Der erste Sextourist in der Südsee

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Spurensuche in Tahiti

Wie eine Schildkröte, die ihren Kopf weit aus dem Panzer streckt, liegt die Insel Tahiti im Südpazifik. Tahiti Iti ist der nach Süden geneigte Kopf des Tieres, das größere und fast runde Tahiti Nui der Leib, und Spötter würden hinzufügen, daß genau da, wo sich das Hinterteil der Schildkröte befindet, die Stadt Papeete liegt, das unruhige Zentrum der französischen Gesellschaftsinseln, die nach landläufiger Ansicht nichts als Tänze, Kokospalmen und malerische Weißsandstrände bieten. Und doch gibt es, versteckt in Vegetation, genug Spuren einer wechselvollen Vergangenheit, die die Phantasie beflügeln, sich auf  eine Reise durch die Geschichte zu begeben.

Eine erste Station für eine solche Spurensuche ist, etwa fünfzehn Kilometer von Papeete entfernt, ein unscheinbarer Bau am Rande einer unübersichtlichen Straße – das Tahiti-Museum, das sich mit der Naturgeschichte der Südsee beschäftigt. Auf großen Karten erfährt der Besucher hier von der tektonischen Verschiebung gewaltiger Erdplatten auf dem Grunde des Pazifischen Ozeans. Unterwasservulkane wachsen in Jahrhunderttausenden vom Meeresboden der Wasseroberfläche entgegen, durchbrechen sie schließlich und werden zu jungen, dampfenden Inseln, den formenden Kräften von Regen, Wind und Sonne preisgegeben. Da sich die pazifische Platte etwa zehn Zentimeter jährlich in nordwestlicher Richtung weiterbewegt, verlieren diese jungen Inseln irgendwann einmal den Kontakt zu ihrer unterirdisch-vulkanischen Geburtsstätte, sie erkalten, erodieren, verfallen und versinken unter der Last ihres eigenen Gewichtes wieder ins Meer zurück, nichts zurücklassend als eines jener zehntausend Atolle, deren riffartiger, flacher Rand das große Wassergrab eines ehemaligen Vulkans umsäumt.

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Fünfzig, hundert oder dreihundert Kilometer weiter erzeugt dann der gleiche „heiße Fleck“, der vulkanisch aktive Durchlaß auf dem Meeresboden, eine neue Insel, so daß sich im Laufe der Jahrmillionen kettenartig angeordnete Landflächen im Ozean bilden, geologische Geschwister mit einem unterschiedlich hohen erdgeschichtlichen Alter. Bora Bora hat in diesem Prozeß das Stadium der vollkommenen Schönheit erreicht: Der ursprüngliche Vulkan mit seinen gezackten Spitzen ist noch nicht im Meer versunken, und schon hat sich ein Saumriff gebildet. Tahiti dagegen ist erdgeschichtlich jünger und vom Stadium des Atolls noch Jahrmillionen entfernt.
Fast jeder, der den pazifischen Großraum bequem in einem Düsenjet überfliegt, fragt sich, wie es möglich war, den ozeanischen Wasserkontinent zwischen Asien und Südamerika nicht nur auf winzigen Schiffen zu überqueren, sondern auch noch die in unendlichen Wassermassen verstreuten Inseln und Atolle zu entdecken. Es gibt heute keine Zweifel mehr, daß die Menschen, denen diese erstaunlichste Leistung in der Entdeckungsgeschichte gelang, aus dem Westen kamen. Im Strudel der beiden großen malaiischen Wanderungen, als die indonesische und die philippinische Inselwelt von Südchina aus besiedelt wurden, wandten sich die Vorfahren der heutigen Polynesier immer weiter nach Osten, passierten Neuguinea, die Salomonen und Vanuatu, um schließlich am Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends das pazifische Dreieck, die Inselgruppen Fidschi, Tonga und Samoa, zu erreichen. Immer kleiner werden nun die pazifischen Inseln in östlicher Richtung, immer waghalsiger mußten die Fahrten dieser „Wikinger des Pazifiks“ in ihren Auslegerkanus werden, und trotz der ausgeklügelten Sternennavigation, die die polynesischen Seefahrer im Kampf mit dem Ozean entwickelten, werden sicher Abertausende dieser Kanuexpeditionen in den endlosen Weiten des Südpazifiks gescheitert sein. Eine Kombination traditioneller Erfahrungen über Windrichtungen, Wassertemperatur und Meeresströmungen, das Wissen um die Distanzen, die unterschiedliche Arten von Vögeln zurücklegen, die Deutung bestimmter Wolkenstreifen am Horizont, die sich immer nur über einer Insel bilden, und die Kenntnis der geheimnisvollen Te lapa, sogenannter Unterwasserblitze, die im Umkreis von bis zu einhundert Kilometer um manche Inseln sichtbar sind, führten zusammen mit der Nutzung des südpazifischen Sternenhimmels als Navigationshilfe die Kanuflotten in einer Mischung aus Berechnung, Zufall und Glück spätestens etwa im siebten oder achten Jahrhundert vor Christus nach Tahiti – und im Verlauf des folgenden Jahrtausends bis in jeden weiteren besiedlungsfähigen Winkel zwischen den Osterinseln, Hawaii und Neuseeland.

Über die zweieinhalbtausend Jahre alte vorchristliche Kultur Tahitis sind wir nur sehr unvollkommen unterrichtet. Wie in der ganzen Welt hat der missionarische Eifer der christlichen Kirchen alles Heidnisch-Unkeusche getilgt, und die enthusiastischen Weltumsegler des achtzehnten Jahrhunderts haben schon vorher das Ihre dazu getan, das Tahiti-Bild nach dem Muster europäischer Träume vom irdischen Paradies zu kolorieren. Die wirklichen Lebensumstände dürften prosaischer gewesen sein: Die Polynesier lernten die einfachen Formen des Ackerbaus, pflanzten und ernteten Taro und Brotfrucht, betrieben Fischerei und Haustierhaltung, und – auch wenn das heute gerne den dunkelhäutigen Melanesiern in die Schuhe geschoben wird – sie waren Gelegenheitskannibalen und wußten mitunter den mentalen und proteinhaltigen Wert eines verspeisten Feindes durchaus zu schätzen. Robert Louis Stevenson, der einfühlsame, aber scharfsichtige Chronist Altpolynesiens, vermutet sogar, daß „in knappen Zeiten alle, die nicht durch ihre Familienbeziehungen geschützt waren, um ihr Leben zittern mußten. Jeder Widerstand war vergeblich, jede Flucht nutzlos. Auf allen Seiten war man von Kannibalen umgeben. Das Feuer war bereit, der Ofen rauchte, sei es in Feindesland, sei es im Tale der Väter.“

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Dementsprechend waren die altpolynesischen Götter mehr strafende Rächer als hilfreiche Geister, objektiviert in grob stilisierten Steinkolossen, den sogenannten tikis, denen als leibhaftige Verkörperung eine ängstliche Verehrung zuteil wurde. Eine solche altpolynesische Kultstätte, der Marae Arahurahu, der Tempel der Asche, wurde in den fünfziger Jahren an der Westküste von Tahiti restauriert – eine Art Mini-Tikal mit Steinterrassen und weiträumigen Versammlungsplattformen, flankiert von zahlreichen Tikis, deren undeutlich ausgeführte Physiognomien ein wenig an die mexikanischen Olmeken-Gesichter erinnern. Hölzerne Totems am Eingang des Hains, ein kleiner Wasserfall hinter der Tempelanlage und zahlreiche Pflasterpfade, die einige Meter in den Wald hineinführen und die an kleinen kreisrunden Versammlungsstätten enden, stimulieren fantastische Vorstellungen von heidnischen Saturnalien. Schon Stevenson wußte nicht mehr genau, was sich hier abgespielt hatte. Nur aus den Erzählungen der Einheimischen ließ er sich zu Schilderungen voller Blut und Menschenopfer inspirieren: „In den Festzeiten strömte der Stamm zu Scharen zu dem Heiligtume, und jeder hatte seinen bestimmten Platz. Es gab Sitze für die Häuptlinge, Tänzer, Trommler, Frauen und Priester. Die Trommeln – vielleicht zwanzig an der Zahl und manche von ihnen zwölf Fuß hoch – dröhnten fortgesetzt im Takt. Im Takt ließen die Sänger ihren langgezogenen, schaurigen, heulenden Gesang ertönen, im Takt und mit ihrem kostbaren Putz bekleidet, schritten, sprangen, schaukelten die Tänzer mit ihren federgeschmückten Fingern durch die Luft. Barbarisch müßten diese Menschen dem Europäer erschienen sein, der sie hätte belauschen dürfen, wie sie dort in glühender Sonne und im Schatten des Bayan hockten, eingeschmiert mit Safran, um den Arabesken der Tätowierung ein noch stärkeres Relief zu geben.“

Im Schatten des Mount Ivirairai, etwa fünfzig Kilometer von Papeete entfernt, erreicht man den kleinen Ort Mataiea am Südrand von Tahiti Nui. In dieser abgelegenen Enklave bezog der Maler Paul Gauguin zusammen mit einer einheimischen Schönheit im Jahre 1891 sein provisorisches Tropenatelier, ein Experimentierfeld für neue Farben und Formen, dessen Produkte das westliche Südseebild entscheidend verändern sollten.
Aus der Verdrossenheit, die den Künstler sein ganzes Leben lang plagte, seinem bis zum Ekel reichenden Abscheu gegen die westliche Zivilisation und aus dem fast manischen Wunsch, in dieser paradiesischen Enklave des Planeten alle Gegensätze des Lebens in einer höheren Harmonie zu vereinen, entstanden die ersten Tahiti-Bilder, ungewohnte Darstellungen massiger polynesischer Figuren, eingebettet in eine verschwenderisch wuchernde Natur und gemalt in den glühenden Farben des europäischen Expressionismus. Deswegen sind die Bilder Gauguins auch nicht in erster Linie Abbildungen des alttahitianischen Alltagslebens sondern Entwürfe anthropologischer Hoffnungen, in denen sich die europäischen Gegensätze von Transzendenz und Immanenz, Natur und Mensch, Leib und Seele, Mann und Frau im Zusammenspiel neuartiger Farben und Formen versöhnen. Es entstanden allerdings auch einige Gauguain-Gemälde mit eindringlichen ethnographischen Aussagen, etwa das Manao-tupapau-Bild, das ein tahitianisches Mädchen in der Nacht zeigt, verkrampft, die Augen geöffnet und voller Angst vor Tupapau, dem Geist der Toten, der als eine schwarze Gestalt mit weißen Augen vom Kopfende des Bettes her das Laken berührt.

Der Besucher des Gauguin-Museums allerdings wird enttäuscht. Natürlich sind die Werke des Künstlers aus dieser Epoche seines Schaffens auf die großen Museen der Welt verteilt, aber man hätte sie hier wenigstens als Reproduktion erwartet. Statt dessen sieht man sich einer geradezu verwirrenden Aneinanderreihung von Werkkopien in Postkartengröße auf meterlangen Wänden gegenüber, und wer sich nicht gerade für Holzschnitzereien und Drucke interessiert, wird nach der Besichtigung etwas unbefriedigt durch den gepflegten Garten des Museums wandeln. Hier hat man in einer etwas rätselhaften Dramaturgie einen fast drei Meter hohen und zwei Tonnen schweren dunklen Basalt-Tiki aufgestellt, einen Monolithen, der noch immer beachtliche Ängste der Einheimischen mobilisierte, als man ihn im Jahre 1965 von einer kleineren Insel hierher verfrachtete. Stumm und rostbraun steht er auf dem sorgsam gepflegten Rasen, Desiderat einer letztlich nicht mehr entzifferbaren altpolynesischen Kultur, deren Widerschein in einem französischen Künstlergemüt eine maßgebliche Epoche der abendländischen Malerei beeinflußte.

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Um den Eklektizismus dieses Ortes auf die Spitze zu treiben, ist dem Museum und dem Tiki-Garten ein botanischer Park angefügt, in dem sich die exotischen Bäume und Pflanzen aus aller Welt zu einem universalen floristischen Konvent vereinen. Wie Dome wirken die mächtigen Bayan-Bäume, deren lianenartige Zweige von der beachtlichen Höhe des Baumes nach unten wachsen und sich als neue Wurzeln in die Erde graben. Der fächerartige travellers tree steht neben dem harmlos wirkenden Durian-Baum, an dem die stinkendste aller Früchte wächst, efeuartige Gewächse in Häusergröße überwölben ganze Baumgruppen, und der Seerosenteich mit seinem Palmenspalier wirkt vor der Kulisse des pazifischen Horizontes wie der Titelbildentwurf für einen Südseereiseführer. Und wer denkt unter dem Spalier der Brotfruchtbäume im Süden von Tahiti Nui nicht an Kapitän Bligh und die Bounty-Expedition, die im Jahre 1789 im Auftrage der britischen Admiralität die Ableger ebendieser nahrhaften Frucht nach Jamaika bringen und damit die Verköstigung der Plantagensklaven sichern sollte? Bekanntermaßen kam es auf der Rückreise noch in der Nähe von Tahiti zu der berühmten Meuterei, die Brotfruchtbäume flogen ins Meer, Fletcher Christian floh mit seinen Getreuen nach Pitcairn, und Kapitän Bligh, der wider Erwarten mit seinen Getreuen seine „Verbannung“ in ein winziges Beiboot überlebt hatte, begann seine rachsüchtige Jagd nach den Meuterern durch die Inselwelt des östlichen Polynesiens.

Gleich hinter dem Gauguin-Museum erreicht die Uferstraße die Landenge von Taravao. Wer will, kann auf der recht holprigen Straße über Pueu bis nach Tautira auf Tahiti Iti fahren, einer jener Stellen, von der der kränkelnde Stevenson gegen Ende seines Lebens meinte, daß der Anblick ihrer Schönheit auf geheimnisvolle Weise auch das zur Neige gehende Leben verlängere. „Fast zehn Jahre war es mit meiner Gesundheit ständig bergab gegangen, längere Zeit vor Antritt meiner Reise glaubte ich, daß es zum letzten Abschnitt meines Lebens gekommen wäre und daß nur noch Krankenschwester und Leichenbetatter meiner harrten“, so beginnt Stevenson seine Südseegeschichten, in denen er im Bewußtsein ihres herannahenden Untergangs der Kultur Ozeaniens ein unsterbliches literarisches Denkmal schuf. „Man schlug mir vor, ich solle es mit der Südsee versuchen, und ich war nicht abgeneigt, gespenstergleich und unheilverkündend, die Stätten aufzusuchen, die mich schon in Jugendkraft und Gesundheit gelockt hatten.“

3-SamoaStevensons Grab auf in der Nähe von Apia auf Samoa

Von Tautira aus erfaßt der Blick die südöstliche Silhouette von Tahiti Nui und die immer ein wenig wolkenverhangenen Gipfel des zentralen Orohena-Tetufera-Massivs. Schroff und wie zu einem gigantischen Faltenwurf drapiert, fallen die Bergrücken in die Täler, den ganzen Tag über ausgemalt vom wechselnden Spiel von Sonne, Schatten und Wolken, laufen aus in schmale Strände, umgeben von dunklen Felsen, Palmenblättern und dem helleren Wasser junger Lagunen. Entlang dieser Küste wendet sich nun die Straße wieder nach Norden. Die kleinen Siedlungen am Straßenrand oder in der Nähe der zahlreichen Wasserfälle und Bergseen liegen wie in einem Garten der Natur: Tiere, Hibiskus und Bougainvillea ergänzen das allgegenwärtige saftige Grün, hellblau glänzt der nachmittägliche Himmel über Tahiti, und das tiefe Blau des Pazifiks umgibt die Insel wie eine unsichtbare Grenze. Aber die Natur entwirft sich nicht nur selbst als ein vielfarbiges Bild landschaftlicher Vollkommenheit, sie spielt auch mit den Rändern des Ozeans, hat zahlreiche blowholes entstehen lassen, durchlöcherte Uferfelsen, durch die die Meeresgischt wie ein immerwährender Springbrunnen in die Lüfte schießt.

Niemand wird es wundern, daß es den drei Weltumseglern und ihren Begleitern, die im 18. Jahrhundert die Insel kurz nacheinander an diesem Küstenabschnitt erreichten, so erschien, als hätte man das langgesuchte irdische Paradies gefunden. Der erste Europäer, der in der Matavai Bay, nur etwa zehn Kilometer vom heutigen Papeete entfernt, am 18. Juni 1767 den Boden Tahitis betrat, war der englische Kapitän Samuel Wallis, der im Auftrage der britischen Admiralität auf der Suche nach dem sagenumwobenen großen Südkontinent war. Wallis, selbst mit einer eher kränklichen Konstitution geschlagen, vermerkt voller Anerkennung, wie stattlich und gesund die Inselbewohner den Europäern gegenübertraten, und gerne nahm er die schöne Insel, die ihre so gut aussehende Einwohnerschaft „Otheiheita“ nannten, unter dem allerdings etwas prosaischen Namen „King George III-Land“ in Besitz. Nach einigen anfänglichen Mißverständnissen hatte man sogar viel Freude aneinander: Die Tahitianer konnten sich köstlich darüber amüsieren, wenn die Offiziere der „Dolphin“ ihre Puderperücken in der Hitze abnahmen und neu justierten, und die Mannschaften entdeckten zu ihrer ungläubigen Freude, daß sich die einheimische Damenwelt alles andere als prüde verhielt. Für ein paar rostige Schiffsnägel gab es schon für den jüngsten Maat weitreichende Liebesdienste, so daß Wallis schließlich um die Seetüchtigkeit der „Dolphin“ fürchten mußte und befahl: „Um das Schiff davor zu behüten, in Einzelteile zerlegt zu werden, bestimme ich, daß keinem der Männer mehr ohne besonderen Befehl erlaubt wird, an Land zu gehen.“

Es war noch kein Jahr vergangen, da erschien am 3. April 1768 die französische Fregatte „La Bodeuse“ (Schmollendes Weib) am Horizont. Ohne voneinander zu wissen, hatten die beiden großen europäischen Seemächte kurz nacheinander Tahiti entdeckt. Auch der französische Kapitän Louis Antoine de Bougainville war begeistert von der Stattlichkeit der Einwohner und der Schönheit der Insel, und als gebildeter Mann seiner Zeit nannte er die vermeintlich neuentdeckte Insel La Nouvelle Cythère. Wie es scheint, gingen die Franzosen viel unbefangener als die Engländer mit der freizügigen Art der Einheimischen um, und Prinz Charles von Nassau-Siegen, an das lockere Leben von Versailles gewöhnt, fand sich in den Hütten auf Anhieb so gut zurecht, daß er wahrscheinlich für sich den zweifelhaften Ruhm in Anspruch nehmen kann, der erste europäische Sextourist in der Südsee gewesen zu sein.

Bougainville selbst, der in zurückhaltender Bescheidenheit nur dem auf der Insel wachsenden Rotbuschgesträuch seinen Namen gab, bemerkt nach der ersten Begeisterung durchaus die abstoßenden Züge des tahitianischen Lebens: „Der Unterschied zwischen den Ständen ist stark ausgeprägt und das Mißverhältnis grausam. Die Könige und die Vornehmen haben über das Leben ihrer Sklaven und Vornehmen völlige Gewalt. Ich vermute sogar, daß sie dieses barbarische Recht selbst über den Mann des einfachen Volkes haben, wenigstens ist es gewiß, daß man zu den Menschenopfern allzeit welche aus jener unglücklichen Klasse nimmt.“ Auch mit der paradiesischen Unschuld war es nicht so weit her, wie man dachte: Diebstähle und Schlägereien nahmen schließlich ein solches Ausmaß an, daß er früher als geplant schon am Morgen des 15. April 1768 Tahiti wieder verließ.

Vielleicht in dem melancholischen Enthusiasmus, der allem Abschied eigen ist, verfaßte er, schon auf hoher See, seine berühmte Beschreibung, die den Tahiti-Mythos in Europa etablierte: „Die Natur hat Tahiti einen Platz unter einem der schönsten Klimate der Erde zugewiesen, sie hat ihr ein herrliches Aussehen verliehen, sie mit allen ihren Gaben geschmückt und sie mit schönen, großen, kräftigen Einwohnern versehen. Sie befolgen die Gesetze, die ihnen die Natur diktiert, in Friedfertigkeit und bilden die glücklichste Gesellschaft auf diesem Erdball. Gesetzgeber und Philosophen, kommt her, und seht hier die Verwirklichung dessen, was selbst eure Phantasie sich nicht hätte erträumen lassen. Ein zahlreiches Volk, das aus schönen Männern und hübschen Frauen besteht, das in Überfluß und Gesundheit lebt!“ Es blieb dem Enzyklopädisten Diderot vorbehalten, aus diesen Sentenzen Bougainvilles und in strikter Mißachtung aller seiner kritischen Beobachtungen den Mythos des guten Wilden aus Tahiti populär zu machen.

Lange brauchten die Tahitianer nun nicht mehr auf den nächsten Besuch zu warten. Schon am 13. April 1769 erschien James Cook mit seinem berühmten Kohlenschiff „Endeavour“ in der Matavai Bay. Aus den Berichten des Kapitäns Wallis klug geworden, verbot der nüchterne Engländer von Anfang an jede Art von Tauschhandel gegen Liebesdienste. Statt dessen ließ er während seines dreimonatigen Aufenthaltes die Küsten kartographieren und beobachtete vom heute so genannten Point Venus aus am 3. Juni 1769 im Auftrag der britischen Royal Society einen vorausgesagten Venusdurchgang.

6-Tahiti (8)Matavai Bay auf Tahiti

Der Point Venus, in dessen Umkreis Wallis, Bougainville und Cook gelandet waren, ist heute ein bescheiden aufgemachter Gedenkplatz, flankiert von einer französischen Militärstation im Osten und einem Luxushotel im Südwesten. Genau hier, wo die gestrengen Missionare der London Missionary Society im Jahre 1797 den Boden Tahitis betraten, baden heute junge Französinnen neben gut genährten Polynesiern, und vor der Kulisse der Insel Moorea am Horizont trinken die multikulturellen Schwarzsandbenutzer zur Nacht Cola mit Rum. Seltsame Purzelbäume schlägt die Geschichte mitunter, denn jene Nacktheit, die die protestantischen wie katholischen Missionare den Einheimischen, so gut es ging, verboten, bringen die touristischen Nachfahren jener Missionare als „oben ohne“ wieder wie selbstverständlich an die Strände Tahitis zurück.

Am Wirken der christlichen Missionare scheiden sich die Geister bis heute. Sie brachten den Einheimischen die Kunde vom gnädigen Gott und konnten ihnen zugleich mit der ewigen Verdammnis drohen. Durch sie verschwanden Kannibalismus und Menschenopfer, es kamen die Baumwollhose und die Bigotterie in Mode. Alles in allem aber, so urteilt der keineswegs kirchenfreundliche Stevenson, waren sie „trotz ihrer ungeheuerlichen Fehler, trotz ihres Mangels an Aufrichtigkeit, gesundem Menschenverstand und Humor noch immer die besten und nützlichsten Weißen im Pazifik“.

Möglich, daß die Missionare humorlos und unaufrichtig waren, an gesundem Menschenverstand hat es ihnen aber bestimmt nicht gemangelt. Jedenfalls erkannten sie recht schnell, daß eine vollständige Missionierung der Insel nur auf der Grundlage einer politischen Einigung möglich sein würde, und so verlief die Christianisierung Tahitis nach dem gleichen Drehbuch, das die Spanier auf den Philippinen, die Engländer auf den Fidschii-Inseln und die Amerikaner auf Hawaii in die politische Wirklichkeit umsetzten: Ein Stammeshäuptling in der Umgebung der Ankerplätze wurde dazu ausersehen, mit europäischer Hilfe sein kleines Heimatland zu einigen, um es dann, frisch missioniert und geordnet, als ein weiteres Puzzle in die weltweiten Kolonialreiche der westlichen Industrienationen zu überführen.

Im Falle Tahitis führte diese Variante der Kolonialgeschichte zum Aufstieg und Fall der Pomare-Dynastie, einer bemerkenswerten Mischung aus Rührstück und Farce, mit der die Geschichte des freien Tahiti endet. Der im Umkreis des Point Venus herrschende und oberflächlich bekehrte Stammeshäuptling Pomare stieg mit Hilfe der von den Missionaren verschafften Feuerwaffen schnell zum mächtigsten Mann des nördlichen Tahiti auf. Zwar mußte 1808 sein Sohn Pomare II. vor einer feindlichen Koalition nach Moorea flüchten, doch 1815 gelangen ihm – wieder mit durchaus weltlicher Hilfe der frommen Männer aus London – die siegreiche Rückkehr nach Tahiti und die Einigung der Insel als Königreich. Dessen Sohn, der dritte dieses Namens, starb bereits nach wenigen Jahren. Von 1827 an regierte die Königin Pomare IV. recht friedlich, als plötzlich 1842 die Franzosen auf Tahiti erschienen und das Inselreich zunächst zum Protektorat und dann zur Kolonie degradierten. Die Briten, die gerade in diesem Jahr sich erfolgreich in Hongkong etabliert und ihrerseits soeben die Franzosen aus Neuseeland vertrieben hatten, wollten es wegen einer abgelegenen Insel nicht zu einem Krieg kommen lassen, und so wurden die dringenden Hilfegesuche der Königin Pomare an die Königin Victoria von England abschlägig beschieden.

An den letzten dekadenten Sprößling der Pomare-Dynastie, den asthmatischen Alkoholiker Pomare V., erinnert ein merkwürdiges Grab an der Seeseite der Uferstraße, nur wenige Kilometer von der östlichen Stadteinfahrt Papeetes entfernt. Er hatte bereits drei Jahre nach dem Tod seiner Mutter im Jahre 1880 gegen die Zahlung einer guten Pension auf sein Königreich zugunsten der Französischen Republik verzichtet und dann noch immerhin elf Jahre benötigt, bis er als gebrochener Mann an den Folgen übermäßigen Alkoholgenusses 1891 verschied. Sein trapezförmig gebautes unscheinbares Grab, das mehr an eine Stromleitungsstation als an die letzte Ruhestätte eines Königs erinnert, wird denn auch nur auf den ersten Blick von der Nachbildung einer griechischen Urne gekrönt, nach Meinung der Einheimischen handelt es sich um eine überdimensionale Flasche Benediktiner-Likörs, des Lieblingsgetränks des letzten Königs von Tahiti.

6-Tahiti (2)           Hier liegt ein Schlucker begraben: Grab König Pomares V von Tahiti

Am Grab dieses unglücklichen Trinkers ist denn auch die geschichtliche Rundreise durch Tahiti zu Ende. Wer am frühen Morgen Papeete in westlicher Richtung verließ, erreicht nun am Abend wieder die Gegenwart, in der mehr als 70000 Menschen – fast die Hälfte der Bevölkerung Französisch-Polynesiens – ein für südpazifische Verhältnisse recht hektisches Leben führen. Die Strandpromenade hier könnte auch am Mittelmeer liegen: Restaurants säumen die Uferstraße, in Kiosken, Crêperien, Konditoreien türmen sich die Gaben Frankreichs an die Welt: Croissants, Baguette, Café au lait, Käse und Rotwein. Man würde sich dafür gern von Herzen dankbar zeigen, wenn im Gegenzug die französische Militärpräsenz und damit auch das permanente Mirakel französischer Atombombentests in Ostpolynesien für immer verschwinden würde.

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