Hirse und alle Arten von Gemüse spendet die gute Erde, und manche meinen, der Tee, diese Gabe Chinas an die Welt, sei im roten Becken von Szechuan entstanden. Feuchtgrün und lehmschwarz sind die vorherrschenden Farben in den Dörfern, und die Spitzen der laubbedeckten Buckelberge verschwimmen in jenem weißen Nebeldunst, den die chinesische Malerei immer wieder auf ihren berühmten Rollbildern beschwört.

China im Nebel hat durchaus etwas Beschauliches, und auch der Freund der Tropen, der die gleißende Sonne Javas und die scharfen Schatten Rajastans liebt, könnte sich an den weichen Umrissen szechuanesischer Berge ein wenig laben, würde er nicht in einem Bus über Land transportiert, dessen Federung an die einer Holzkiste erinnert. Auch zwischen Chengdu und Leshan gibt es noch immer jene Straßenpassagen und jenes Fahrgefühl, das Martha Gellhorn auf ihrer berühmten China-Reise vor zwei Generationen beschrieb: „Die Straße übertraf alles bisher Dagewesene. Wir klammerten uns mit einer Hand auf das Dach der Fahrerkabine, setzten einen Fuß aufs Armaturenbrett, und obwohl wir zusammen gepreßt dasaßen wie siamesische Vierlinge, wurden wir schlimm zerschlagen.“

In dieser Stimmung erreichten wir Leshan am späten Abend, einen expandierenden Marktort am Zusammenfluß von Daduhe und Minjiang, der bis vor kurzem nach der Meinung aller Reiseführer eine Enklave des traditionell-ländlichen Chinas war. Nun ist er mit Macht vom wirtschaftlichen Aufbruch des letzten Jahrzehntes ergriffen. Auf der Renminlu- und der Renmindonglu-Straße haben Neonlichtreklamen längst damit begonnen, die chinesische Nacht mit den Lockungen des Konsums zu erhellen, und sogar Karaoke wird als letzter Schrei in diesem entlegenen Provinzwinkel angeboten. Am traditionellen Szechuan-Topf, einem Gemüsefondue auf einem dampfenden stationären Herd, speisen die besseren Kreise der Stadt in Anzügen und Kleidern nach westlicher Mode: ein Ambiente im Übergang, das teilweise nicht der Komik entbehrt, wenn der europäisch gekleidete Garküchenkoch in der traditionellen chinesischen Hockstellung mit locker über den Knien herabbaumelnden Unterarmen am Straßenrand mit den Kundinnen eines Friseurladens parliert, die vor dem Geschäft in der Pracht ihrer kaisergelben Lockenwickler dem öffentlichen Treiben folgen.

Mode in Szechuan

Dieses öffentliche Treiben in Leshan besitzt  wenig Idylle, dafür aber eine eigentümliche Mischung aus Hektik und Deftigkeit. Jedermann scheint genau zu wissen, was er zu tun und wohin er gehen muss, und stets wird der direkte Weg gewählt. Im Unterschied zu Thailändern oder Malaien weichen die Chinesen keinen Fußbreit von Straße, rammen und rennen unter dem Diktat einer knappen Zeit, was so gar nicht zum Ruf der Höflichkeit passen will. Kein Wunder, dass man nirgendwo in Asien so viele Prügeleien auf den Straßen sehen kann wie in China:  Auf der Uferstraße von Leshan traten vor unseren Augen zwei komplette Familien zum Handgemenge an, mehr als ein Dutzend Kämpfer aus insgesamt drei Generationen prügelten sich unter den begeisterten Anfeuerungsrufen einer nach Hunderten zählenden Zuschauermenge. Als die eine Familie endlich flüchtete, jagte ihr die siegreiche Sippe drei Straßenzüge lang hinterher, gefolgt von der johlenden Meute. Von der Polizei war nichts zu sehen.

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Neben dem Garküchenrestaurant, von dem aus wir diese Szene beobachten, hebt plötzlich ein wildes Kreischen an: In irgendeiner Hausflurecke hat eine Maus sieben Junge geworfen, und die Kinder amüsieren sich mit diesen kleinfingergroßen, haarlosen Wesen, an denen nur ihre wild pochenden winzigen Herzen verraten, dass am Leben sind. Mit erstaunlicher Geschicklichkeit gelingt es den Halbwüchsigen, die kleinen Mäuse vorbeischlendernden Passanten in die Tüten oder Jacken zu stecken, um ihnen einige Sekunden später die missliche Nachricht zuzurufen, worauf die Betroffenen in ihre Taschen greifen und die kümmerlichen Wesen in hohem Bogen auf die Straße werfen. Hier werden sie, sofern sie noch leben, für eine nächste Runde dieses grausamen Spieles wieder eingesammelt.

Tierliebe gehört zweifellos nicht zu den Tugenden Chinas, wahrscheinlich ist dafür das eigene Leben zu hart, alles muss zuerst darauf untersucht werden, ob es der eigenen Lebenserhaltung zu dienen vermag. Entsprechend breit gefächert ist das Angebot an den Straßenständen in den Seitengassen der Dongdajie-Straße: Hier gibt es Krähenfüße, Hundeschwänze, Schlangenblut und Bambusratten zum Abendessen, die Eßbarkeit der Welt scheint keine Grenzen zu kennen.

Nordasien 1999 (47) Bietet das alltägliche Leben in Leshan also für den Touristen ganz erstaunliche Abenteuer, kommen die meisten Besucher doch nicht nur der provinziellen Deftigkeit wegen in die Stadt am Minjiang. Nur wenige Schiffsminuten jenseits der belebten Marktkais von Leshan befindet sich ein ganz anderes China: eine weltabgelegene Ansammlung kleiner Tempelgärten, Klöster, Pagoden, Brücken, Felsengänge, Teehäuser und Aussichtspunkte, über drei Hügel verstreut, und mitten unter ihnen die größte Buddha-Skulptur der Welt. Die chinesischen Dynastien stiegen auf und stürzten, doch nahezu alle haben das Ihre zu dem immer größer werdenden Tempelkomplex von Leshan beigetragen. So ist auf den beiden Seiten des Minjiang ein mikroskopisches Abbild des heutigen Chinas entstanden: vom rasenden Wandel selbst in der Provinz ergriffen und zugleich fest verwurzelt in den Tiefen der eigenen Geschichte.

Wenige Kilometer südlich von Leshan und in unmittelbarer Nachbarschaft der Tempelanlagen fließt der Daduhe in den Minjiang. Die Geschichtsschreiber der frühen Tang-Dynastie berichten von gefährlichen Vertiefungen im Flussbett, die zur Bildung unberechenbarer Strömungen und Strudel führten und den zentralen Schifffahrtsweg zum großen Yangtsekiang behinderten. Um der Kette von Schiffsunglücken unterhalb des Lingyun-Berges ein Ende zu bereiten, verfiel man zu Beginn des achten Jahrhunderts auf den Plan, an dieser Stelle ein gigantisches Abbild Buddhas aus dem Berg zu schlagen, eine ortsfeste Gnadenquelle, mit deren Kraft das verhängnisvolle Unheil aus den Tiefen des Minjiang gebannt werden sollte.

Unter der Leitung buddhistischer Mönche entstand so in neunzigjähriger Bauarbeit zwischen 713 und 803 am Westhang des Lingyun-Berges eine Buddha-Skulptur, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte. In den ursprünglich fast hundert Meter hohen, steilen Bergabhang wurde eine Nische geschlagen. In dieser Nische erwuchs, aus dem Berg herausgemeißelt, die größte Buddha-Skulptur der Erde, eine Kolossalstatue in sitzender Haltung, die vom Zeh bis zum Scheitel die Höhe von 71 Meter erreicht. Niemand, dem nicht der Atem stockt, wenn das Boot sich dem Lingyun so weit genähert hat, dass man in die Nische sehen und den Dafu-Buddha erblicken kann. Wie mit dem Berg verwachsen thront das Abbild des Erleuchteten inmitten des Gesteins, aus den Massen des Berges herausgehauen mit seinen stilisierten Armen und Beinen und dem fein ausgearbeiteten fünfzehn Meter großen Kopf, den neun Meter langen Füßen und seinen sieben Meter großen Ohren.

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Gewaltig wie dieses Projekt war auch die Epoche, die dieses Werk in Angriff nahm: Der Leshan-Buddha entstand in der Glanzzeit der chinesischen Geschichte unter der Tang-Dynastie, als China seinen bis heute einzigartigen Rang unter allen asiatischen Völkern errang. Das Reich der Tang war das Schwergewicht der damaligen Welt, bescheiden wirkt dagegen der Machtbereich der Kalifen von Iran bis Spanien und geradezu von lächerlicher Winzigkeit das etwa gleichzeitig entstehende Frankenreich als Keimzelle Europas. Changan, das heutige Xian, war damals als Hauptstadt der Tang mit über einer Million Einwohner die größte Stadt der Erde, zugleich der Endpunkt der transasiatischen Seidenstraße, über die China wie selten in seiner Geschichte neuartige Einflüsse aufnahm und assimilierte. Nicht über Indien oder Südasien, sondern über die Seidenstraße kam der Buddhismus in seiner zentralasiatischen Variante nach China, um hier in einer jahrhundertelangen Vermischung mit Taoismus und Konfuzianismus das Seine zur chinesischen Volksreligion beizutragen.

So ist auch im Unterschied zu den Kolossalstatuen Ramses‘ II. in Abu Simbel, die der Leshan-Buddha um das Dreifache überragt, seine Verwachsung mit dem Berggestein kein Zufall. Denn nach taoistischer Tradition werden die herausragenden Berge Chinas als göttliche Wesen verehrt, als heilige Riesen, die über das Leben der Menschen wachen. Der aus dem Berg herauswachsende Buddha versinnbildlicht nicht mehr und nicht weniger als die innige Verklammerung eines von seinen indischen Ursprüngen losgelösten Buddhismus mit den philosophischen Lehren Lao-Tses zu einer neuen Religion der hunderttausend guten Geister und Ahnen.

Allerdings kennzeichnet die Bauzeit des Leshan-Buddhas zugleich auch den Wendepunkt der chinesischen Geschichte in der Tang-Zeit. Die Bauarbeiten waren noch nicht einmal zur Hälfte vollendet, als in der Mitte des achten Jahrhunderts die Revolution des An-Lu-shan das Reich in seinen Grundfesten erschütterte und das Kaiserhaus zeitweise nach Szechuan vertrieb. Nach der mühsamen Restitution der Dynastie mit der Hilfe ausländischer Söldnertruppen  begann der Niedergang der Tang, vollzogen durch eine immer schärfer angezogene Besteuerungsschraube. Das trieb die Untertanen, ähnlich wie im spätrömischen Reich, als Mönche in die zahllosen Klöster, die zeitweise von allen Staatsabgaben befreit waren. Inmitten eines finanziell überforderten imperialen Staatswesens bildeten Tausende buddhistischer Klöster steuerfreie Enklaven der Meditation, der Kunst und der Architektur, bis der Staat der Tang im Jahre 842 eine viertel Million Mönche zurück in den Laienstand zwang. Vor dem Hintergrund dieser krisenhaften Zuspitzung im Verhältnis von Staatsmacht und buddhistischer Geistlichkeit erscheinen Finanzierung und Bau dieses gewaltigen Projektes um so erstaunlicher: Über Generationen hinweg waren die immer neu benötigten Gelder vor Söldnertruppen, korrupten Beamten und Fürsten zu sichern, und Tausende von Arbeitskräften mussten untergebracht, verpflegt und auch teilweise versteckt werden, wenn die Zwangsrekrutierungsbataillone des Kaisers durch die Provinzen zogen.

Schließlich wurde der große Buddha im Jahre 803 dann doch vollendet, mit einem aufwendigen Wartungssystem im Innern des Berges versehen und im Unterschied zu heute durch einen zusätzlichen Tempelvorbau vor der Verwitterung geschützt. Zur dankbaren Freude der Bevölkerung beruhigten sich tatsächlich auch die Strudel und Strömungen des Minjiang, denn der große Buddha hatte den Fluß gezähmt: ganz einfach dadurch, dass Bauschutt und Felsbrocken generationenlang in den Fluß geschüttet worden waren und auf diese Weise die verhängnisvollen Untiefen wunderbarerweise verschwanden.

Die Tang-Dynastie ging unter, die Mongolen vernichteten die Song, die Ming verjagten die Mongolen und erlagen den Mandschus, doch der riesenhafte Buddha blieb. Mit ihm entstand am ehemals gefährlichen Zusammenfluss des Minjiang und des Daduhe der kleine Ort Leshan, in der überwiegenden Zeit seiner Geschichte nichts weiter als der Ausgangspunkt zum Besuch des großen Buddhas, um den herum nun durch die Jahrhunderte hindurch ein immer weiter wachsender Komplex von Pagoden, Gärten und Tempeln entstand, eine Ablagerung der Gläubigkeit an einem heiligen Ort.

Eine Besichtigung des gesamten Komplexes beginnt an der Anlegestelle der Fähre unterhalb des Wuyou-Berges. Der Weg führt zunächst in das gleichnamige Kloster, in dessen größtem Gebäude, dem museal hergerichteten „Haus der heiligen Schriften“, der Besucher einen Einblick in die chinesische Kalligraphie erhält. Auch die Kalligraphie, die freie Kunstform des gebildeten Chinesen neben Poesie und Bogenschießen, gewann ihren kulturellen Rang in der Tang-Zeit: Als Ausdruck eines moralisch einwandfreien Charakters bestand die Aufgabe des Kalligraphen darin, Individualität und Tradition zu verbinden. Ob es sich bei den ausgestellten Schriftzeichen um Meisterwerke oder Schülerarbeiten handelt, wird der westliche Besucher allerdings nur schwer entscheiden können, ihm bleibt nur der ästhetische Reiz der tanzenden Striche.

Düster ist die Stimmung im „Tempel der drei Buddhas“. Sakayamuni, Manjushri und Samantabhadra, drei Bodhisattvas, die auf den Einzug ins Nirwana verzichten, um als gute Geister den Menschen in ihren alltäglichen Nöten zu helfen, thronen als meterhohe Goldfiguren einsam in ihren Hallen. Weder ein Besucher noch ein Mönch ist zu sehen, alles eilt schnurstracks durch das Kloster den Berg wieder hinunter über eine kleine Kettenbrücke, hinter der sich am Fuße des eigentlichen Lingyun-Berges der Weg gabelt. Hier entscheidet sich der wohlhabende Chinese in der Regel zwischen den Möglichkeiten, in einer kleinen Kutsche den Berg hoch zu fahren oder sich und seine Familie zu einem etwas preisgünstigeren Tarif in Bambustragegestellen eine steile Treppe emporwuchten zu lassen. Erstaunlicherweise gehen nur wenige einfach nach links weiter, hinein in ein faszinierendes Gewirr von schmalen, in den Fels hineingeschlagenen herauf- und herunterführenden Gängen in unmittelbarer Nachbarschaft des glucksenden Flusses. Dort steht man plötzlich vor einem meterhohen Zeh und legt den Kopf in den Nacken, um die gewaltigen Maße des Riesenbuddhas auf sich wirken zu lassen.

Aus der Nähe wirkt die Skulptur des Erleuchteten fast wie ein Stück Natur, das dabei ist, die geschichtliche Substanz wieder zu überwachsen. Überall sprießen Moosgewächse und Farnkräuter zwischen Zehen und Fingernägeln, und würde man nicht regelmäßig die Ohrmuscheln und die Brust der sitzenden Skulptur vom Bewuchs befreien, erschiene der Buddha längst wie eine brustbehaarte Götterfigur, der die Büsche aus den Ohren wachsen.

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Eine steile Treppe zur Linken führt nach oben, vorbei an Knien, Händen bis in die Höhe des ausgearbeiteten Kopfes, dessen Gesicht unbeteiligt in die Ferne blickt. Hier befinden sich auch zur Rechten und zur Linken des Kopfes zwei Teehäuser, von denen aus der Besucher, dem Blick des Buddhas gleichsam folgend, in die weite Ebene auf der anderen Seite des Minjiang hinausspähen kann. So vieles hat der Buddha zu seinen Füßen schon gesehen, Schlachten, Handel, Prozessionen, nun sind es vermehrt die Abwässer, die aus den neuen Fabriken im Süden Leshans in den Fluß geleitet werden. In der Höhe seiner metergroßen Augen standen zwölfhundert Jahre lang Kulis und Bonzen, Kaiser, Bauern, Mandarine, und nun fotografieren ihn die Adepten einer neokapitalistischen Gesellschaft mit ihrem bunten Tuch und lauten Gehabe.

Erst gegen Abend leeren sich die Teehäuser, und in der magischen Stunde Leshans ist man fast allein mit dem Riesenbuddha siebzig Meter über dem Fluss. Die Sonne verschwindet hinter den milchigen Wolken, und die Aura des bleifarbenen Himmels verbindet sich mit dem feinen Dunst des Minjiang zu einer unwirklichen Doppelbelichtung. Die Feuchtigkeit des hereinbrechenden Abends zieht sich um die Laternen des Teehauses zusammen wie durchsichtige, schimmernde Zellophantüten. In diesem milden, nachgiebigen Licht glaubt man sich plötzlich dem Geheimnis Chinas nah: der Gleichzeitigkeit von Lao-tse und Buddha, Courtoisie und Deftigkeit, von Kommunismus und Marktwirtschaft, von Vergangenheit und Gegenwart in einem Bild.

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